Mein Vater hatte sechs Geschwister, drei Brüder und drei Schwestern. Seine Mutter, meine Großmutter, hatte insgesamt drei Ehemänner, die jeweils soffen und schlugen. Meine Oma arbeitete Zeit ihres Erwerbslebens als Gebäudereinigerin.

Mein Vater hat den Hauptschulabschluss gemacht und eine Lehre als Werkzeugmacher.
Der älteste Onkel hatte wegen Raubüberfällen ein paar Jahre gesessen und war am ganzen Körper tätowiert. Die Tatoos hat er sich später kostspielig entfernen lassen.
Der jüngste Onkel hatte schon mal wegen Betrugs gesessen.
Nur der mittlere Onkel hat irgendwie das Abitur geschafft und eine Frau geheiratet, die auch Akademikerin war - genauer: Lehrerin. Grundschullehrerin.

Die jüngste Tante war eine ganz Süße. Ich mochte sie gerne. Ich weiß nicht, was sie gearbeitet hat.
Die älteste Tante hatte ein uneheliches Kind von einem Franzosen, das mal ein halbes Jahr bei meiner Mutter geparkt wurde - ausgerechnet bei meiner Mutter!
Die mittlere Tante hatte einen Sohn, der drei Monate jünger war als ich.

Als ich noch ganz klein war, wollte ich meinen Cousin heiraten.
Ich hatte kurzes, von meiner Mutter schief geschnittenes Haar, trug ein Augenpflaster und eine Brille.
Mein Cousin war auch Brillenträger und moppelig. Das perfekte Paar!

In der Schwangerschaft hatte diese Tante ordentlich zugelegt.
Ab dem Zeitpunkt, seit dem ich mich deutlich an sie erinnern kann, wog sie wohl so 180 Kilo.
In den 80er Jahren gab es Übergrößen noch nicht einfach so zu kaufen. Meine Tante nähte sich ihre Kleider selbst aus Gardinenstoff.
Immer, wenn mein Vater mit mir und meinen Brüdern bei der Tante zum Besuch angemeldet war, hatte ich Angst.

Der Besuch pflegte sich so abzuspielen:
Mein Vater klingelte an der Wohnungstür. Die Tante öffnete die Tür einen Spalt breit, schob ihren schweren Leib durch die Tür, blitzte uns Kinder an und verkündete: "Ich hasse Kinder!"
Wir wurden zu meinem Cousin ins Zimmer gesperrt und durften dieses nicht verlassen.

Im Vergleich zur anderen Tante aber, war diese Tante noch ein Waisenknabe bzw. -mädchen.

Ausgerechnet die Grundschullehrerin! Das so etwas unterrichten darf!
Na ja, ist ja bekannt: Der Schulerfolg eines Kindes wird bereits im Kreißsaal bestimmt.

Diese Tante schien auf den ersten Blick eine nette zu sein. Sie hatte mit dem mittleren Onkel zwei Söhne gebastelt, die mein Cousin, meine Brüder und ich nur ‚Rod und Todd‘ nannten, nach den Nachbarskindern von Bart Simpson. Die Buben waren immer ordentlich und höflich. Wir waren Rabauken.

Weihnachten 1984 waren wir wieder bei der Oma im Schwarzwald.
Die lange Autofahrt nahmen wir immer gerne auf uns, da wir wussten, dass uns bei der Schwarzwald-Oma die besten Dampfnudeln der Welt erwarteten, schön in Milch karamellisiert.

Schließlich ging es an das Geschenke-Auspacken.
Das ist der Vorteil einer so großen Verwandtschaft - Jahre später sollte ich zu meiner Konfirmation 1.200 Mark einsammeln.
Von Oma gab es immer einen Rupfensachbeutel mit Nüssen und Orangen, Schokolade und etwas Bargeld für persönliche Wünsche. Ich liebte meine Oma.

Bestimmt waren auch die anderen Tanten und Onkels spendabel, aber ich kann mich zu diesem Weihnachtfest 1984 nur an meine Lehrer-Tante erinnern.
Sie überreichte mir ein bunt verpacktes Päckchen, circa 30 cm lang, 10 cm breit und 10 cm hoch. Scharfe Kanten; eindeutig eine Box mit irgendetwas drinnen.
Neugierig riss ich das Päckchen auf - und war zu Tode enttäuscht, was man mir wohl auch ansah.
Darin befand sich eine Barbie-Puppe!!!

Ich spielte Fußball und raufte mit den Jungs. Was, zum Henker, sollte ich mit einer Barbie-Puppe!
Als meine Tante meinen Gesichtsausdruck sah, war sie wohl genauso enttäuscht wie ich. Vielleicht hat sie mir das nie verziehen - dass ich kein richtiges Mädchen war?

Jedenfalls hatte die Tante ein Einsehen, auch weil mein Vater ihr humorvoll erklärte, was für eine Art von "Mädchen" ich war und sie nahm das Geschenk zurück und versprach mir ein anderes.
Einige Tage später überreichte mir mein Vater im Auftrag der Tante ein Playmobil-Iglu. Damit war ich nun zufrieden!

1988 - ich ging schon in die zweite Klasse - waren wir mal wieder im Schwarzwald zu Besuch.
Ich hatte meine Tante in so guter Erinnerung und sie war ja schließlich Grundschullehrerin.
Also beschwerte ich mich in einem Augenblick unter vier Augen bei ihr:
"Mama ist im Krankenhaus. Sie hat versucht, sich umzubringen. Sie sagt, wir müssen jetzt Rücksicht auf sie nehmen. Ich muss kochen. Ich kann schon Spiegelei und Bratkartoffeln. Und ich muss staubsaugen und abwaschen. Meine Brüder müssen gar nichts machen."
Die Tante zögerte einen kurzen Augenblich, dann fuhr sie mich streng an:
"Jammer nicht so viel! Dir geht es doch gut!"

Wieder Jahre später - ich hatte gerade meinen Umzug nach Berlin mit meinem ersten Großstadtkoller hinter mir und bezog erst mal Hartz IV - begegnete ich der Tante ein letztes Mal.
Von hart abgesparten 100,00 € war ich zu meinem großen Bruder gefahren und bat diesen, gemeinsam mit mir mit dem Auto, das er ja hatte, in den Schwarzwald zu fahren. Mein Bruder wollte eigentlich nicht, doch ich vermisste meine Oma. Schließlich fuhren wir.
Wir kamen an und eigentlich hatte uns niemand erwartet.

Beim Abschiednehmen standen mein älterer Bruder und ich in Omas Küche, alleine mit der Tante.
Ostentativ drückte sie meinem Bruder 50,00 € in die Hand: "Schön, dass du gekommen bist!"
Ich bekam weder Dank noch Geld noch Willkommen. Hatte es wohl nicht nötig....oder selbst verschuldet?
Weil ich immer so viel jammere?