Die erste Klasse hatte ich gut hinter mich gebracht. "Das Kind ist anhänglich und dankbar" stand in meinem Zeugnis. Aber auch, dass ich bei guter Leistung "verträumt" sei und oft aus dem Fenster sähe.

Mein Bruder, der 13 Monate älter ist als ich, drohte schon in der ersten Klasse sitzen zu bleiben. Mit Mühe und Not wurde er versetzt. Das war natürlich Grund für Streit und Zoff. Meine Mutter sagte meinem Bruder: "Nimm dir ein Beispiel an deiner Schwester!" Mein Bruder behauptete schon in der zweiten Klasse, ich wäre arrogant - er drückte das damals anders aus, das Wort kannte er noch nicht.

Diese Einstellung hat er sein Leben lang beibehalten.
Als ich auf dem Weg war, Abitur zu machen, wollte mein Bruder auch weiter zur Schule gehen. Doch sein Notendurchschnitt reichte nach dem Qualifizierenden Hauptschulabschluss  nicht aus für die Freiwillige Zehnte Klasse.
Also meldete er sich an der Wirtschaftsschule an, die in zwei Jahren zur Mittleren Reife führte. Diese bestand er schließlich auch mit einem Notendurchschnitt von Vier.
Und ich war immer noch - und jetzt erst recht - arrogant.

Inzwischen war ich auch nicht mehr das Vorzeige-Kind; meine Mutter war auch der Meinung, ich dürfte meinem Bruder nicht überlegen sein.

Lesen konnte ich schon vor der Einschulung. Ich habe immer gerne und viel gelesen.

Anfang der zweiten Klasse bekamen wir eine neue Mitschülerin - Sarah.
Ganz aufgeregt, stellte uns die Klassenlehrerin Sarah vor und rief in die Klasse: "Nun ratet mal, was Sarahs Vater macht?! Der ist Chirurg und jetzt operiert er hier am örtlichen Klinikum!"
Natürlich hatte Sarah nur Einsen und ich fragte mich bereits in der zweiten Klasse, warum denn niemand ausflippte, weil mein Vater Werkzeugmacher war.

Und es gab in meiner Klasse insgesamt drei Thomase. In einen davon war ich schwärmerisch verliebt. Er hatte blondes, welliges Haar und war eher schüchtern. Außerdem ein ausgezeichneter Sportler. Der konnte Handstandüberschlag und Flick-Flack.

Mit meiner Liebe hielt ich mich bedeckt. Ich wusste, ich war seiner nicht wert. Thomas war auch das Kind von Akademikern. So viel hatte ich damals schon begriffen. Auf dem Pausenhof spielte ich auch nur mit Laura, einem Gastarbeiterkind, und Denise, die Nachbarstochter, die mit meinem Bruder in eine Klasse ging.

Ich liebte Thomas auch noch in der dritten Klasse. Da hatten die katholischen Kinder Kommunion.
In Bayern war man zumindest damals auch schon weniger Wert, wenn man protestantisch getauft war, wie ich es war. Zumindest empfand ich das so. Was die für einen Buhei um ihre Kommunionskleidung und Kerzen machten!

Wegen der Ökumene mussten alle Kinder - egal welcher Konfession - die katholische Kirche besuchen. Gottesdienste an der Grundschule waren ausschließlich in katholischen Gotteshäusern. Das änderte sich erst mit der Mittelstufe.

Nun besuchten wir am Ende der dritten Klasse den Schulgottesdienst in der katholischen St-Lorenz-Basilika.
Nach dem Gottesdienst sah ich Thomas noch vor dem Altar niederknien. Ich beobachtete ihn eine Weile. Er sah sehr ernst aus. Schließlich wagte ich es, mich ihm zu nähern und ihn zu fragen: "Wofür betest du?"
Thomas sah auf und erzählte: "Mein Vater hat Krebs. Ich bete, dass er nicht stirbt."
Darauf konnte ich nichts erwidern und zog mich wortlos zurück. Ich war erschüttert. Der Tod!
Ich hatte den Impuls, neben ihm niederzuknien und mit ihm zu beten, doch ich hatte das Gefühl, in einer katholischen Kirche dürfte ich das nicht. Ich fühlte mich hilflos.

Am Ende der vierten Klasse war Thomas Halbwaise. Wir hatten einen gemeinsamen Schulweg und am letzten Schultag gestand ich ihm: "Ich war in dich verliebt, aber mach dir keine Sorgen: Ich bin es nicht mehr!"

Irgendwie musste das raus, obwohl mir klar war, dass ich mich dafür entschuldigen musste.