Submitted by andrea on Fri, 06/05/2020 - 16:15

Hallo Sozialkönig!

Ich hätte da mal ein paar Fragen!

Warum hat das Jugendamt sehr zeitgeistig meine Mutter bei allen Misshandlungen begleitet?
Weil Frauen immer Opfer, Männer immer Täter sind?

Warum habe ich dennoch eine ganz hervorragende Schulbildung genossen, zuletzt an einer Fachakademie, deren Besuch ich aus BaföG, der kleinen Lebensversicherung meines Vaters sowie zwei Nebenjobs finanzierte?
Und da waren ein paar gehörige Watschn dabei. Als 16jährige hätte ich sicher die DKP gewählt, aus einer tatsächlichen, nicht vemeintlichen Benachteiligung heraus. Yay, Gott sei Dank gab es damals noch kein youtube, sonst hätte ich mich womöglich als Influencer versucht? Virtue signalling gibt es bei mir nicht. Statt dessen Tacheles:

Warum fällt es mir so schwer, zwei, drei Jahrzehnte später, mich aus diesem Sozialsystem wieder zu befreien? Ja, ich bin dankbar, dass ich diesen Platz im Betreuten Wohnen bekommen habe.
Aber, nein, deshalb will und werde ich mich nicht der links-grünen Agenda des Trägers anschließen.

Warum heißt es einerseits, ich sei schon allein durch meine ‘Ressourcen’ privilegiert, so dass an mich ganz anderer Maßstäbe herangetragen werden als an andere Bedürftige. Und warum heißt es sehr ideologisch andererseits: Wir sind alle gleich!

Ich habe Fachabitur und einen Hochschulabschluss. Und mir ist kein Zacken aus der Krone gebrochen, als ich im Altenheim arbeitete. Wäre mir eine glücklichere Karriere gelungen, wenn ich, wie es mein Therapeut andeutete, in Berlin statt in Bayern aufgewachsen wäre?
Ich denke eher nicht. Dann würde ich immer noch am Stammtisch von Arbeiterkind rumheulen, wie ungerecht das alles doch ist. Ich habe die besucht, also diesen Verein, erstens war ich denen mit meinem Staatsexamen nicht Akademiker genug, andererseits findet sich dort nicht ein einziger Ingenieur oder Naturwissenschaftler, nur Philosophen. Meinetwegen, sollen sie halt weiter philosophieren.

Die Bildungsexpansion war richtig und ist meines Erachtens vollendet genug. Eine vollkommene Chancengleichheit wird es nicht geben, außer wir machen alle Franziskas zu Chantals und alle Jonathans zu Kevins.

Heute fühlt sich grundsätzlich jeder benachteiligt und an allem sind die Lehrer schuld.
Außer halt bei Leuten wie mir früher, vor der Berentung, oder etwa bei meinem Bruder, der auf dem Bau arbeitet – diese Leute arbeiten halt. So wie seine Brudis Serkan, Volkan und Osman. Ist ja schön, dass kurzfristig immerhin die Einzelhandelskaufleute so viel Respekt abkriegen. Bravo!
Ein Hauptschulabschluss ist übrigens kein Makel. Ich habe selber einen.

Was ist das für eine Jugend, die in Sachen Umweltschutz an ihre Flower-Power-Großeltern anknüpft, keine eigenen Ideen hat, die resistent gegen Fakten und Sachzwänge ist und andererseits in der Coronakrise beklagt, die Jugend werde allein gelassen. Ja, was denn nun? Alles besser wissen, alles besser können, aber dann nach dem Staat schreien? Euer erstes ‘Trauma’, wie?
Eine Jugend, bei der sich Bundespräsidenten für die Solidariät in der Coronakrise bekanken müssen, um dann paternalitisch daherzukommen: Dafür tun wir jetzt auch was für’s Klima.
Verdammt, der Klimawandel ist menschengemacht und real, dagegen hilft aber kein Betroffenheitsgeheule, sondern allem voran technologische Lösungen in einem globalen Maßstab.
Und wieseo für etwas bedanken, was nicht nur schlicht und ergreifend Ordnungspolitik ist und darüberhinaus eine Selbstverständlichkeit!
Idealimus, auch mit Überschreitung der Grenzen zur Ideologie, ist ein Privileg der Jugend!
Diesen Idealimus zu instrumentalisieren ist, euphemistisch ausgedrückt, moralisch fragwürdig.

Ja, wir Deutsche sind nach 45 aufgerufen, alle Autorität in Frage zu stellen. Warum nicht?
Wenn die Frage halbwegs beantwortet ist, könnte man das Aufbegeheren ja auch wieder seien lassen, nicht? Vielleicht einfach mal ein Kompliment aus dem Ausland annehmen, Deutschland habe sein Vergangenheit gründlich genug aufgearbeitet. Ohne daraus messerscharf zu schließen, dass wir daher andere belehren dürften.
Was heute als Aufbegehren und Individualität gilt, ist auch sehr anschaulich dieses: Patienten, die sich zum wiederholten Male einer Suchtbehandlung unterziehen und meinen jeden verbindlichen Programmpunkt auf dem Therapieplan zu Tode diskutieren zu müssen, weil das ja auf sie nicht zuträfe oder sie das schon wüssten.
Harte Realität ist: Es gibt Dinge, die sind nicht verhandelbar!

Übrigens halte ich die Zurschaustellung von Gefühlen – namentlich Tränen bei einer Gedenkveranstaltung – im politischen Rahmen für mindestens grenzwertig. Ich wüsste ja nicht, was ich mit Tränen meinem Gegenüber signalisieren wollte: Ich leide mit dir! Ist das nicht eine Anmaßung?
Und an mir? Weil ich mir im Zweifel gar nicht so sicher sein darf, dass ich ganz bestimmt im Widerstand gewesen wäre?

Wir leben hierzulande in einer Wohlstandsblase und die wenigsten wissen es zu schätzen. Genauso wenig wie sie wissen wollen, welchen Schutzmächten dieser Wohlstand zu verdanken ist.

Ich bin in der Hölle groß geworden, einer Hölle im Paradies. Und ich weiß schon ganz genau, warum sich mein Ärger gegen das Helfersystem richtet. Weil dieses erstmal vom Kopf auf die Füße gestellt werden müsste, dann wäre es auch nicht so teuer! Bätschi!
Die Gleichung Wirtschaft = böse, sozial = gut geht nicht auf, nie und nimmer.

Auf die als solche beabsichtigte Suggestivfrage meiner Sozialarbeiterin – weil sich die Antwort ja verbiete – über den Umgang, den ich mit den Herrschaften vom Kotti pflegen würde (ich steige da nur aus, wenn es sich nicht vermeiden lässt), ist meine Antwort deutlich und eindeutig ausgefallen: Einsperren! Drogenhandel, also solcher Drogen, die verheerende Auswirkungen auf Körper und Geist haben: einsperren! Gewaltandrohung und Gewaltausübung: einsperren! Belästigung Unbeteiligter: einsperren! Je nach Schwere der Tat von entsprechender Dauer. Anstatt ausgerechnet in Berlin noch ein sogenanntes Anit-Diskriminierungsgesetz auf den Weg zu bringen.

Das Gleichgewicht der Kräfte verschiebt sich gerade global sehr stark. Mal abwarten, was von Deutschland, was von Europa übrig bleibt, wenn es im November dem POTUS gelingen sollte, die Mehrheit im Senat zu bekommen. Dann kann man ja immer noch Betroffenheitsbildchen auf facebook posten und darüber lamentieren, dass einem die Zukunft gestohlen wurde.

Tiananmen war ja nur gestern aktuell.