Als Kind ist das Leben einfach. Damit will ich nicht sagen, dass Kinder keine Probleme hätten oder, falls sie welche haben, dass sie diese nicht verstehen könnten. Im Gegenteil - es ist erstaunlich, wie viel Kinder verstehen. Dennoch, die Strukturen sind einfacher. Da gibt es Gut und Böse, da gibt es Ver- und Gebote, da ist schwarz und weiß.
Mutter war gut, der Gertzer war böse.

Doch das war vor dem Sommer 1988, als ich begann, schwarze Streifen auf meiner Mutter Erscheinung zu sehen und weiße auf der des Gertzers.

Nach dieser Zeit vermischte sich alles in graue Haufen von Ja-abers und Nein-abers.
Später, nachdem ich erwachsen geworden war, sollte man das Diplomatie nennen, aber damals zerbröckelte meine Märchenwelt genauso wie mein Selbstvertrauen.

Die gute Mutter machte böse Fehler und der böse Zauberer rettete kleine Kinder.

Alles drehte sich langsam von unten nach oben und ich wusste nicht mehr, wem ich vertrauen konnte, obwohl ich mich hart genug darum bemühte, weiterhin an das Schwarz und Weiß, das mir beigebracht worden war, zu glauben. Nur um seines selbst Willen.
Ich fand, da musste doch etwas sein, an dem ich mich festhalten konnte.

Jedenfalls, 1988 lebten wir nahe des Stadtzentrums in einem großen, gelben Haus, das rund acht Familien beherbergte. Wir, das waren meine Mutter, meine beiden Brüder und ich, und die Familien im Haus waren tatsächlich zwei kinderlose Paare, drei verwitwete Rentner, eine Frau mit einer mongoloiden Tochter im Erdgeschoss und eine Prostituierte gegenüber.

Ich wusste nicht wirklich, was eine Prostituierte war, aber ich bemerkte, dass meine Mutter auf sie herab sah. Also sah ich auch auf sie herab.

Es war gut, jemanden zu kennen, auf den man herab sehen konnte, weil ich mich dadurch größer fühlte.

In der Schule sahen sie auf mich herab, weil ich keinen Vater hatte, und auch mein kleiner Bruder nicht, dessen Vater aber eine anderer war.

Dank der Prostituierten war ich nicht das letzte Glied in der Kette.

In diesem Haus von langweiliger Ruhe waren meine Brüder und ich der häufigste Grund für Scherereien. Lärm, Schmutz und Schokoriegelverpackungen im Hausflur wurde uns angelastet. Nicht ohne Recht, wie ich heute zugeben muss, obwohl ich mich damals immer unfair behandelt fühlte, wenn ein Nachbar zu meiner Mutter kam, um sich zu beschweren.

Im Sommer war es nicht ganz so schlimm, weil wir die meiste Zeit draußen verbrachten, doch auch da gab es Hindernisse oder Erfreuliches.

Das Haus hatte keinen Garten, der den Namen verdient hätte. Es gab hinter dem Haus einen Streifen Graß, vielleicht 50 qm groß, mit einer eingestürzten Mauer an seinem südlichen Ende und, wirklich, nur das Territorium hinter den heraus gebrochenen Ziegeln war für uns interessant.

Wie es nicht anders sein konnte, war es uns natürlich verboten, den Garten, der in Wahrheit eine Müllkippe war, da die heraus gebrochenen Ziegel überall verstreut herum lagen und sich die Leute wohl daher dachten, das mache nun ohnehin nichts mehr aus, und ihre alten Waschmaschinen und Geschirrspüler dort entsorgten, zu verlassen.

Wir hatten tatsächlich keine Strafen zu befürchten, sollten wir diesbezüglich nicht gehorsam sein, da es die Mutter nicht wirklich interessierte, wo wir uns rumtrieben.

Bereits im zarten Alter von acht Jahren hatte ich erkannt, dass die Mutter so etwas nur sagte, weil es von ihr als Mutter erwartet wurde, solche Verbote auszusprechen, aber, ehrlich, es hätte ihr nicht gleichgültiger sein können.

Vielleicht wusste sie, dass das Spielen im Garten mit Elektroschrott langweilig war. Vielleicht war sie auch einfach nur müde, gegen uns anzukämpfen - sie war nie eine konsequente Mutter gewesen. Sie würde immer nachgeben, wenn wir nur nachdrücklich genug quengelten.

So begaben wir uns regelmäßig über die Mauer in den Alten Hof.

Der Alte Hof war in Wirklichkeit eine ausgediente Industrieanlage vom Beginn des letzten Jahrhunderts mit der tatsächlichen Produktionsanlage, oder was immer es gewesen sein mochte, in der Mitte und von Garagen umgeben, die in den 50er Jahren hinzugekommen sein mochten.

Es gab verschiedene Fabriken und Lagerhallen auf dem Gelände und eine Betonplatte vor dem Eingang zum Hauptgebäude. Von dieser nahmen wir an, dass es der Platz zum be- und entladen von LKWs gewesen sein musste, denn es gab ein riesiges Schlagloch in Mitter der Platte, das immer mit öligem Schlamm gefüllt war - sogar im Sommer, wenn die Sonne unsere kleine Stadt und die Landschaft drum herum ausgetrocknet hatte.

Was wir - und das waren nicht nur meine Brüder und ich, sondern eine ganze Horde von Kindern aus der Nachbarschaft - was wir wirklich fürchteten, war der alte Herr Gertzer - unser ganz persönliches Monster und Spielverderber.

Ich bin mir nicht sicher, ob er von der Stadt bestellt worden war, auf das Gelände aufzupassen oder ob es seine ureigene Ambition war, dies zu tun. Letzeres scheint mir wahrscheinlicher.

Er wohnte am anderen Ende unserer Straße, wo es noch einen Eingang zum Alten Hof gab, und meine Brüder und ich pflegten morgens, wenn wir in die Schule mussten, dort so schnell wie möglich vorbei zu rennen.

Einmal als mein Bruder Markus mit ein paar anderen Jungs Räuber und Gendarm im Alten Hof spielte, wurde er beinahe Beute des agilen alten Mannes. Er war immer noch blass, als er mir davon nach dem Nachmittagsunterricht erzählte.

Obwohl das schockierende Neuigkeiten waren und ich erleichtert war, dass es meinem Bruder gelungen war, sein Leben zu retten, war ich schrecklich verärgert, dass ich ein solches Abenteuer verpasst hatte.

"Ich habe gerade mit Robert und den anderen gestritten, wer Räuber und wer Gendarm sein sollte, als plötzlich der dünne Junge aus Haus Nummer 27 rief: "Der Gertzer!" und jeder begann, zu rennen", berichtete er mir, mal wieder außer Atem - die Aufregung und das Asthma -"und ich auch. Aber ich bin gestolpert und hingefallen. Ich bin wieder aufgestanden, da war er schon hinter mir und wollte mich mit einer Mistgabel aufspießen..." mein Bruder hielt inne, weil er damit beschäftigt war, wieder zu Atem zu kommen. Die Mistgabel hatte ihm den Rest gegeben.

In der Zwischenzeit zitterte ich vor Aufregung, doch ich musste darauf warten, dass sein verdammter Asthmaanfall vorüberginge, bevor er fortfahren konnte: "Aber ich war schneller! Erst als ich über die Mauer klettern musste, hatte ich so eine Angst, dass ich runter gefallen bin. Gott sei Dank auf die richtige Seite!"

Er zeigte mir die Schürfwunde an seinem rechten Ellenbogen, eine stolze Erinnerung an seine geglückte Flucht vor des Monsters Klauen, oder, in diesem Falle, Mistgabel.

Verletzungen aller Art waren gewöhnlich unter uns Kindern aus dem Alten Hof. Mein anderer Bruder war einmal in einen Zimmermannsnagel getreten und musste ins Krankenhaus gebracht werden. Peter von der anderen Seite der Straße war sogar einmal von einem Dachbalken in einer der Lagerhallen gefallen. Zum Glück war er auf einen Haufen weichen Müll - alte Sofas, die die Leute dort entsorgt hatten - gefallen und hatte dabei nur ein paar Ratten zerquetscht, oder zumindest hat er sie, dem Quietschen nach zu urteilen, aufgeschreckt.
Dennoch litt er eine ganze Woche lang unter einer Gehirnerschütterung.

Da gab es Gezeter! Alle Kinder der Gegend wurden mit Hausarrest bis zu fünf Tagen bestraft.
So war es immer gewesen: Niemanden kümmerte es jemals, wenn wir im Alten Hof spielten, und wenn dann etwas passierte, würden sich die Erwachsenen schuldig fühlen und uns einsperren.

Aber keine Sorge, Hausarrest bedeutete nur, dass wir unsere Eltern so lange nervten, bis wir spätestens nach einem Tag wieder auf freien Fuß gesetzt wurden.

Ich hatte meinen Bruder um sein Abenteuer beneidet und so kam es, das meins in kürzester Zeit eintraf, welches jedoch mehr peinlich als alles andere war.

Da ich das einzige Mädchen im Alten Hof war begann mein Abenteuer mit der Boshaftigkeit der Jungs und endete mit Gespött, das ein halbes Jahr andauern sollte.
Sogar meine Mutter zog mich damit auf.

Es war einer dieser Tage, wo die Luft stickig war und die Sonne Unheil versprach, einer dieser Tag, an dem du wusstest, dass etwas Unangenehmes passieren würde, weil es die ganze Atmosphäre hinaus brüllte. Und die Jungs hatten den Ruf gehört.

Ich lief gerade zu ihnen hin, ganz langsam und gelassen, weil bei uns einer cooler als der andere sein wollte, als Robert, eine Art Boss für uns, rief: "Nun komm schon. Es ist wichtig!"
Also beschleunigte die Neugier meinen Schritt, obwohl ich mich bemühte so zu erscheinen, als wäre es gleichgültiger Gehorsam und weniger die Neugier, die mich schneller werden ließ.
"Hast du es schon gehört?" fragte Robert wichtig.
"Was?" fragte ich trocken.
"Jemand hat während der vergangenen Woche fünf Mädchen gekidnappt. Ich habe es heute in der Zeitung gelesen. Sie schrieben, alle Mädchen sollten zu Hause bleiben, bis der Kidnapper gefasst ist."
"Du willst mich verarschen", sagte ich und meinte es. Ich glaubte kein Wort.
Doch auf einer Lüge zu beharren, kann sie zur Wahrheit machen.
"Nein, wirklich. Es ist gefährlich. Alle Mädchen wurden hier in der Gegend gekidnappt".
"Aber hier sind nie irgendwelche Mädchen im Alten Hof", gab ich triumphierend zurück.
"Nein, es ist drüben auf dem Spielplatz passiert. Wo sie mit ihren Puppen spielen".
Ich war wirklich verärgert und gab indigniert zurück: "Aber ich spiele nicht mit Puppen!".
"Ja, das wissen wir", versuchte Robert mich zu besänftigen, "trotzdem wird er wissen, dass du ein Mädchen bist. So was sieht man einfach, egal wie kurz dein Haar ist".
Die anderen Jungs nickten beipflichtend, sogar mein Bruder, der Verräter.
Langsam schlich sich die Furcht in meine Stimme und meine Antworten klangen nicht mehr so überzeugend wie bisher.
Robert fuhr fort: "Es gibt aber etwas, was du tun kannst."
Vorsichtig fragte ich, was das denn wäre.
"Der Kidnapper will nur hübsche Mädchen haben. Also wenn du hässlich und dreckig wirst, wird er dich verschonen".
Rückblickend war die Idee lächerlich, denn ich war alles andere als hübsch. Die zweiten Zähne, die vergangenes Jahr gekommen waren, waren viel zu groß für meinen Mund und gerade waren sie auch nicht. Ferner bestand ich auf kurzem Haar und meine Mutter schnitt es. Entsprechend sah es aus - etwas asymetrisch. Darüber hinaus schielte ich und musste nicht nur eine Brille tragen, sondern dieses wirklich hässliche Augenpflaster. Eine Augenklappe, wie sie die Piraten im Film trugen, wäre etwas gewesen, aber dieses Ding war wirklich das Letze.
Überdies waren wir nicht gerade reich und ich musste immer die Klamotten meines großen Bruders auftragen. Das war okay für mich; ich hätte mich ohnehin  mit Händen und Füßen gewehrt, ein Kleid zu tragen.
Also, zu sagen, der Kidnapper wollte nur hübsche Mädchen, hätte eigentlich eine Rückversicherung für mich sein müssen, aber ich war schon so verunsichert, dass ich den Jungs erlaubte, mir dabei zu helfen, mich noch hässlicher zu machen.

Gemeinsam gingen wir rüber zu der Betonplattform, dem LKW-Ladeplatz. Die dünne Schicht Wasser, die sich über dem Schlamm befand, zeigte glänzende Schlieren in Regenbogenfarben. Zuerst vermischten wir das Wasser mit dem schlammigen Bodensatz und dann schmierten die Jungs und ich selbst mich von oben bis unten damit ein: Meine Kleidung, mein Haar, mein Gesicht, sogar meine Brille. Zu guter Letzt gab es nur noch zwei kleine schlammfreie Löcher auf meinen Gläsern, so dass ich sehen konnte, wohin ich lief. Zufrieden mit dem Resultat unserer Bemühungen grinsten wir uns an.
Das Grinsen, jedoch, erlosch in meinem Gesicht als mir die Jungs unter brüllendem Gelächter gestanden, dass sie mich auf den Arm genommen hätten.
Dank der Schlammschicht auf meinem Gesicht konnten sie nicht sehen, wie ich blass wurde. Die Zeit schien stehen geblieben zu sein. Ein unendlicher Moment der Verlegenheit hatte mich eingeschlossen. Die Runde lachender Jungsgesichter um mich herum, machten, dass ich mir fehl am Platze vorkam. Ich würde nie zu ihnen gehören.
Diese Erkenntnis veranlasste mich, mich von ihnen wegzudrehen, geschockt, aber ohne Wut zu verspüren; ich war wie benommen.
Offensichtlich hatten die Kinder nicht mit so einer ruhigen Reaktion gerechnet. Wahrscheinlich hatten sie erwartet, dass ich explodieren würde, toben und schreien, doch da war ich- schweigsam und schließlich mich abwendend und in Würde gehend.
Wenigstens dachte ich , dass das Würde wäre, wenn ich darauf verzichtete, zu brüllen und zu schreien, aber ich war einfach nicht in der Lage irgendetwas zu sagen, egal in welcher Lautstärke.
Und zweitens, wie viel Würde kann man haben, wenn man von Kopf bis Fuß mit Schlamm bedeckt ist?

Bestürzt über mein Verhalten versuchten die Jungs verzweifelt, mich aufzuheitern. Nicht um meinetwillen, nehme ich an, sondern wohl eher, weil sie sich davor fürchteten, dass ich heulend zu Mami laufen würde wie ein Baby.
"Wir helfen dir, dich im Fluss zu waschen"
"Ja, wir können zur Rottach gehen und darin baden!"

Nun, all diese unerwartete Sorge setzte mich wieder in Gang und ich detonierte. Ich möchte gar nicht alle Flüche und Schimpfworte wiederholen - mein Repertoire würde jeden betrunkenen Punk beschämen.

Die Erleichterung der Jungs zeigte sich darin, dass sie wieder begannen, mich aufzuziehen, wenn auch etwas freundlicher.
"Wir würden den ganzen Fluss verseuchen, weißt du?"
"Lass es besser in der Sonne trocknen, bis es Risse kriegt."
Markus schlug im Scherz vor: "Wir könnten dich im Kanal waschen".

Der Kanal war ein unterirdisches Bächlein, der Schlangenbach, und nur im Alten Hof, neben dem Hauptgebäude, war eine Strecke wo es Tageslicht sah.
Sogar die größten Jungs, ja, sogar Robert, hatten Respekt vor dem dunklen, quadratischen Loch, unter dessen Rändern der Schlangenbach gurgelte.
Man konnte das Wasser nicht sehen, da es einen Meter unter dem Rand des Lochs dahin floss, an dem wir schon oft gestanden waren und uns gefragt hatten, wie viele Kinder dort schon hinein gefallen waren und konsequenterweise von den Schlangen, die dem Bach seinen Namen gaben, aufgefressen worden waren.

Robert, der noch immer ein Ventil für seine Nervosität, die sich während meiner kurzlebigen Phase der Würde aufgebaut hatte, brauchte, nahm die Idee eifrig auf.
Robert war groß, bestimmt schon 12, und er packte meinen linken Arm und zog mich zu dem mysteriösen Loch. "Ja, sie soll ein Bad mit den Schlangen haben!"

Ich kämpfte und schrie was das Zeug hält, aber es war vergebens. Die Kinder, die sich zunächst nicht wohl in ihrer Haut gefühlt hatten, folgten Robert und seinen üblichen Kumpanen und so wurde ich von einem Mob nervös lachender Kinder zu meiner Exekution geführt.
Robert und Karsten hielten mich an meinen beiden Armen, während sie mich immer näher an den Rand des Loches zerrten.
"Na, willst du ein Bad nehmen?" Robert grinste.
"Lass mich in Ruhe!", verlangte ich. Und sie ließen mich in Ruhe, aber anders als ich das gewollt hatte.

"Gertzer!" schrie Erdal.
Die Aufregung des ganzen Nachmittags entlud sich in eine panisch Flucht. Robert und Karsten drehten auf dem Absatz um und jedermann rannte. Ich verlor mein Gleichgewicht und fiel.

Bevor ich die Oberfläche des Wassers berührte, schlug ich meine Stirn an den Rand des Loches.
Ich versuchte, meine Hand nach Hilfe, die nicht da war, auszustrecken, doch das Loch war zu eng und ich stieß mir obendrein den Ellenbogen. Ich schrie mit der absoluten Sicherheit, dass ich mein vorzeitiges Ende gefunden hätte. Ich schrie in Terror und um dagegen zu protestieren.

Als ich im kalten Wasser saß, spürte ich den Puls in meinem Nacken. Ich hatte immer noch Angst zu sterben, bevor ich begriff, dass mir das Wasser nur bis zur Brust reichte, wenn ich saß.
Mein Hintern tat weh und mein Kopf, auch mein Ellenbogen tat weh, aber nicht so doll wie die anderen beiden Körperteile. Ich fühlte mich, als wachte ich aus einem Albtraum auf, als ich begriff, dass ich nicht tot war. Dann fielen mir die Schlangen ein und blitzschnell stand ich auf.
Das Wasser streichelte meine Beine, aber da waren keine Schlangen oder anderes Getier darin.
Meine Beine taten auch weh. Tatsächlich tat alles weh, aber mein Kopf brauchte seine Zeit, das festzustellen, weil er am meisten weh tat.
Ich streckte mich, um mich selbst aus meiner misslichen Lage zu befreien, aber ich war weder groß noch stark genug. Ich erreichte den Rand, aber er war zu hoch. Es war dunkel hier unten und ich hatte Angst. Panisch begann ich, nach Hilfe zu rufen, als ich bemerkte, dass etwas Warmes meine Stirn hinab floss. Wissend, dass das Blut war, begann ich zu weinen.

Ich hörte Schritte und dann kam eine Hand zu mir herunter. Hastig griff ich nach der Hand und es war der Gertzer, der mich aus dem Loch zog. Starr vor Schreck wagte ich es nicht einmal, zu schreien.
Der Gertzer hob meine zitternde Gestalt aus Matsch, Wasser und Blut, die ich war, auf, ohne ein Wort zu sagen.
Er verließ den Alten Hof mit mir auf dem Arm durch den Eingang in der Nähe seines Hauses, wo er sicher ein vortreffliches Abendessen an mir haben würde. Doch er ging einfach daran vorbei und die Straße hinauf zu unserem Haus. "Welche ist deine?", fragte er, als er vor den Klingeln stand.
Ich drückte selbst den Knopf und die Tür wurde geöffnet.

Niemals werde ich den Anschiss vergessen, den meine Mutter an diesem Tag erleben durfte.
Ich war nicht in der Lage, allem zu folgen. Alles, woran ich mich erinnern kann, ist dass er mit bedeutungsvollen Worten wie "Verantwortung", "Verwahrlosung" oder "Gleichgültigkeit" gespickt war.

Am nächsten Tag kamen Arbeiter, um das Loch in der Mauer am Ende unseres Gartens zu schließen  und Zäune an den beiden anderen Eingängen zum Alten Hof anzubringen. Mir war das egal.
Ich fühlte mich nicht wie ein Held oder so. Ich fühlte mich auf einmal nur so merkwürdig alt.

Sogar meine Mutter lachte mich aus, als ihr mein Bruder erzählte, warum ich komplett von Schlamm bedeckt gewesen war. Und die Jungs waren böse mit mir. Sie sagten, es wäre mein Fehler, dass sie nun nicht mehr im Alten Hof spielen konnten. Sie sagten, die Zäune wären die Folge davon, dass ich mich wie ein Baby verhalten hätte. Wäre ich nur ruhig geblieben, wären sie schon zurück gekommen, um mich zu retten. Ich glaubte ihnen kein Wort.
Sie waren nicht gerade unverblümte Lügner - das wusste ich -, sie waren nur über ihre eigene Feigheit beschämt.
In der Folge ignorierten sie mich und ich ignorierte sie. Wenn sie mich mal nicht ignorierten, verspotteten sie mich: "Im Matsch wälzen wie ein Schwein, wie ein Schwein!"
Meine Brüder stimmten meistens mit ein; sie wollten nicht Aussätzige sein wie ich.

Meine Jungs-Zeit im Alten Hof war vorbei und es machte mir nichts aus. Trotzig wie ich schon immer gewesen war, entschied ich, dass es ohnehin besser war, kein Junge zu sein, wenn Jungs solche Feiglinge waren.

 

....aber ich fing nicht an, mit Puppen zu spielen!