Kennst du dieses schreckliche Geräusch, das einen erschauern lässt? Dieses abscheuliche, lang gezogene Auf und Ab, dieses kreischende bis jammernde Geräusch? Natürlich kennst du es! Ja, du hast recht: Ich spreche von der Luftschutzwarnung. Vermutlich wirst du überrascht sein, wenn ich erzähle, dass ich nie einen Krieg erlebt habe. Jedenfalls, noch nicht. Ich bin viel zu jung. Warum, dann, wirst du vielleicht fragen, verabscheust du dieses Geräusch so sehr? Ich tue das aus einem bestimmten Grund. Es ist bekannt, dass hin und wieder ein Probealarm durchgeführt wird. Immer an einem Samstag um 11:00 Uhr. Der erste oder der letzte Samstag eines Monats. Ich bin mir da nicht sicher. Es ist dann möglich, dass du gerade unterwegs beim Shoppen bist oder du befindest dich auf einem Rummelplatz oder bist Sonnenbaden im Freibad. Und dann - ganz plötzlich - geht dieser schreckliche Alarm los! Dieses furchtbare Auf und Ab - ich glaube, es ist eine Terz - eine mathematische Sinuskurve, die Geräusch geworden ist. Die meisten Leute scheint das gar nicht weiter zu beeindrucken. Nur ganz selten konnte ich eine Gefühlsregung in fremden Gesichtern entdecken, wenn der Alarm los ging. Manchmal scheinen die Gesichter von ganz kleinen Kindern den Horror ihrer Großgroßeltern widerzuspiegeln, so als ob sie wüssten, dass dieser Klang Gefahr und Zerstörung bedeutet. Erwachsene hingegen scheinen den Lärm gar nicht zu beachten. Die selbstzufriedene Generation der Baby-Boomer bevölkert die Straßen als ob sie das Geräusch nicht einmal hörten. Ich bin sogar noch jünger und der Frieden sollte für mich eine Selbstverständlichkeit sein. Also, warum ergreift mich jedes mal der Schrecken, wenn ich dieses Geräusch höre? Ich werde es dir erzählen. Ich weiß nicht mehr genau, wann es begann, vielleicht 1986 wegen Tschernobyl - aber eigentlich glaube ich das nicht, denn zu dem Zeitpunkt war ich erst sechs Jahre alt. Es muss später gewesen sein. Ich muss wenigstens acht oder neun Jahre alt gewesen sein. Vielleicht hatte ich etwas im Fernsehen gesehen. Vielleicht hatte ich etwas in der Schule gehört. Wie auch immer, jedenfalls hatte ich etwas gehört, etwas über Atombomben. Und ich wollte mehr erfahren. Ich war immer diese Art von Nervensäge gewesen, die alles ganz genau wissen wollte. Als Kind bekam ich selten vernünftige Antworten und war enttäuscht. In späteren Jahren entdeckte ich, dass eine unglaubliche Anzahl von Leuten die einfachsten Dinge nicht begriffen, selbst wenn sie schon das Alter von grauen Haaren und Falten erreicht hatten. Viele Menschen wissen wie man Hämorrhoiden buchstabiert - ob das an der Erfahrung oder an der Bildung liegt, weiß ich nicht zu sagen -und sie wissen, dass das Gerund im Englischen genau die selbe Form hat wie das Present Participle oder dass Minus mal Minus Plus ergibt, aber sie können die einfache Frage einer Achtjährigen nicht beantworten: "Warum bauen Menschen Atombomben?" Im besten Falle lügen sie und sagen, es gäbe einen Feind. Aber lass mich am richtigen Ende anfangen. Als erstes wollte ich wissen: "Was sind Atombomben?" "Wie funktionieren sie?" "Was macht man mit ihnen?" Meine Fragen wurden beantwortet. Mir wurde von Hiroshima und Nagasaki erzählt und mir wurde erzählt, die Russen - die Bösen - hätten Atombomben und die Amerikaner - die Guten - hätten auch Atombomben. "Warum sind die Amerikaner die Guten, wenn sie doch auch Atombomben haben?" "Weil sie gegen den Feind kämpfen müssen". "Ich verstehe", log ich. Ein gewisser Ton - eine Spur von Genervtheit -, den ich schon von den allzu cleveren Erwachsenen kannte, lag in dieser Antwort und der sagte mir, dass ich besser keine weiteren Fragen zu diesem Thema stellen sollte, da ohnehin keine vernünftige Antwort zu erwarten gewesen wäre. Tja, ich war ein sehr neugieriges Kind, bin mir aber nicht sicher, ob ich es wirklich so genau hatte wissen wollen oder ob man mir das so detailliert hätte erklären müssen: das ganze Zeug über Hiroshima, brennende Häuser, sterbende Menschen, Verseuchung und über allem die enormen Zahlen, mit denen ich nichts anzufangen wusste. Nicht, weil ich erst in der Grundschule war und damit nicht in der Lage größere Zahlen zu begreifen; selbst heute kann ich mir Hunderte und Tausende von Toten nur schwer vorstellen und dass obwohl ich regelmäßig Nachrichten kucke. Einige Tage nach solcher Unterhaltung lief ich barfuß über den heißen Asphalt und genoss den Sonnenschein. Ich hielt Ausschau nach Kindern, mit denen ich spielen konnte. Und da brach plötzlich dieses Geräusch über mich herein. Ich wusste, dass das ein Alarm war, kannte ich doch die Feuerübungen in der Schule, die immer eine willkommene Abwechslung darstellten. Dann mussten wir in Pärchen runter in den Schulhof gehen, bis der Alarm vorbei war und uns der Schulleiter zusammenpfiff, weil wir - wie immer - zu langsam gewesen waren. Aber dieser Alarm war anders. Niemals zuvor hatte ich ihn so bewusst wahrgenommen, wie nach der Unterhaltung über die Atombomben. Es war ein kriegerischer Klang und ich wusste, was er bedeutete. Für einen Moment, der eine Ewigkeit andauerte, bemerkte ich, dass alles um mich herum still geworden war. Die Vögel und brummenden Insekten waren wahrscheinlich genauso schockiert wie ich und jeder neue Ton war eine Überraschung. Die Terz machte ungerührt damit weiter, ihren gelangweilten Terror hinauszubrüllen, ohne jeden musikalischen Akzent, und nach ein paar Sekunden der Gewöhnung setzten die Vögel ihr Singen fort und die Insekten nahmen ihr Gebrumm wieder auf. Mir schmolz immer noch das Eis von meinen Gliedern und Schultern. Urplötzlich erschien mir die ansonsten so freundliche Sonne wie eine nukleare Explosion. Von blankem Terror ergriffen, nahm ich meine zitternden Beine in die Hand und rannte so schnell es ging nach Hause. Ich stolperte fast über meine eigenen Füße als ich abrupt stehen bleiben musste, weil ich die Haustür erreicht hatte. Ich klingelte Sturm wie jemand der Zeuge eines Unfalls geworden war und eine Ambulanz rufen musste. Ich stob die Treppen nach oben und völlig außer Atem informierte ich meine Familie: "Es gibt Krieg!" Sie lachten mich aus! Stell dir das mal vor: Ich war völlig außer mir vor Angst und die lachten mich aus! Wie vom Donner gerührt stand ich da. Es gab Krieg. Was gab es da zu lachen? Meine Familie war nicht von der Art, die sich bemühen würde, die Wahrnehmung einer naiven Achtjährigen zu verstehen, um ihre Sorgen zu zerstreuen. Das Leben war hart und wenn es was zu lachen gab, genoss man es besser. Schließlich, nachdem sie ihren Spaß auf meine Kosten gehabt hatten, erklärten sie mir, dass das, was ich gehört hatte, ein Probealarm gewesen war und dass es nichts gab, worüber man sich zu sorgen brauchte. Gewillt jede Erklärung zu akzeptieren, war ich erleichtert. Doch nur fünf Sekunden später drängte sich mir ein unangenehmer Gedanke auf: "Proben, für was?" Aus der Schule wusste ich, dass wenn wir etwas probten, etwa ein Theaterstück, irgendwann auch mal die Zeit gekommen war, es aufzuführen. Und wenn ich Klavier übte, dann tat ich das doch, um irgendwann ein Stück fehlerfrei spielen zu können? Na ja, ich spielte nicht Klavier, aber das war in etwa der Erfahrungshorizont, der mir zur Verfügung stand. Und wofür nun probte ein Alarm? Ich sah davon ab, zu fragen, da ich bereits wusste, dass es hoffnungslos war mit diesen Erwachsenen. So fürchtete ich mich weiter, ohne jemandem davon zu erzählen. Schließlich wussten die Erwachsenen ja alles besser - zum Beispiel, dass es keinen Krieg geben würde - und sie würden nur böse mit mir werden, wenn ich nicht aufhörte, Angst zu haben. Von diesem Tag an bemühte ich mich jeden Abend in meinem Bett, nicht in den Schlaf zu fallen, so dass ich meine Familie rechtzeitig wecken konnte, wenn der Krieg ausbrach. Immerhin hatte ich gehört, dass man in den Keller gehen musste, wenn die Bomben fielen. Diese Information bot wenigstens etwas, was ich tun konnte. Ich wollte nicht untätig wie meine Familie sein und die Zerstörung hilflos abwarten. Wach zu bleiben, war kein Problem für mich. Ich war daran gewöhnt, stundenlang mit einer Taschenlampe unter der Bettdecke zu lesen, obwohl das heiß und stickig war. Nie zuvor hatte ich so aufmerksam den Geräuschen der Nacht gelauscht. Flugzeuge fliegen auch nachts! Wann immer eins in Hörweite kam, wartete ich auf den Alarm. Ich saß dann minutenlang aufrecht im Bett, aber der Alarm setzte niemals ein. Vielleicht hatte niemand außer mir das Flugzeug bemerkt und so wartete ich auf die erste Bombe. Ich hoffte, sie würde nicht unser Haus treffen. Ich musste ja auf den Abwurf warten, um des Krieges völlig sicher zu sein, so dass ich nicht wieder aufgezogen würde oder mir gar eine Ohrfeige einzuhandeln. Meistens schlief ich so gegen ein Uhr ein und war am nächsten Morgen müde. Den versäumten Schlaf holte ich in der Schule nach, was nicht gerade ein Verhalten war, dass mich bei der Lehrerin beliebt machte. Zumeist wurde ich in Ruhe gelassen, vermutlich weil die Lehrerin meine Müdigkeit auf meine bekannten familiären Probleme oder einen genetischen Defekt schob. Ich nehme an, die Lehrerin wollte nicht noch mehr Probleme verursachen, indem sie fragte, was los sei. Ich weiß das zu würdigen. Der tatsächliche Alarm setzte niemals ein und die erste Bombe fiel nicht. Nach vielleicht acht oder neun Monaten verblasste meine Phantasie über Atombomben und Krieg und der Schlaf kehrte zurück. Aber, glaube mir, noch heute bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich dieses Geräusch höre.