Submitted by andrea on Tue, 05/26/2020 - 11:17

Evolutionäre Gedanken
über den Sinn des Lebens, das Universum und den ganzen Rest.

Alles unterliegt einer Evolution, die Technologie, wie sie von Stanislaw Lem ausführlich in seiner ‘summa technologiae’ beschrieben wurde, über die Wirtschaft, von der ich meine, dass hier Hans-Magnus Enzensberger einen vernünftigen Überblick geschaffen hat, bis zur Religion: Gott ist kein kreationistischer, sondern eine bewegende Urkraft.

Die Technologie: Als Johannes Gutenberg den Buchdruck erfand, war die Sorge groß, wenn jeder sich einfielen ließe zu lesen oder gar zu schreiben, würde das Volk verdummt. Zum Teil traf diese Sorge zu, erreichten doch gerade die ersten Groschenromane eine hohe Auflagenstärke. Der Vergleich zu den heutigen sozialen Medien liegt nahe. Es ist nicht die Technologie, die gefährlich ist, sondern, wie immer, die Menschen, die sie nutzen.
Für mich persönlich funktionieren die neuen Medien gut, denn ich entscheide, welchen Gruppen ich folge, welche Foren ich nutze, was ich selbst publiziere. Freilich – ich bin ja kein US-Amerikaner – befürworte ich eine Kontrolle, die die Flut an Fake News, Hasspostings und Trollen zumindest erschwert.

Die Wirtschaft: Von der Sesshaftwerdung mit dem Ackerbau über die kommunistische Verirrung bis heute beschreibt die Entwicklung ein anthropologische Konstante, die sich bereits in der Genesis niedergeschlagen hat: Der Mensch muss arbeiten. Dies schließt keineswegs aus, dass im modernen Sozialstaat Bedüftigen geholfen werden kann und soll. Als Evolution begriffen, beschönigt es auch nicht die hässlichen Auswüchse des Kapitalismus, die logische Fortsetzung der Sesshaftwerdung, also des Besitzes, konkreter: der Verselbständigung des Tauschmittels Geld. Um gleich dem linken Demagogen, der sich als Humorist ausgibt den Wind aus den Segeln zu nehmen: Nein, ich meine nicht das Zinsprinzip. Als Evolution begriffen schließt sie schon gar nicht aus, dass sich die weitere Entwicklung weg von der Ausbeutung der Arbeitskraft und dem Raubbau am Planeten bewegen wird, bis tatsächlich eine neue Wirtschaftsordnung entsteht.
Sie zeigt so jedoch in aller Deutlichkeit auf, warum der Kommunismus scheitern musste. Weil, auch wenn Marx mit vielen Progonosen Recht gehabt haben mag, der Mensch die Evolution nicht per Gesetzgebung beschleunigen kann. Weil der Mensch über einen angeborenen Antrieb, eine Motivation, zu lernen und zu leisten, ja leisten, verfügt, der sich nicht in eine Kolchose zwängen lässt, schon gar nicht von nicht demokratisch legitimierten Führern. Außerdem hat in der kommunistischen Ideologie die Arbeit nochmal einen höheren Stellenwert, Arbeit musste sein, egal wie sinnlos, überflüssig und unproduktiv. Arbeit war ein Zeichen der Zugehörigkeit und Zustimmung zum autoritären System. Hauptsache Vollbeschäftigung. In nahezu perfekter Absurdität zeigt sich diese Ideologie in einer Lichtgestalt der Nachfolgepartei der SED, die mit der Ablehnung des Leistungsgedankens die vermeintlich oder auch tatsächlich Benachteiligten umwirbt, diejenigen die in der real existierenden DDR ein Fall für den Jugendwerkhof oder schlimmeres gewesen wären, und selbst mit einem Burn-Out kokettiert.

Die Religion: Die einzig richtige Religion gibt es nicht, da auch die religiösen Vorstellungen, Erzählungen und Theologien der Evolution unterworfen sind, vom Animismus über den Polytheismus zum Monotheismus. Bereits das alt-testamentarische ‘Auge-um-Auge’ des viel kritisierten mosaischen Rachegotts beschreibt einen Paradigmenwechsel von der Sippenhaft hin zu ‘angemessener’ Vergeltung.
Wer wäre ich, wollte ich über Religionen in anderen Winkeln der Welt urteilen? War es mir bisher nicht vergönnt, in kosmopolitscher Absicht, die Welt zu bereisen, will ich doch einen Blick hinein wagen, über mein Fesnter zur Welt, die Literatur. In dem Roman ‘Das Gleichgewicht der Welt’ von Rohinton Mistry, wird die Geschichte zweier Pariah in ihrem Überlebenskampf beschrieben, vor dem Hintergrund des Ausnahmezustandes und der Bevölkerungspolitik unter Indira Gandhi. Es geht um das Aufbrechen des starren Kastensystems per Dekret und nicht zuletzt Gewalt.
Das allein ist schon so hoch komplex, dass ich mich nicht in die Details des hinduistischen Glaubens vertiefen muss, schon gar nicht, ein Urteil darüber fällen.

Dies führt jedoch zur nächsten Gretchenfrage: Ist der Mensch von Natur aus gut? Geht es auch ohne Gewalt? Wie kommt ‘das Böse’ in die Welt?

Hier gebe ich mal den evolutionären Humanisten recht, die an Beispielen, wie dem des ‘Kriegs der Schimpansen’ die Dynamik von In- und Out-Groups recht anschaulich beschreiben.
Da hören die Gemeinsamkeiten aber auch schon wieder auf. Die Aufforderung, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, in der Art, wie sie von zeitgenössischen Intellektuellen geäußert wird, empfinde ich als Anmaßung, gerade weil sie unser evolutionäres Erbe kleinredet und gleichzeitig Bildung und Befindlichkeiten bzw. Wunschdenken durcheinander wirft.
Der Mensch ist in erster Linie weder gut noch böse, sondern dumm bzw. bequem und scheut unangenehme Wahrheiten.

Kann also der Gewalt mit bedingungslosem Pazifismus begegnet werden?

Eine Imaginationsübung: Der POTUS hat es endgültig versemmelt, China ist aufstrebende Weltmacht und Europa muss sich mit Russland arrangieren. Und dann schicken wir Claudia Roth in die Krisen-, Friedens- oder Abrüstungsverhandlungen mit Putin?
Ich sehe da ein riesiges Intelligenzgefälle, wie auch im Vergleich zwischen dem versierten Geheimdienstler und dem irrlichternden Wahnsinnigen im Weißen Haus. Leider, oder vielleicht Gott sei Dank, auch einen himmelweiten Unterschied im Charisma.

Sorgen um meine Verfassungstreue muss sich niemand machen, im Spektrum der politischen Mitte ist reichlich Spielraum, da schließe ich großzügig die Grünen, die ein oder zwei kluge Köpfe haben, sowie explizit die FDP mit ein. Vielleicht gelingt es irgendwann, die Episode Westerwelle-Möllemann zu verzeihen. Wenn man den Grünen und ihrer in den Ursprüngen bemerkenswerten Einstellung zur Pädophilie verzeihen kann, sollte das doch möglich sein? Die Liberalen taugen nur Ideologen mit unterkompexem Weltbild und aus dem gleichen Grund sehr jungen Menschen als Feindbild. Denn, nein, auch die FDP hat sich nicht eine Rolle Rückwärts ins Programmheft geschrieben. Es gehört schon eine Menge bösen Willens dazu, die Liberalen so gründlich missverstehen, eben, zu wollen. Der politische Schlagabtausch lebt von der plakativen Zuspitzung. So geschehen, wird  eine solche nur und ausschleßlich der FDP vorgeworfen, da wird dann jedes Wort auf die Goldwaage gelegt. Genug der Ehrenrettung für die Freiheitlichen. Ich muss mir unbedingt mal den unerträglich faden, schulmeisterlichen und (selbst-)gefälligen Humor, wenn man es so nennen will, von Formaten wie der heute show vorknöpfen. Meine Einstellung zur Linken habe ich angedeutet und dürfte sich von selbst erklären. Die AfD halte ich bei dieser Betrachtung nicht für erwähnenswert.

Warum bin ich in dieser komplexen Welt ausgerechnet Christ? Ich bin getauft. So einfach ist das. Und ich folge der Empfehlug des Dalai Lama, sich in erster Linie in der Religion, in die man hinein geboren wurde, auszukennen, anstatt sich anderen Religionen anzuschließen, gar irgendwelchen Moden folgend nach Gutsherrenart in ihnen zu wildern.
Weil ich ferner lieber eine lebensbejahende Schöpferkraft annehme als dem Menschen die Entscheidung über Leben und Tod, über lebenswertes und unwertes Leben zu überlassen. Über die Frage, ob ich meinem eigenen Leben ein Ende setzen darf und mir dabei assistieren lassen darf, ließe ich mit mir streiten. Es gibt Krankheiten, die ein Weiterleben oder eher Vegetieren unzumutbar erscheinen lassen.

Auch die katholische Kirche kann sich der Evolution nicht entziehen. Warum kann ein unfehlbarer Papst, der sicher unterstützenswerte authentisch reformwillige Franziskus, nicht Knalltüten wie einen Kurienkardinal Müller oder einen ‘Gegenpapst’ Benedikt zur Ordnung bzw. zum Gehorsam rufen?
Letzter höchst ketzerische Gedanke, der mir sicher die ewige Verdammnis einbringt:

Ob Jesus – nicht so sehr aufgrund hellseherischer Fähigketen oder Allwissenheit als Gottessohn, sondern vielmehr aufgrund seiner Menschenkenntnis – einen sehr skurrilen Humor zeigte, als er ausgerechnet den rückratlosen Zeloten Petrus zum Fundament seiner Kirche erklärte?

Zeit für einen Paradigmenwechsel!