Die Überlieferung geht so, dass meine Mutter schon im Krankenhaus war, weil sie Schmerzen hatte. Ich sollte jedoch erst einen Monat später zur Welt kommen.
Die Überlieferung geht so, dass meine Mutter zur Toilette ging und dort den Mutterkuchen ausschied und die Schwester alarmierte. Ich weiß nicht, ob so etwas möglich ist. Meine Mutter erzählt viel, wenn der Tag lang ist.
Die Überlieferung geht so, dass sie mich per Kaiserschnitt geholt haben und ich bereits blau angelaufen war. Ich verbrachte den ersten Monat im Brutkasten.
Diese Geschichte hat mir meine Mutter schon als kleines Mädchen erzählt und ich verstand immer "Brotkasten". Ich hatte also zunächst einmal im Brotkasten gelegen.

Bald darauf wurde festgestellt, dass ich heftig schielte. Mein linkes Auge pflegte nach rechts zu wandern. So bekam ich schon mit drei Jahren meine erste Brille und musste ein Augenpflaster tragen. Das Augenpflaster war ziemlich doof. So ein hässliches, fleischfarbenes Ding.
Welche Brille ich trug, war mir ziemlich egal, obwohl mich der Optiker schon fragte, was mir gefiele.
Ich hatte eine normale Brille, die hatte einen roten Rahmen, und eine Sportbrille, mit so komisch gebogenen Bügeln, die sich um die Ohren legten, die war blau.
Was mich mehr begeisterte, war die Auswahl des Brillenetuis. Mein erstes Brillenetui war eines zum Klappen, aus Plastik, auf dem ein Wackelbild angebracht war. Das Wackelbild zeigte eine Giraffe und wenn man das Etui hob und senkte, hob oder senkte die Giraffe ihren Hals.

Ich habe mir nie viel daraus gemacht, dass ich Brillenträger war. Im Kindergarten wurde ich deswegen nicht verspottet; es gab noch mehr Brillenträger. Nur mein großer Bruder nannte mich verächtlich eine Brillenschlange. Wobei er dieses Wort wiederum von meiner Mutter gelernt hatte.

Womöglich mochte sie mich von Anfang an nicht, war ich doch das Kind gewesen,  dass ihre Ehe hätte kitten sollen. Was nicht geklappt hatte. Einen Monat nach meiner Geburt ließen sich meine Eltern scheiden, wobei die Trennung von meinem Vater aus ging.

Mein Vater hatte dennoch Umgangsrecht und nahm es auch war. Papa war der größte und der beste! Papa war lustig.
Zunächst war er in eine kleine Ein-Raum-Wohnung am Adenauerring gezogen. Dort übernachteten mein Bruder und ich in seinem Bett und mein Vater auf dem Sofa. Doch als mein Bruder und ich das Kindergartenalter erreicht hatten, zog er in eine Drei-Zimmer-Wohnung im Stadtteil St. Mang. Er richtete für uns - nicht nur für die Wochenenden und Ferien - ein Kinderzimmer ein. Mit einem dreistöckigen Stockbett, denn mein kleiner Bruder, der einen anderen Erzeuger hatte, war jederzeit willkommen.

Einmal, da war ich noch ganz klein, vielleicht drei Jahre alt, schickte meine Mutter meinen Vater mit mir zum Augenarzt: Das Kind sähe nicht mehr richtig, renne ständig gegen Türrahmen und erkenne die Bilder im Bilderbuch nicht mehr. Sie habe Angst, behauptete meine Mutter, eine schreckliche Diagnose zu erfahren. Deshalb sollte mein Vater mit mir zum Augenarzt.

Mein Vater war alarmiert und kam selbstverständlich seinen Pflichten als Papa nach. Er machte einen Termin beim Augenarzt.

Herr Dr. Tschekow war in einem früheren Leben Militärarzt gewesen. Nur war es in der Regel so, dass die Kinder ihn mochten und die Erwachsenen Angst vor ihm hatten. Er konnte sehr direkt sein.

Ich saß mit meinem Papa im Wartezimmer, wo ich mit den vorhandenen Bauklötzen spielte. Schließlich wurden wir in das Sprechzimmer gerufen. Ich hatte keine Angst. Ich kannte das ja schon. Da musste man in einem ziemlich düsteren Raum auf einem großen Sessel Platz nehmen und es wurde ein Apparat vor die Augen geschoben, durch dessen Linsen hindurch, man Bilder und Symbole und Buchstaben erkennen musste. Ein paar Buchstaben kannte ich schon, etwa P wie Papa.

Der Arzt ließ sich von meinem Vater schildern, wo das Problem war. Der Arzt sah mich an und ich musste mich nicht auf den großen Sessel setzen.
Statt dessen nahm er mir vorsichtig meine Brille ab, holte ein weiches Tuch aus der Manteltasche, blies auf die Brillengläser und fing an zu wienern.
Er sagte in spöttischem Tonfall zu meinem Vater: "Sie müssen dem Kind schon ab und zu die Brille putzen!"

Mein Vater versank vor Scham fast im Boden.