Submitted by andrea on Fri, 05/29/2020 - 12:08

A wie anti

Junge Menschen proben die Rebellion gerne in einer Anti-Haltung. Wann und warum hören sie – hoffentlich - auf damit? Weil sie erkennen, dass Antifa nicht reicht? Was haben sie dem entgegenzusetzen? Den Stalinismus? Wann erkennen sie, dass sie lediglich Stellvertreterkriege führen und die eigene vermeintliche Benachteiligung meinen?

Als Psychiatrieerfahrene will ich also heute die Anti-Psychiatrie unter die Lupe nehmen. Diese hat sich meines Erachtens meilentweit von ihrem ursprünglichen Anliegen entfernt.

Meine ureigene ganz persönliche Erfahrungen stellt dieses fest: Entgegen der Aussagen der Betroffenen über sich selbt, die 'eigentlich Normalen' zu sein, tummeln sich in den Akutstationen der Psychiatrie die wirklich unangenehmen Exemplare der Gattung Mensch, nicht alle, doch ein überproportional vertretender Teil. Die manchmal gar nicht unter einer extrem wirkenden Störung wie der Schizophrenie leiden, sondern vor allem oder in Verbindung unter dem, was Ärzte, die Menschen ohne Diagnose nicht durchgehen lassen wollen, als ‘Verbitterungsstörung’ oder ‘querulatorische Störung’ bezeichnen. Vielleicht ist diese Wahrnehmung dadurch verzerrt, dass oft ein oder zwei Chaoten, Querulanten, Aufwiegler reichen, um den ganzen Laden in ständige Alarmbereitschaft zu versetzen. Ich habe unterschiedliche Erfahrungen in Kliniken gemacht, wie mit solchen Umtrieben umgegangen wird - von der völligen Gleichgültigkeit und Gewährenlassen bis zu kompetentem, gesprächsintensivem Einschreiten.

Nein, nicht irre, wir behandeln nicht die Falschen. Es werden die Richtigen behandelt, aber falsch. Nämlich mit viel zu viel Nachsicht. Eine ‘schwere Kindheit’ rechtfertig nicht, sich unsozial zu verhalten. Sie erklärt es vielleicht, aber rechtfertigt es nicht. Behandlung muss also auch mit Konfrontation einhergehen.

Der Film ‘Systemsprenger’, wirklich großes Kino, ganz ohne Ironie. Hat der Film eine Absicht? Ich weiß es nicht. Jedoch dürfte sich meine Lesart erheblich von der in der Sache Unbedarften unterscheiden. Es ist darin nämlich nicht alles ‘ganz, ganz schlimm’, die Sozialarbeiter und Therapeuten reißen sich ein Bein aus. Freilch ist es wenig sinnvoll, die aufgrund des Gewalttraumas entstandene dissoziative Aggression, wie sie in dem brutalen Beispiel auf der Eisbahn gezeigt wird, zu verurteilen. Sie sollte aber anders als im Film dargestellt, und wie es leider wirklich stattfindet, später angesprochen und aufgearbeitet werden. Wie es sich für die Szene anbieten würde, wo Benni der Schulkameradin den Kopf auf die Tischplatte schlägt. Das muss sanktioniert werden, so dass sich da freilich die Therapie nicht nach dem anfühlt, was landläufig unter Therapie verstanden wird, sondern eher nach Konditionierung. Es ist ein sehr modisches Erziehungsverständnis, das ganz ohne Strafen auskommen will, um der 'Autonomie' des Kindes gerecht zu werden. Mag sein, dass Erziehung nur über Ignorien und positiver Verstärkung in solchen Familien funktioniert, die eine lange Tradition darin haben, wo also die Eltern tatsächlich Vorbild sind, quasi ein Erich Kästner als Papa. Wobei ich nichts über dessen Privatleben weiß, vielleicht verhält es sich ja wie bei Thomas Mann? Und wie viele haben schon das Glück? Ich halte solche Maßstäbe für nicht auf den Bevölkerungsdurchschnitt übertragbar. Das ist ja kein Aufruf nach Gewalt gegen Kinder. Heute allerdings scheint es schon die Grundrechte der Kleinen zu beschneiden, sobald man ein Fernsehverbot oder Hausaurrest auspricht. 

Am meisten stört mich die inflationäre Verwendung psychiatrischer Begriffe. Nein, Empathie heißt nicht Gefühlsduselei. Empathie setzt sich einerseits aus dem Mitempfinden über die Spiegelneurone, andererseits aus der Perspektivübernahme zusammen. Letztere ist eine rein kognitive Leistung. Empathie kann das Denken nicht ersetzen, da beides zusammengehört.

Nein, wir sind nicht alle ‘irgendwo traumatisiert’. Die Traumakategorien sind klar definiert, werden grob unterschieden in Monotrauma, kollektive Traumata, solche durch Höhere Gewalt entstandene und in menschengemacht, und anhaltende chronische Traumatisierung. Die eingangs erwähnte Haltung, jeder hätte schon Traumatisierung erfahren, führt nur zu dem
bereits allzuweit verbreiteten ‘Wer lauter heult, hat Recht’. Es füht gar zu an Wahnvorstellungen grenzenden Forderungen wie der, in einem literarischen Colloquium etablierten Klassikern eine ‘Triggerwarnung’ voranzustellen.

Nein, wir sind nicht eigentlich und nicht im Grunde, einfach gar nicht, alle irgendwo hochbegabt und hochsensibel. Letzeres meint sowieso meistens nur Wehleidigkeit und gerade nicht die feinen Antennen für das Gegenüber.Auch das Geplärre um das falsche Lernen, die mangelnde Chancengleichheit und den kopflosen Reformwahn im Bildungswesen ändert nichts an der Gaußschen Normalverteilung. Auch für einen tatsächlich Hochbegabten fällt der Erfolg nicht vom Himmel. Auch für ihn geht dem Erfolg Anstrenung und Hingabe voraus.
Freilich darf man die Frage stellen, welche Umstände Kindern und Jugendlichen die allen Menschen angeborene Neugier austreiben. Das darf jedoch nicht dazu führen, die Ausgangslage einer vermeintlichen Gerechtigkeit halber für alle nach unten zu nivellieren.

Aus all diesen falschen Annahmen heraus, zieht die Anti-Psychiatriebewegung ihre Legitimation. Diese Bewegung ist noch nicht einmal offen für den Austausch im Rahmen eines Trialogs. Sie hat halt Recht, so einfach ist das. Und schadet damit Patienten mit einer guten Compliance.

Dass auch die Medizin dem Zeitgeist unterworfen ist, steht auf einem ganz anderen Blatt. So hat es mich nicht weiter verwundert, als unlängst bekannt wurde, dass das Milgram-Experiment eben doch manipuliert war, die Probanden in der Rolle der Wärte zu besonderer Brutalität aufgerufen worden waren. Die These, dass jeder unter entsprechenden Umständen zum Killer heranreifen könnte, kann ich nicht unterstützen. Hier wird Kausalität mit Korrelation verwechselt.
Genausowenig wie ich es unterstütze, Psychopharmake wie Zuckerpillen zu verschreiben. Der Flut an ADSH-Diagnosen, oder äquivalent der plötzlichen Zunahme von Nahrungsmittelunverträglichkeiten, wird man nicht mit Pillen beikommen können, sondern eher mit einem vernünftigen Verständnis über die Bandbreite menschlichen Erlebens und Handelns, das meistens eher irrational und gefühlsgesteuert ist.
Und freilich ist die Pharmaindustrie vom Profit getrieben, das ist aber überall so. Auch die in Fachpublikationen schon länger diskutierte, häufig fehlende Wirkung von Anti-Depressiva ist keine Verschwörung, sondern zeigt im öffentlichen Diskurs deutliche Parallelen zur aktuellen Debatte um den Erkenntnisgewinn der Virologen und anderer Wissenschaftler in der Corona-Pandemie.

Wie umgehen mit für Andere gefährliche Erkrankte? Strenger, einfach strenger, denn die Freiheit des Einzelnen hört da auf, wo sie die Freiheit des anderen nimmt. Oder gar das Leben. Der Attentäter von Hanau war nicht ‘einfach Rassist’, sondern wahnerkrankt und vorher bereits auffällig gewesen. Weniger auffällig, vielleicht war dies tatsächlich nicht vorauszuahnen, war der Mörder von Fritz von Weizsäcker, ebenfalls mindestens von einem wahnhaften Rechtsempfinden getrieben.
Woran man gut erkennen kann, dass die Grenze zwischen Verschwörungstheorien und Wahngedanken fließend ist. Typischerweise kann man beidem nicht mit Argumenten beikommen, woraus sich konsequenterweise ergeben muss, dass es gerade kontraproduktiv ist, solchen Gestalten mit noch mehr Verständnis entgegenzukommen, sie damit zu legitimieren. Wieso eigentlich wird ein solches Verweigern von Verständnis nur auf Nazis angewandt?

Klar, dass sich deart Betroffene selbst eher als Streiter für die Gerechtigkeit, gar als die Reinkarnation des Franz von Assisi, der ja auch Stimmen hörte, sehen. Gerade in der Ablehnung von Kategorien wie ‘gut’ und ‘böse’ zeigt sich die Gefahr einer Rechtsprechung, die richtig nicht mehr von falsch unterscheiden kann. So dass wir es jetzt auch noch mit einer Anti-Verfassungsrichterin zu tun bekommen.