Submitted by andrea on Mon, 05/25/2020 - 18:23

Ich habe mich ja – Umwege erhöhen die Ortskenntnis – intensiv mit den Atheisten rund um die Giordano-Bruno-Stiftung beschäftigt. Dass es das Böse nicht gäbe, habe ich immer abgelehnt, dabei ist es völlig egal, ob der Begriff religiös konnotiert ist oder nicht. Jeder weiß, was gemeint ist. Sollte man zumindest meinen.

Das Böse kommt ja nicht nur im Gewand religiöser Fundamentalisten daher. Oder in rechtsradikalem Gedankengut. Auch nicht ausschließlich im Denken der extremen Linken - ‘Natürlich darf geschossen werden! -, der Zweck heiligt eben nicht die Mittel, eine seltsame Vorstellung von Frieden.

Das Böse kommt auch ganz attraktiv und harmlos daher, in der Beliebigkeit, in der Anmaßung, selbst davon frei zu sein und ein Patentrezept für das Gute zu haben. Das Böse kommt vor allem fordernd daher, Forderungen, die man selbst nicht lebt. So Trends wie die ‘gewaltfreie Kommunikation’, ich habe das ausprobiert. Gehen Anhängern dieser Mode die Argumente aus, ist es ganz schnell vorbei mit der gewaltfreien Kommunikation. Es folgt unweigerlich der Vorwurf, ich wolle mich darauf nicht einlassen. Wenn ich auf die Widersprüchlichkeit dieser Maßregelung hinweise, folgt blanker Hass.

Ich hab’s ja sehr – Lost in Translation – mit der Sprachverwirrung. Oft muss prophylaktisch ‘kontrollierten Dialog’ betreiben. Das ist wiederum eine Technik aus der Psychotherapie, nämlich das Gegenüber wiederholen lassen, in eigenen Worten, was ich gesagt habe. Dann erkläre ich es nochmal mit anderen Worten. So lange, bis es passt. Oder um es mit Schulz von Thun zu sagen, bis das richtige Ohr die Botschaft hört.

Dass ich da bin, wo ich jetzt bin, war ein langer mühseliger Weg. Der leicht dazu verleiten könnte, mir das abzusprechen, was ich definitiv erlebt habe, einfach weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Traumaopfer bezeichnen sich gerne als ‘Überlebende’. Ja, meinetwegen. Ich bezweifle allerdings, dass das aussagekräftiger als das Wort ‘Opfer’ ist, Ich frage mich, ob man mit solchen Verrenkungen Jugendkulturen, die sich gerne scherzhaft selbst oder freilich auch Andere mobbend mit ‘Du Opfer!’ bezeichnen, mehr Bedeutung verleiht als sie verdienen. Außerdem sagt das Wort nichts über die Lebensqualität aus, also ob es gelingt, vom schieren Überlegen wieder in ein Leben zu finden. Im juristischen Sinn bin ich mit meiner Biographie einfach das Opfer. Nicht Mittäter, nicht Pate, Mitwisser oder sonst was.

Ich bin getauft, das werde ich nicht los, und evangelisch sozialisiert. Ich bin nach wie vor offiziell konfessionslos.

Bei den Atheisten rund um die Giordano-Bruno-Stiftung herrscht die Meinung vor, gerade die Protestanten seien besonders starrsinnig und wenig gesprächsbereit.

Ich halte das für eine Fehlwahrnehmung. Als Beispiel will ich den Pfarrer, bei dem konfirmiert wurden, anführen. Ganz alte Schule: Die zehn Gebote, das Glaubensbekenntnis, das Vater Unser sowie Psalm 23 mit lutherischer Auslegung auswendig lernen und freilich auch diskutieren, eben richtig Schule.
Dann kam eine neue Pfarrerin in die Gemeinde, die die andere Konfirmandengruppe leitete und da sich darunter ein geistig behindertes Mädchen befand, wurden dort nur Kerzen gebastelt und so ein Zeug. Klar, kann und soll man auch geistig behinderte Menschen konfirmieren, warum nicht? Aber den Konfirmandenunterricht komplett darauf ausrichten? Eher nicht, oder?

Während ich es andererseits erlebt habe, dass etwa die Tochter meines erstens Freundes in Berlin, der aus der katholischen Kirche ausgetreten war, seiner Oma nachgab, die darauf bestand, dass das Kind getauft würde. Aufgrund der Distanz München-Berlin konnte das Kind nicht am Kommunionsunterricht teilnehmen, nahm aber – und das ist ja an sich auch nicht verkehrt – dennoch an der Erstkommunion teil.

Zurück zu den Atheisten und deren Wahrnehmung des Starrsinns bei der evangelischen Kirche.
Im öffentlichen Diskurs um Weltanschauungsfragen verteidigen die Protestanten konsequent ihre Theologie, während die Katholiken so ein bisschen rumzueiern scheinen, um besonders verständnisvoll auf die Gegner jedweden religiösen Lebens einzugehen. Andererseits werfen die Atheisten ausgerechnet den Protestanten vor, besonders weichgespült zu sein. Soll das verstehen, wer will.

Ich lese ja immer noch den Newsletter des Humanistischen Pressediensts, man muss ja auch bei der Feindpresse auf dem aktuellen Stand bleiben. Und da muss ich manchmal einfach nur lachen. Unlängst haben sie festgestellt, dass das Neue Testament mit dem Alten etwas zu tun habe. Freilich war gemeint, dass sich so manche Zeitgenossen, wie es dem im jüdischen Glauben aufgewachsenen Norman Mailer mit seinem ‘Jesusevangelium’ vorgeworfen wurde, als die Ankunft, bei den Christen die Wiederkehr, des Messias verstünden. Alles nicht ganz neu.

Jedenfalls, bei der Feststellung, dass das AT mit dem NT etwas zu tun haben könnte, dachte ich:
Sapperlot! Vielen Dank für diesen Fund!