Submitted by andrea on Sun, 05/24/2020 - 05:58

Empört euch!

Lieber nicht zu schnell.

Endlich liegt eine umfassende Karl-Kraus-Biografie vor, ich bin gespannt und muss warten, bis sie in der Bibliothek verfügbar und nicht gerade vergriffen ist.

Ich habe die herrlichen Aphorismen der Berta Pappenheim in meine frelich sehr unvollständige Zitate-Suchmaschine eingepflegt, die letzte vom Prototyp dieser Website übrig gebliebene technische Spielerei. Wer Berta Pappenheim noch nicht kennt, sollte unbedingt die dazu erschienene Biographie und Doktorarbeit von Ellen Janssen lesen. Wird leider nicht mehr aufgelegt, also bitte in Bibliotheken und Antiquariaten stöbern!

Berta Pappenheim ist manchem Zeitgenossen eher unter dem Pseudonym Anna O. bekannt, also die Dame, auf deren Rücken sich Sigmund Freud seinen Ruf erarbeitet hatte.
Eigentlich wollte ich mit der Lektüre über das Leben der Berta Pappenheim nur meine Vorurteile über den Säulenheiligen der Psychoanalyse bekräftigen. Das, immerhin, ist mir gelungen. Auch unter Berücksichtung, dass auch dieser Mensch ein Kind sind seiner Zeit war, mag ich Sigmund Freud immer noch nicht. Daher Karl Kraus, der den Wiener Zirkus um Sexualneurosen gründlich durchschaut hat. Karl Kraus ist eine Zumutung. Karl Kraus tut weh.

Berta Pappenheim war eine kluge und vor allem handelnde Feministin erster Stunde, mehr als das: Sie war Lebensretterin, Lehrerin und Gouvernante. Und damit bin ich bei meinem Thema: Der Empörung und dem Feminismus bzw. was heute im westlichen Dunstkreis darunter verstanden wird. Und der Identitätspolitik.

Nein, Ladies, Frauen sind nicht per definitionem oder per Vorhandensein eines Uterus die besseren Menschen. Es ist ja wohl eine Binse, dass die Aufseherinnen in Ravensbrück, nicht notgedrungen irgendeinen Job machten. Es waren gut dotierte Posten mit Renommee, die Damen Überzeugungstäterinnen. Dazu vielleicht Oskar Maria Grafs ‘Anton Sittinger’. Sehr sympathisch diese Malwine.

Dass man mir meine Kinderlosigkeit vorwerfen wird, ist so vorhersehbar wie das Amen in der Kirche. Ich werde damit leben müssen. Auch damit, dass ich mit solchen Anwürfen schon öfter konfrontiert wurde, bis zuverlässig das Argument kam, immerhin hätte man künftige Rentenbeitragszahler in die Welt gesetzt. Na dann Prost, Mahzeit!

Ich bin mir ziemlich sicher, dass der überwiegende Teil der Mütter, ihre Kinder innig lieben und sie verantwortlich erziehen. Dass Kinder Führung brauchen, nun ja, in gewissen Kreisen immer noch Anlass zu Kontroversen.

Den größten Hype um die Mutterschaft betreibt ja nicht einmal die katholische Kirche mit der Marienverehrung. Nein, den größten Mutterkult betrieben eben die Nazis, weil sie Gebärmaschinen für ihr Kanonenfutter brauchten.

Im Übrigen werden immer noch und gerade die lieben Kleinen verklärt und verkitscht. Kinder sind keine kleinen Erwachsenen, ich befürworte also sehr eine kindgerechte Erziehung. Aber irgendwie ‘rein’ und ‘unschuldig’ sind sie eben auch nicht. Es wird wohl schon jeder beobachtet haben, dass Kinder, so bald sie zehn Worte sprechen können, auch, wenn ihnen was nicht passt, ‘Aua’ schreien, auch wenn da gar kein Aua ist. Sie lügen also, unternehmen erste Gehversuche in der Kunst der emotionalen Erpressung . Das Lügen ist dem Menschen in die Wiege gelegt. Und in gewissen Situationen notwendig, wenn es beispielsweise um den Austausch von Höflichkeiten geht.
Ich fürchte, die verkürzte Form, ein 'Gebot' wie aus dem Struwelpeter – Du sollst nicht lügen – des ‘Du sollst nicht falsches Zeugnis reden wider deinen Nächsten’ - sind zwei völlig verschieden Paar Stiefel.

Söhne haben immer auch Mütter. Männer, die sich als Feministen gerieren, gewinnen bei mir höchstens die Miss Verständniswahl.

Mit all dem habe ich keineswegs gesagt, dass sich Frau und Mann nicht die Familienarbeit aufteilen sollen und können. Aufgrund meiner ganz persönlichen Biographie würde ich mich – als Europäerin mit meinen Erste-Welt-Problemen – eher für Väterrechte einsetzen. Denn da herrscht Schieflage.

Dass die Jungs in der Schule zu kurz kommen, diese These unterstützt etwa auch Luise Reddemann, eine führende Expertin in der Traumaforschung, übrigens psychoanalytischer Schule.

Identitätspolitik, ein neues, sehr zeitgeistiges Projekt. Was ist überhaupt Identität in unserer hoch individualisierten Welt? Einen grünen oder roten Fjällraven Kanken auf dem Rücken zu tragen? Auto oder Fahrrad zu fahren? Fleisch zu essen oder einen vegetarischen oder veganen Lebensstil zu pflegen? Mir scheint jedenfalls, dies wirklich ein subjektiver Eindruck, dass sich Männer damit leichter tun, Kumpels zu haben, die in solchen Äußerlichkeiten anders ticken, jedenfalls nicht missionierend oder belehrend auf Andere einwirken zu wollen. Es mag meinem eigenen Geschlecht geschuldet sein, dass ich mit diesem härter ins Gericht gehe. Verzeihung! Nein, nicht Verzeihung, da müsst ihr durch, meine Damen!

Soll ich überhaupt auf diese hysterische #metoo-Debatte eingehen? Immer wenn ich mit meinem besten Freund chatte und etwas bei mir ähnlich verläuft, schreibe ich kurz: #metoo Smiley.
Hier habe ich nun wirklich Erfahrung, ich bin das Opfer frühkindlicher anhaltender sexueller Gewalt. Aber was sich da unter dem Hashtag versammelt, ist einfach nur lächerlich, Drama Queens.
Ich bin keine Befürworterin von Schuluniformen, Kleidung ist ein Ausdrucksmittel. Und ich würde da keine Vorschriften machen. Die Jungen und Mädchen müssen ihre eigenen Erfahrungen machen. Und die Mädchen werden vielleicht die Erfahrung machen – gerade in der Pubertät -, dass sie angestarrt werden, wenn sie sich allzu freizügig kleiden, gar die primären Geschlechtsmerkmale betonen. Ich glaube nicht, dass pubertierende Jungs im Großen und Ganzen zu Übergriffigkeiten neigen, aber das bei diesen auch die Hormone verrückt spielen und sie deshalb allzu offensichtlich starren, düfte, nein müsste, verständlich sein.
Nichts davon rechtfertigt sexuelle Übergriffe, in welcher Form auch immer. Das merke ich nur an, weil ich weiß, dass ich da aktiv und bewusst missverstanden werden werde.

Also, empört euch, ihr Weltverbesserer!

Über ‘kulturelle Aneignung’ etwa. Das halte ich entsprechend kurz, weil ich so gut wie nie gereist bin. Kurz: Ich kann mir vorstellen, dass Menschen auf dem afrikanischen Kontinent, auch was die Identität betrifft, ganz andere Sorgen haben als die, ob ein europäische Twen Rastazöpfe trägt. Sich über so etwas zu empören, zementiert doch die euro-zentrische Weltsicht , die diese Protagonisten, die eigentlich immer nur mit sich selbst beschäftigt sind, vorgeben zu bekämpfen – wollen sie doch den Menschen in den afrikanischen Ländern auch noch vorschreiben, worüber sie sich zu empören haben.

Überhaupt, diese ganze Empörerei ist ein Luxusgut, das man sich gut und gerne sparen könnte. Würde das Leben leichter machen.

In diesem ganzen Lärm und Geschrei gilt nur noch: Wer lauter heult, hat Recht.

Dank Alice Miller, bei der es mich überhaupt nicht überrascht hat, als heraus kam, wie sie mit ihrem eigenen Sohn umgegangen ist, sind wir alle hochbegabte Underachiever, die eigentlich (sic!) wahnsinnig erfolgreich wären, wäre nur die Welt eine andere.
Das Gegenteil des Experten ist selten der Universalgelehrte, eher der Universalidiot. Der vorläufige Höhepunkt dieser Geisteshaltung ist ein Phänomen Donald Trump. Und das ist brandgefährlich. Ich jedenfalls möchte keinen ‘Hegemon’ oder eine Weltpolizei Russland und/oder China.

Vielen Dank, wenn Sie bis hier durchgehalten haben. Jetzt dürfen Sie sich empören.