Mein Vater hatte Umgangsrecht. Jedes zweite Wochenende und in den Ferien.

Mein Vater wohnte in einem grauen, unsanierten Haus, in dem es im Bad noch einen Boiler gab.
Das Haus war umgeben von Garagen. Zur Einfahrt hin, bis um die Ecke, wo die Garagen waren, war ein Kieshof. Hinter dem Haus befand sich ein Garten mit einer baufälligen Scheune. Im Garten standen ein Kirsch- und ein Zwetschgenbaum, die auch im Spätsommer bzw. Herbst noch Früchte trugen.
Meine Brüder und ich sowie der Nachbarsjunge, der wirklich Fritz hieß, pflegten die Ernte einzubringen und Fritzens Mutter buk dann Kuchen.

Vor dem Hauseingang im Kieshof hatten die Nachbarn zusammen eine Bierbank mit Tisch aufgestellt.
Manchmal wanderte das Ensemble auch in den Hinterhof unter die Bäume.
Dort pflegte mein Vater in kurzen Turnhosen und T-Shirt zu sitzen und Bier zu trinken, zusammen mit Fritzens Vater, Fritz senior, und einem weiteren Nachbarn, Lastwagenfahrer.

Die Gespräche drehten sich um Politik und das Wetter; es ging meist heiter zu.
Meine Brüder und ich wetteiferten oft, wer die vier Mark in den Automaten an der Straße stecken durfte, um meinem Vater eine Schachtel HB zu ziehen.

Meine Mutter wetterte immer, dass mein Vater nicht mit Geld umgehen konnte. Es reichte ihr offenbar nicht, dass er den Unterhalt für sie und seine zwei Kinder zahlte.
Meinen kleinen Bruder hatte mein Vater wie ein drittes Kind angenommen. Schließlich gehörten Geschwister ja zusammen. Meinen Vater nannte der kleine Bruder "Papa", seinen Erzeuger hingegen rief er beim Vornamen.

Das liebe Geld. Wir freuten uns regelmäßig, wenn mein Vater spontan entschied, abends noch mal zur Tankstelle zu gehen und Biernachschub zu holen. Da sprang immer mindestens ein Eis oder eine Tüte Chips für uns raus.

In der Nachbarschaft gab es eine Grund- und Hauptschule, auf deren Sportplatz wir uns regelmäßig schlichen. Mit einem Basketball bewaffnet übten wir Korbleger.

Es gab hier noch mehr Kinder, die Tag und die halbe Nacht herum streunten, so wie wir.
Da wir nur jedes zweite Wochenende dort waren, zählten wir sie nicht zu unseren Freunden. Sie waren eher "Bekannte".

In einem Neubeugebiet in der Nähe wohnten Chantal und Dennis. Beide etwa in meinem Alter.
Mein Vater lud immer alle Kinder ein und hatte in der Garage eine ausklappbare Tischtennisplatte.
Also spielten wir Tischtennis.

Chantal war in Dennis verliebt und Nachbar Fritz erzählte ihr, dass Dennis mich liebte.
Das war zwar absoluter Quatsch, da ich an Jungs ungefähr genau so viel Interesse hatte wie an der aktuellen Bravo - nämlich gar keines -, doch Chantal wurde eifersüchtig und begann zu sticheln:
"Du bist eine Brillenschlange und dein Haar sieht aus wie eine Klobürste!"
"Und du hast den Verstand eines Huhns", entgegnete ich.
Die Jungs fanden das belustigend.
Wobei klar war, dass sie mich und meine Abenteuerlust mehr schätzten als Chantal und ihren Mädchenkram. Mit mir konnte man wenigstens Basketball spielen.

Wenn wir Verstecken mit Freischlagen spielten, sprang ich schon mal mit vollem Anlauf vom Garagendach, um mich rechtzeitig vor dem Verfolger freischlagen zu können.
Das klingt so leicht daher gesagt, aber vor meinem ersten Sprung hatte ich schon enormen Bammel. Das Garagendach war doch ziemlich hoch.
Mein ängstlicher großer Bruder l hangelte sich regelmäßig an der Regenrinne hinab. Ich zunächst auch. Doch das war zu zeitaufwändig, wenn es um das Freischlagen ging.
Also versuchte ich auch gar nicht erst andere Option, wie etwa, erst mal ohne Anlauf hinunter zu springen. Nein, ich rannte auf das Ende des Dachs zu, schloss vor dem Absprung kurz die Augen, und dann war ich auch schon in der Luft.
Der Aufprall auf dem Kieshof war kein sanfter, aber auch nicht schmerzhaft. Es ging.

Mein Vater wohnte im Erdgeschoss und wir kletterten häufig durch das Kinderzimmerfenster hinein und heraus.
Nun saß also Dennis auf dem Fenstersims. Chantal stand unten im Hof und machte ihm schöne Augen, was Dennis als echter Junge freilich ignorierte.
Mit irgendwelchem Schulkram versuchte Chantal Dennis in ein Gespräch zu verwickeln.
Ich stand mit meinen Brüdern daneben unten im Hof. Wir intonierten:
"Chantal liebt Dennis, Chantal liebt Dennis".

Dennis hockte oben auf der Fensterbank und grinste nur. Chantal wurde immer wütender: "Haltet das Maul!"

Auf einmal sprang Fritz, der Nachbar, von hinten durchs Kinderzimmer - es ging ja zu wie im Taubenschlag - und schrie: "Achtung! Still gestanden! Hier kommt der Sperminator!"
Dennis erschreckte sich so, dass er kopfüber von der Fensterbank in den Hof stürzte. Er überschlug sich im Fall, machte einen regelrechten Salto, und kam mit den Füßen voran auf dem Kies auf. Ziemlich verdutzt sah er uns an. Nach dem ersten Schock brachen wir in schallendes Gelächter aus.
Dennis lachte mit und kratzte sich verlegen am Hinterkopf.

Nur Chantal fand das nicht lustig. "Ihr seid gemein", glaubte sie, Dennis verteidigen zu müssen

Wir nahmen unseren Gesang wieder auf: "Chantal liebt Dennis! Verliebt, verlobt, verheiratet!"

Nun flippte Chantal komplett aus und meinte wohl, das schwächste Opfer gefunden zu haben. Sie wandte sich an mich und keifte: "Du bist eine Hure!"

Eine halbe Sekunde lang war ich verdattert, weil ich hier erst mal überhaupt keinen Zusammenhang begriff. Im zweiten Moment war mir ein möglicher Zusammenhang wurscht und ich holte aus und klebte Chantal mit voller Wucht eine, dass es nur so klatschte. Ein schönes Geräusch!
Ihre Wange schwoll knallrot an. Mit offenem Mund starrte sie mich an. Dann drehte sie sich um und ging. Wir lachten. Die Jungs beglückwünschten mich zu meiner Reaktion.

Zum Abendessen hatte mein Vater Hackfleischtopf gekocht. Fritz war natürlich eingeladen. Fritz, der Nachbar,  war eigentlich immer da.
Als wir gerade so schön beim Essen saßen - im Fernsehen kam Knight Rider -, klingelte es an der Wohnungstür.

Mein Vater öffnete und draußen stand eine empörte Chantal. Hierzulande war man als Erwachsener der Meinung, die Kinder müssten ihre Konflikte selbst bewältigen, daher kam Chantal allein - ohne elterliche Verstärkung. Sie beschwerte sich: "Ihre Tochter hat mich heute Nachmittag GESCHLAGEN!"

Neugierig kam ich an die Tür, um zu sehen, wie mein Vater auf den Vorwurf reagierte. Er war offensichtlich auch der Meinung, die Kids müssten ihre Kriege allein austragen und antwortete trocken: "Sie wird schon einen Grund gehabt haben!" und schlug dem Mädchen die Tür vor der Nase zu.

Ich griente. Das war Sommer!