Wir waren unterwegs zur Schwarzwald-Oma. Je älter ich wurde, desto größer wurde die Diskussion, ob ich mitfahren würde. Zwar freute ich mich auch mit zunehmendem Alter noch auf die Dampfnudeln mit Vanillesoße, die uns dort erwarteten, doch die stundenlange Fahrt mit dem Auto schreckte mich.

Mein Vater fuhr immer ein Jahr lang eine Karre für rund 300,00 Mark, bis er diese entsorgte und sich die nächste kaufte. Irgendwie hatte er nie Geld, brauchte aber ein Auto, um auf Arbeit außerhalb zu pendeln.

Das erste Auto, an das ich mich erinnern kann, war ein gelber Kadett mit einem blauen Dach. Wenn dieses Gefährt auf unsere Straße einbog, war die Freude groß.

Zu der Zeit, von der ich erzählen will, fuhr mein Vater gerade einen silber-roten Manta. Damit zog er den Spott der ganzen Familie auf sich: Manta! Manta!
Meinem Vater war das egal, der hatte Humor und außerdem ein Auto, das fuhr.

Und so fuhr es – gen Schwarzwald. Mit drei Kindern auf der Rückbank: Mein großer und mein kleiner Bruder und ich.
Beim Autofahren hatte mein Vater Nerven aus Stahl. Wir konnten auf der Rückbank eine Kissenschlacht veranstalten – das störte ihn nicht. Streit gab es immer darum, wessen Musik gehört wurde. Mein großer Bruder wollte Die Ärzte hören und natürlich stimmte mein kleiner Bruder da mit ein. Man musste ja gegen das Mädchen sein. Ich wollte Queen hören und mein Vater war auf meiner Seite. Die Fahrt war lang genug und am Ende alles gehört; es kam nur auf die Reihenfolge an…

Wir fuhren mit 130 Sachen auf der Autobahn, als auf einmal Dampf von der Kühlerhaube aufstieg. Mein Vater drosselte die Geschwindigkeit und rollte auf den Seitenstreifen. Dort fuhren wir mit geringer Geschwindigkeit zum nächsten Parkplatz.
„Alle aussteigen!“, kommandierte mein Vater.
Neugierig waren wir sowieso und so standen wir nun staunend an der Front des Mantas und blickten auf die dampfende Motorhaube. Mein Vater ging erst mal zum Kofferraum und kramte ein paar Arbeitshandschuhe hervor. Diese über gezogen, öffnete er die Motorhaube. Es dampfte gewaltig.
„Die Kühlung ist kaputt, der Dichtungsring gerissen“, erkärte mein Vater fachmännisch. „Ich kann das reparieren, aber wir brauchen Wasser zum nachfüllen. Das ganze Kühlwasser ist verdampft. Los, macht euch mal auf die Suche nach Wasser!“

Wasser! So lautete der Befehl. Eilfertig stoben wir auseinander, Wasser zu suchen. Nur wo sollte hier Wasser zu finden sein? Linker Hand die Autobahn, rechts spärliches Gebüsch. Also ab ins Gebüsch! Meine Brüder hatte ich verloren und ich kämpfte mich durch ein paar hagere Sträucher, um dann festzustellen, dass die Erde hier sich langsam aber sicher in einen steilen Abhang verwandelte. Mich an Zweigen und Ästen festhaltend kletterte ich den Abhang hinunter. Und da sah und hörte ich es: Wasser!
Unter mir floss ein breiter Strom hinweg. Und ich hatte ihn gefunden! Ich war ein Held!
Jetzt musste ich nur noch meinem Vater Bescheid sagen; allein würde ich mich nicht an das Ufer des Flusses wagen. Außerdem hatte ich gar kein Gefäß dabei.
Keuchend kletterte ich den Abhang wieder hinauf. Meine Brüder standen schon wieder recht verloren und ratlos bei meinem Vater.

Vor Aufregung bald platzend ging ich auf das trostlose Häufchen zu: „Ich habe Wasser gefunden! Da kommt eine Böschung und ganz unten ein Fluss!“
„Was?! Super! Gott sei Dank!“, rief mein Vater und wir machten uns sofort auf den Weg durch das Unterholz.

„Da!“, ich zeigte auf das graue Band am Fuße des Abhangs und verstummte im selben Moment. Da fing mein Vater auch schon an zu toben. Ob ich nicht mehr alle Tassen im Schrank hätte; die Situation sei viel zu ernst für dumme Späße!
Der Fluss, den ich in meinem Eifer gesehen und gehört hatte, hatte sich in eine stark befahrene Straße verwandelt – eine graue, rauschende, ganz und gar trockene Straße…
„Aber ich, ich…“, stammelte ich. Doch mein Vater wollte keine Erklärung hören. Er machte auf dem Absatz kehrt und schnaufte die Böschung hoch zum Wagen.

Dort standen wir nun wieder, von allen guten Geistern verlassen. Und ich hatte das saudumme Gefühl, versagt zu haben. Was war nur geschehen? Ich hatte da wirklich einen Fluss gesehen! Sehen wollen…

Jetzt war ich ebenfalls beleidigt. Ich empfand das Schimpfen als ungerecht. Schließlich war diese Falschmeldung keine Absicht gewesen!
Meine Brüder feixten.

Endlich kam auf der Autobahn ein Wagen heran, der unsere Not erkannte und anhielt. Man spendierte uns eine Flasche Mineralwasser, die mein Vater in den Kühltank kippte. Die Dichtung hatte er – MacGyver-mäßig – mit einem Schraubenzieher und einem Fünf-Pfennig-Stück gekittet. Die Fahrt konnte weiter gehen.

Ich sprach, bis wir bei der Oma angekommen waren, kein Wort mehr.