Submitted by andrea on Sun, 12/13/2020 - 12:40

Mit dem Missbrauch der Theozideefrage und der fortschreitenden Säkularisierung wurde der Glaube ins Private verwiesen, mit der Forderung an die Gläubigen, sich jeder weltlichen oder politischen Einschätzung zu enthalten.
Mit dem Verschwinden Gottes – und wenn wir ihn wie bei den Narcotics Anonymous als ‘Gott, wie ich ihn verstehe’ nehmen –ist freilich auch der Teufel verschwunden, was auch immer man darunter verstehen mag.
Mit der Aufweichung der Pole ‘Gut’ und ‘Böse’, Recht und Unrecht, wahr und falsch scheint alles verhandelbar zu werden. Damit wird ein Freiheitsbegriff geschaffen, der keine Entsprechung in der realen Welt hat. Das weckt Begehrlichkeiten, weil sich ausnahmslos jeder chronisch benachteiligt fühlt.

Die extremen Rechten sind mir sogar lieber als die extremen Linken. Jene machen immerhin keinen Hehl aus ihrer Gewaltbereitschaft, ihrem Herrenmenschentum, ihren Mitteln und Zielen.
Überflüssig, mich an den Rechten abzuarbeiten, ist deren Geisteshaltung doch allzu offensichtlich. Da weiß man gleich, woran man ist.

Der Appell an die Bequemlichkeit im Geiste. Der Appell an die niedersten Impulse. Das Insinuieren der Annahme von Machtlosigkeit, wo Handeln erforderlich wäre, als Entschuldigung in vorauseilendem Gehorsam. Abhängigkeiten schaffen, statt Selbstwirksamkeit zu fördern. Das Anbiedern an die Schwächsten mit dem Vorwand, ihnen helfen zu wollen, zeigt, wessen Geistes Kind die Linken sind, deren FÜHRER für sich beanspruchen, zu wissen, was gut für die Bedürftigen ist.
Aktivismus, oder vielmehr Aktionismus, wo langfristige Planung, Ausdauer und Geduld erforderlich wären. Gleichzeitig heimtückisch im Hintergrund agitieren, freilich in bester Absicht.

Double-Talk bzw. Double-Bind als Strategie führen zu Vewirrung. Die Verwirrten bedürfen dann der Führung, es herrschen Menschen über Menschen. Es herrschen Menschen über erlaubte und verbotene Gefühle, Sichtweisen, Überzeugungen.

Demokratie funktioniert nur, wenn die Regierenden, die Volksvertreter, das Volk respektieren, indem sie es bilden bzw. Bildung für alle zugänglich machen. Bildung ist ein wesentlicher Aspekt der Resilienz.
Auch hier babylonische Sprachverwirrung. Dass ‘Schreiben nach Gehör’ nicht funktionieren würde, sollte jedem halbwegs gebildeten Menschen klar sein. Aber nur noch ‘Kompetenzen’ zu fordern, statt Wissen, ist der Gipfel der Anmaßung. Ohne Wissen keine Kompetenzen. Und jede Gesellschaft, jedes Volk auf dieser Erde, auf den sieben Kontinenten, hat seine eigene Geschichte und damit seinen eigenen verbindlichen Wissenskanon. Erst in diesem Kontext kann man den Blick über den Tellerrand wagen, ohne zu verurteilen.
Die Parole der Besserwisser und Menschenkenner gebe ich als Losung gern zurück: Keine Macht den Doofen!

Den ganz ‘Sozialen’ sage ich, dass es das Ziel jeder sozialen Arbeit sein sollte, sich selbst überflüssig zu machen.
Diese fruchtlosen Diskussionen habe ich mit meiner Sozialarbeiterin in der Maßnahme für von Obdachlosigkeit bedrohte Menschen geführt, die mir in einwandfreier Projektion unterstellte, ich kreiste nur um meinen eigenen Nabel. Ihrer Weltanschauung wollte ich mich nicht anschließen – ich habe es nicht so mit Opportunismus –, was mich dazu veranlasste, ihr zu sagen, ich empfände sie voller innerer Widersprüche. Sie reagierte darauf mit der Aussage, sie spiegele nur meine eigenen inneren Widersprüche wider. Ein Totschlagargument. Dann berief sie sich darauf, dass sie ja ein paar Semester älter sei. Nun ja, diese zehn Jahre….
Schließlich, als sie meinen Argumenten nichts mehr entgegenzusetzen hatte, forderte sie ‘ein Recht auf Naivität’. Was gleichbedeutend ist mit ‘von nix eine Ahnung, doch zu allem eine Meinung’.
Kein Mut zu einer dezidierten Meinung, kein fester Standpunkt, kein Rückrat. Dafür Schuldzuweisungen, die Unterstellung von Arroganz. Für den, der in den intellektuellen Niederungen herumdümpelt, mag Niveau wie Arroganz aussehen. Bitte, gerne!

Weise ist nämlich, wem alle Dinge so schmecken, wie sie sind, sagt der Mystiker und Kirchenlehrer (der Heilige Bernhard). Der Volksmund will, dass sich über Geschmack trefflich streiten ließe. Mir für meinen Teil wollen die Süppchen, die sich politische Extremisten zusammen brauen, nicht schmecken.


Weil die Gegenpropaganda so vorhersehbar ist, schicke ich voraus, dass meine Art des ‘Querdenkens’, vielmehr des freien Assoziierens, voraussetzt, dass man gelernt hat, ersteinmal geradeaus zu denken. Ich habe das übrigens in der Schule gelernt: Dialektik. Von zu Hause habe ich das sicher nicht.

Der Kaiser ist nackt. Gebt dem Mann Kleidung, meinetwegen ein Ornat, oder Hermelin. Es ist doch kalt in der Hölle. Denn eher ist die Hölle zugefroren, als dass es gelungen wäre, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Der Teufel steckt im Detail, und dieses ist der Mensch.