Ich ging in die dritte Klasse und trug meinen Wohnungsschlüssel an einem pinkfarbenen Schnürsenkel um den Hals. Mutter arbeitete in einem Altenheim und ich musste das Mittagessen für meine Brüder aufwärmen. Zwar hatte ich ja noch einen dreizehn Monate älteren Bruder, doch der musste nie kochen und staubsaugen, weil er ein Junge und Mamas Liebling war.

An einem Nachmittag im Sommer sperrte ich die Wohnungstür auf und erwartete nicht, jemanden vorzufinden. Mein großer Bruder hatte noch Schule. Zeit genug für mich, den Kleinen vom Kindergarten abzuholen und das Essen zuzubereiten.
Als ich die Wohnung betrag, stieg mir ein säuerlich-seifiger Geruch in die Nase. Im Flur war es dunkel, also schaltete ich das Licht an. Trotzdem trat ich in das Erbrochene hinein. Die Spur führte von Mutters Schlafzimmer auf das Klo. Ich wunderte mich.
Vorsichtig öffnete ich die angelehnte Tür zum Schlafzimmer meiner Mutter. Da lag sie. Und schnarchte. Ich rüttelte sie an den Schultern, doch sie wollte nicht aufwachen.

Zwar war ich ein Kind, aber erstens nicht blöd, und zweitens kuckten wir mit Mutter ja auch den Tatort oder gar "Poltergeist", also ahnte ich Schlimmes. Ich sah mich im Schlafzimmer um und, richtig, auf dem Nachtkästchen lag eine Schachtel Tabletten. Diazepam stand drauf. Und sie war leer. Neben dem Bett lag eine leere Flasche Gorbatschow  Wodka.

Ich rief meinen Vater an. Der setzte sich sofort ins Auto und kam. Er rief einen Krankenwagen und die Mutter wurde abtransportiert. Papa machte den Flur sauber. Er hatte heute Spätdienst und musste auf Arbeit in seine Fabrik. Er wartete noch, bis Michael von der Schule kam, dann ließ er uns alleine und verständigte die Oma.

Mutter blieb lange im Krankenhaus. Wir waren abwechselnd bei Papa, Oma und alleine. Als Vater das nächste Mal kam, reinigte er die ganze Wohnung. In den Wandschränken im Flur waren Flaschen versteckt. In den Küchenschränken wuchs der Schimmel.

Mein Vater fuhr mit uns die Mutter besuchen. Wir betraten das Bezirkskrankenhaus und mussten erst einmal im Aufenthaltsraum warten. Dort saßen ein schmaler Herr und eine dicke Dame. Der Herr bot Michael einen Apfel und mir eine Banane an. Dann durften wir die Mutter sehen. Sie freute sich, uns zu sehen und verkündete sofort: "Ich bin sehr krank. Ihr müsst Rücksicht auf mich nehmen!"
Als wir wieder in Papas Auto saßen, befahl er uns: "Schmeißt das Obst aus dem Fenster!"
"Warum?" wollte ich wissen.
"Wer weiß, was die Irren vorher angefasst haben".
"Aber die Banane ist doch in einer Schale", wandte ich ein.
Mein Vater wurde ungeduldig: "Wegschmeißen, habe ich gesagt!"

Irgendwann kam Mutter wieder nach Hause und verlangte Rücksichtnahme. Sie ging nicht mehr arbeiten. Und mein Vater beantragte das Sorgerecht.

Dann kam das Jugendamt in Form eines Mitarbeiters und erklärte meiner Mutter, dass sie neben anderen Dingen für uns Frühstück machen müsste. Eine Zeit lang, gab sich meine Mutter Mühe. Es wäre in den Augen der Oma eine Schande gewesen, wenn sie das Sorgerecht verloren hätte. Also malte sie mit uns sogar Keramikfiguren an. Das hatte sie in der Ergotherapie gelernt. Freilich zog sie mich auf, weil meine künstlerische Begabung bzw. die Feinmotorik nicht so ausgeprägt war: "Das sieht aus wie Arsch und Friedrich".

Der Gerichtstermin rückte immer näher und meine Mutter wurde immer nervöser. Sie nahm mich und meine Brüder beiseite und erklärte uns: "Wisst ihr, der Papa ist ein Säufer. Das wisst ihr ja. Und Geld kann er auch nicht zusammen halten. Als wir noch verheiratet waren, hat er mich öfter im Suff vergewaltigt. Sagt dem Richter ja nicht, dass ihr zu eurem Vater wollt!"

Freilich berichteten wir dem Papa von diesen Unterredungen. Er sagte dazu nur einigermaßen müde: "Die Mama ist krank. Ihr müsst nicht alles glauben, was sie euch erzählt."

Schließlich mussten wir vor dem Richter antanzen. Er fragte uns einzeln: "Willst du lieber bei Papa oder bei Mama wohnen?"
Ich zuckte nur mit den Schultern und schwieg.

Meine Mutter bekam das Sorgerecht zugesprochen. Jahre später kramte ich die Akten des Sorgerechtstreits hervor und darin stand, ich hätte vor dem Richter gesagt: "Ich will lieber bei Mama wohnen, weil der Papa ja im Schichtbetrieb arbeitet und uns somit nicht gut versorgen kann".
Aha, solche Worte hatten sie mir also mit rhetorischen Fragen in den Mund gelegt. Außerdem komisch: Arbeitete die Mutter im Altenheim etwa nicht im Schichtbetrieb?

Aber das Dogma im katholischen Bayern lautete zumindest in den 80ern noch: Ein Kind gehört zur Mutter und Mütter sind per se Heilige!

In der Klapsmühle hatte Mutter einen anderen Patienten kennengelernt. Der hörte Stimmen und glaubte sich von Außerirdischen verfolgt. Meine Mutter engagierte ihn als Babysitter.
Mit meinem kleinen Bruder tötete er im Hof einen Papageien und zeigte dem Kleinen, wie man ein Tier ausstopfte. Er brachte Pornographie mit und meine Mutter meinte nur "Fritz the Cat" gefiele ihr besser als "Schande des Dschungels".

Da ging mein Vater auf die Barrikaden. Er drohte: "Wenn sich dieser Typ nicht von den Kindern fernhält, schlage ich euch beide windelweich!" Er meinte sowohl meine Mutter als auch Arno, den Psycho.
Meine Mutter lachte nur darüber; mein Vater hatte ja nichts zu melden. Dass der Mitpatient dennoch eines Tages nicht wiederkam, lag an meiner Oma, die diesen Umgang auch nicht gut hieß und meiner Mutter Druck machte.

Das Jugendamt hatte das Interesse an uns verloren und meine Mutter schickte mich wieder mit einem Zettel mit Unterschrift zum Getränkemarkt, um Bier zu holen.