Im serbischen Teil des ehemaligen Jugoslawien enden die östlichen Karpaten. Die Karpaten sind ein Gebirgsmassiv, das quasi die Alpen fortsetzt.
Der Erzeuger meines kleinen Bruders war begeisterter Bergsteiger und ein Zurück-Zur-Natur-Freak. Mein Erzeuger, der mich regelmäßig abholte, war der Papa mit Bart; meines Bruders Vater war der Papa ohne Bart.

Schon im Kleinstkindalter habe ich so manche Bergtour mitgemacht - huckepack in der "Kraxe" auf dem Buckel vom Papa ohne Bart. Mit etwa zwei Jahren war ich wohl schon mal auf der Zugspitze. Daran kann ich mich jedoch nicht mehr erinnern.

Woran ich mich erinnern kann,  war der Urlaub in Jugoslawien im serbischen Erzgebirge. Mein kleiner Bruder war noch nicht auf der Welt und meine Mutter auch noch nicht schwanger. Ich kann also höchstens drei Jahre alt gewesen sein.
Meinen großen Bruder habe ich wohl vollkommen verdrängt. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass er dabei war.
Auf einem Berg hatten wir ein Ferienhaus, genauer gesagt ein Nur-Dach-Haus. Diese Häuser haben keine Wände, das Dach geht bis zum Boden herunter. Quasi ein großes Zelt aus Holz.
Dieses Haus ist mir deutlich in Erinnerung, weil es so unheimlich war. Mangels Fenster war es in dem Haus sehr dunkel. Nur von der Vorder- und Rückwand fiel ein bisschen Licht herein.

Ich konnte das "r" noch nicht sprechen; unsere Sumatrabarben zu Hause im Aquarium waren "Summalabalaben", der Reisverschluss der "Leibalus". Und auf einer Bergwanderung in den serbischen Karparten fanden wir einen großen "Kalabiner".
Mitten auf einer Almwiese stand da dieser große Galgen, an dem ein mannshoher Karabiner befestigt war. Ich habe noch ein Foto davon, wie ich in diesem Karabiner sitze und schaukle.

Von meiner Tagesmutter hatte ich ein halbes Jahr zuvor drei Glasmurmeln geschenkt bekommen. Ich war ja schon aus dem Alter, wo man alles erst mal in den Mund steckte, schon heraus.
Zwei kleine und eine große Murmel. Innerhalb der Glaskugeln waren bunte Streifen. Diese Murmeln mussten überall hin mit; sie waren mein ganz persönlicher Piratenschatz.

Mit musste außerdem auch immer mein Mon-Chi-Chi, dieses kleine, braune Vieh, dessen Daumen man ihm in den Plastikmund schieben konnte. Ich identifizierte mich sehr damit, war ich ja auch ein begeisterter Daumenlutscher!

Was hatte meine Mutter schon alles versucht, mir das Daumenlutschen abzugewöhnen. Gezeter, Schimpfe,  Schläge und zuletzt eine Pfeffersalbe auf beiden Daumen. Nichts konnte mich davon abbringen.

Auf dieser Bergtour nun, an dem Großen Kalabiner vorbei, ging der Mon-Chi-Chi verlustig. Und das Geschrei war groß!
Der Verlust wurde freilich erst bemerkt, als wir wieder im Nur-Dach-Haus angekommen waren.
"Wo ist mein Mon-Chi-Chi?", verlangte ich zu wissen.
"Sofort, wir packen erst mal den Rucksack aus", beruhigte mich Helmut.
Nach und nach kamen leere Brotzeitdosen und Trinkflaschen aus dem Rucksack, dann Windjacken und andere Kleidungsstücke, schließlich Seile und Karabiner. Nur kein Mon-Chi-Chi.
"Lucksack, Mon-Chi-Chi", bekräftigte ich mein Anliegen. Doch das Stofftier kam nicht zum Vorschein, woraufhin ich ein Geheul startete. Da kassierte ich erst mal ein Paar Ohrfeigen von meiner Mutter:
"Jetzt hast du einen Grund zum Heulen!"
Ich wollte aber nicht aufhören, meinen Verlust zu beklagen, so musste der Papa ohne Bart mit einer Taschenlampe noch einmal aufbrechen, das Kuscheltier zu suchen.
Der Mon-Chi-Chi wurde gefunden. Gegen 23:00 Uhr kam er erfolgreich von seiner Suche zurück. Und ich konnte wieder schlafen.

Aber vor allem ein anderes Ereignis hat Schuld daran, dass mir dieser Aufenthalt in den Bergen so lebhaft in Erinnerung geblieben ist, obwohl ich ja nur ein Drei-Käse-Hoch war und mich eigentlich laut Lehrmeinung gar nicht so deutlich daran erinnern dürfte.

Im kleinen Badezimmer des dunklen Nur-Dach-Hauses gab es ein Waschbecken, irgendwie so ganz anders als ich das von zu Hause kannte. Denn, der Abfluss des Waschbeckens hatte kein Sieb. Da gähnte nur ein großes schwarzes Loch.

Fasziniert starrte ich beim Zähneputzen in diese klaffende Leere. Wo es da wohl hinginge? Ob da drin ein Monster wohnte? Oder vielleicht sogar der liebe Gott? Versteckte der sich am Ende im Nichts?

Am Ende war die Faszination zu groß und die Spannung zu überwältigend. Ich musste das Loch heraus fordern. Mit der großen Glasmurmel bewaffnet, schritt ich an das Waschbecken und kletterte auf einen Schemel.
Ich ließ die Murmel, meine Lieblingsmurmel, weil sie so groß war und einen blauen Streifen hatte - meine erklärte Lieblingsfarbe -, im Waschbecken kreisen und fing sie immer wieder geschickt auf.
Das war unheimlich nervenzerreißend, für mich ein Spiel auf Leben und Tod!
Und da geschah es: Ich war nicht schnell genug und die Murmel verschwand in dem großen, schwarzen Loch. Weg war sie! Unwiederbringlich.

Gebannt starrte ich in den Eingang zur Unterwelt, der meine heilige Murmel verschlungen hatte.
Freilich war mir gleichzeitig bewusst, dass ich daran durchaus selbst Schuld hatte. Das kommt vom Spiel mit dem Feuer!
Dennoch konnte ich mich der Tränen nicht erwehren: "Meine Murmel! Meine Murmel!"

"Ja, die ist weg", meinte meine Mutter lakonisch.
Ich starrte sie nur wie betäubt an, dann wieder in das Loch.
Sie war weg, die Murmel, ich sah es ein.

Und ich ahnte damals schon vage, dass ich wohl irgendwie nicht alle Murmeln im Kasten hätte....