Meine musikalische Bildung hält sich in engen Grenzen. Zwar wurde ich als Kindergartenkind zur musikalischen Früherziehung geschickt, aber das war wohl eher, um meinen Bruder und mich mal für ein, zwei Stunden los zu sein.

Ich war wohl vier Jahre alt, als ich immerhin in der musikalischen Früherziehung mit meinen schauspielerischen Leistungen glänzen konnte.
Wir waren aufgefordert, irgendetwas vorzuführen, was sonst kein anderer konnte.
Eine schlug ein Rad mit nur einer Hand, ein anderer konnte einen Flick-Flack. Wieder einer konnte schön, laut und kräftig singen, und eine setzte sich einfach ans Klavier der Musiklehrerin und spielte die ersten Takte von "Für Elise".
Nur mein Bruder und ich konnten natürlich nichts.
Die Lehrerin versuchte verzweifelt, uns zu helfen: "Du kannst doch sicher eine furchtbare Grimasse schneiden?"
Mein etwas beschränkter Bruder ließ sich gerne auf diese Art von Hilfestellung ein, mir jedoch war das zu blöd. Wenn ich nichts konnte, dann konnte ich eben nichts und basta!

Also überlegte ich mir, während sich mein Bruder bemühte, eine Grimasse zu schneiden, wie ich aus dieser heiklen Lage entkommen konnte. Und da hatte ich einen Plan. Doch auch Angst davor, ihn umzusetzen.
Schließlich überwand ich meine Furcht und rutschte krampfend von meinem Stühlchen, sprang auf, rannte zur Tür, rannte auf den Flur hinaus, in die Toilette und machte Würgegeräusche.
Diese Aktion hatte die erwünschte Wirkung, dass ich kreidebleich war, als ich in den Klassenraum zurück musste.
In meiner unverwechselbaren Sprache, die eindeutig meine Herkunft verriet, verkündete ich beim Eintreten: "Ich habe gekotzt!"

Leider schickte mich die Musiklehrerin nicht nach Hause. Ich musste aber auch nicht weiter an der Stunde teilnehmen und durfte still in einer Ecke sitzen.

Immerhin hatte dies zur Folge, dass mein Bruder und ich fürderhin nicht mehr zur musikalischen Früherziehung mussten, die wir beide von ganzem Herzen hassten.

Etwas später, in der Grundschule, wurde kostenloser Blockflötenunterricht angeboten. Da war ich nun wieder Feuer und Flamme für. Ich bettelte meine Mutter auf Knien an, dass ich Flöte lernen durfte. Meine Oma kaufte mir schließlich eine Holzflöte für um die 80,00 Mark.
"Viel zu teuer", fand meine Mutter.

Ich erinnere mich gut an ein Stück von Leopold Mozart, das er für die Übungsstunden seines Sohnes geschrieben hatte, die "Angloise". Ich kann sie heute noch pfeifen.
Die sollten wir zum Schuljahresende vorführen.
Freilich übte ich nicht regelmäßig, zum einen, weil ich lieber draußen tobte, zum anderen, weil sich meine Mutter über den "Lärm" beschwerte.
Einmal blies ich bei einer Familienfeier der Verwandtschaft etwas vor und meine Mutter lachte  mich aus: "Das klingt total beschissen!"
Ich reichte die Flöte meiner Mutter und forderte sie auf: "Mach's besser!"
Die Verwandtschaft applaudierte.

Als wir mal wieder bei der Oma zum Essen waren, wachste ich meine Holzflöte ordentlich ein, wie sich das gehörte. Meine Oma legte das Instrument zum Trocknen auf die Heizung. Natürlich konnte man die Flöte danach wegschmeißen....

Nun hatte ich keine Flöte mehr. Ich bettelte meine Mutter an, mir eine neue zu kaufen. Sie weigerte sich. Am Elternsprechtag hätte sie ohnehin erfahren, dass ich nicht regelmäßig übte und der Klasse hinterher hinkte.

Ich bekam 5 Mark Taschengeld in der Woche. Die sparte ich nun vier Wochen lang und kaufte mir eine Plastikflöte für 16 Mark. Vom Rest des Ersparten kaufte ich Süßigkeiten.

Unsere Flötenlehrerin hatte natürlich meinen Verlust mitbekommen und erfuhr nun von mir von meiner Investition.
Das war nun ein Grund, mich vor der ganzen Klasse hervorzuheben: "Stellt euch das mal vor, Kinder! Das arme Kind hat ihr ganzes Taschengeld gespart, um sich eine neue Flöte kaufen zu können!"
Die Pferdemädchen beeindruckte das nicht sonderlich.

Ich hingegen hatte auf einmal den Ehrgeiz, die Angloise perfekt zu beherrschen. Und ich übte. Ich übte und übte. Und es gelang,....fand ich. Ich konnte das Stück auswendig und fehlerfrei.

In der letzten Flötenstunde vor der Aufführung spielten wir das Liedchen noch einmal alle gemeinsam. Und ich konnte locker mithalten,...fand ich.

Umso überraschter war ich, als die Flötenlehrerin verkündete: "Nächste Woche dürft ihr alle mitspielen, bis auf dich. Du kannst in der Orff-Gruppe mitmachen".

Ich war vor den Kopf gestoßen. Hatte sie nicht gehört, dass ich das Stück inzwischen fehlerfrei blies?

In der darauffolgenden Woche, im großen Musiksaal, bekam ich die Triangel ausgehändigt.

Danach beendete ich meine musikalische Karriere....