Es war Sommer. 30°. Brütende Hitze.

Die Nachbarstochter war vorbei gekommen. Sie ging mit meinem großen Bruder in eine Klasse und war übergewichtig. Heute würde man sagen: pummelig. Damals, in den 80ern, galt sie schon als fett.

Sie hatte eine ältere Schwester, die schon Englisch lernte.
Wir drehten auf unseren Rädern Kreise im Pausenhof der städtischen Realschule und meine Freundin intonierte: "Do you speak English - yes oder no?"
Irgendwann wurde uns dies zu langweilig und wir fuhren verschwitzt nach Hause.

Ich mochte die Sommerferien nicht, sie waren viel zu lang.
Vor zwei Jahren durften wir mit Oma und Opa nach Italien. Das war schön. Ansonsten verbrachten wir diese ewig dauernden sechs Wochen zu Hause, auf der Straße und im Freibad.
Meistens musste ich meinen kleinen Bruder mitnehmen und auf ihn aufpassen.
Momentan war er bei seinem Vater, der nicht mein Vater war.

Heute beschlossen die Nachbarstochter und ich, zu Hause mit Lego zu spielen. Draußen war es einfach zu heiß. Meine Mutter war nicht begeistert.
"RAUS!", rief sie, doch wir weigerten uns und versprachen, auch ganz leise zu sein.

Selbstverständlich wurde uns auch bald das Lego-Spielen fad und wir begannen, herum zu blödeln, so dass meine Mutter ins Zimmer stürzte: "Könnt ihr nicht mal leise sein? Ich bin krank!"
Meine Mutter war immer krank - Depressionen.
Deshalb konnte sie auch nicht kochen. Das übernahm ich für meine Brüder, die das auch nicht konnten. Bei mir gab es immer Spiegelei mit Kartoffeln oder Spaghetti mit Fertig-Tomatensoße.
Bier trinken konnte meine Mutter jedoch.
Mein großer Bruder und ich bekamen immer einen Zettel mit, auf dem stand:
"Sie haben meine Erlaubnis, meinen Kindern 6 Hacker-Pschorr zu verkaufen. Mit freundlichen Grüßen.  Unterschrift".
Damit gingen wir zum Getränkemarkt, die uns schon kannten, und holten das Bier für meine Mutter.
Das Geld von den Pfandflaschen, die wir mitgebracht hatten, durften wir behalten.

Heute gab es keine Pfandflaschen wegzubringen; Mein großer Bruder, und ich, hatten erst gestern eine heimliche Sammlung entdeckt. Da waren insgesamt 28 Bierflaschen in Wand- und Badschränken versteckt. Als wir meine Mutter damit konfrontierten, antwortete sie gereizt: "Na, dann schafft sie doch weg. Pfandgeld dürft ihr behalten".
Das waren 10 Pfennige pro Flasche, also 2 Mark 80, 1 Mark 40 für jeden.

Jetzt lärmten die Nachbarstochter und ich also wieder rum und meine Mutter regte sich auf.
Also bat ich sie: „Gibst du mir zwei Mark, damit wir zum Kiosk gehen können?"
"Nein!"
"Warum nicht?"
"Weil ich 'Nein' gesagt habe!"
Wir trollten uns wieder ins Kinderzimmer und wussten nichts rechtes mit uns anzufangen.
Schließlich flüsterte ich meiner Freundin verschwörerisch zu: "Warte mal, ich hab' was vor", und schlich aus dem Zimmer.

Ich schlich auf Zehenspitzen in den Flur, wo an der Garderobe Mutters Handtasche hing. Ich griff hinein und fand sofort das Portemonnaie. Ich entwendete ein Fünf-Mark-Stück.

Zurück im Kinderzimmer, das ich mit meinen beiden Brüdern teilte, die heute nicht da waren, wo nur die Nachbarstochter wartete, erklärte ich: "Mama hat mir nun doch fünf Mark gegeben. Komm, wir gehen zum Kiosk!"

Im Kiosk in unserer Straße gab es geschätzte 10.000 Behälter, mit Gummi-Schnullern, Weißen Mäusen, Lakritzstangen, Kaubonbons, Zuckerkirschen und Karamellen. Wir schnappten uns zwei Papiertüten und befüllten sie eifrig. Der Kiosk-Verkäufer hatte alle Mühe, das nachzuzählen, bis er schließlich auf fünf Mark gekommen war.

Wieder zu Hause packten wir unsere Schätze auf dem Boden des Kinderzimmers aus. Eine Weile fraßen wir so vor uns hin, bis meine Mutter den Raum betrat, um uns mitzuteilen, dass sie sich etwas hinlegen werde.
Sie brach jäh ab und fragte schon voller Zorn: "Wo habt ihr das her?"
Und ich wünschte, meines Bruders Klassenkameradin wäre gescheit und würde sagen, von ihr, doch sie platzte heraus, das hätte ich spendiert.
Sofort hatte ich rechts und links eine gefangen, dann gab es noch einen Stoß vor die Brust, so dass ich nach hinten umfiel.
"Ich gehe jetzt schlafen", erklärte meine Mutter abschließend.
Ich war sauer auf die Nachbarstochter, die das nicht verstand.

Nach den Sommerferien ging die Nachbarstochter mit meinem Bruder schon in die fünfte Klasse und musste daher einen anderen Pausenhof als die Grundschüler aufsuchen. Ich sah nur noch wenig von ihr.
Und irgendwann war der Herbst da gewesen, und der Winter begann.

Am 5. Dezember waren wir zu meinem Cousin eingeladen. Der Nikolaus sollte kommen.
Zwar wusste ich schon längst, dass es den Nikolaus und das Christkind nicht gab, dennoch war ich einigermaßen aufgeregt; insbesondere aufgrund der Erwartung eines ganzen Bergs von Süßigkeiten.
Mein Cousin war zuerst dran. Er wäre wohl nicht so fleißig in der Schule, meinte der Nikolaus. Dennoch bekam mein Cousin freilich den ersehnten Beutel. Dann ging es vom Alter an abwärts. Erst kam mein großer Bruder an die Reihe. Er wäre wohl auch eher ein fauler Schüler, resümierte der Nikolaus. Und auch er bekam das ersehnte Rupfensäckchen.
Und jetzt war ich dran! Ich war eine gute Schülerin, das wusste ich, was, also, sollte passieren? Ich musste nach vorne gehen zum Nikolaus und seinen Stab halten. Der Nikolaus warf einen ernsten Blick in sein Goldenes Buch und legte los: "Wie mir meine treuen Mitarbeiter mitgeteilt haben, hast du fünf Mark aus der Geldbörse deiner Mutter entwendet. Weißt du nicht, dass Diebstahl eine Sünde ist. Zur Strafe wirst du nichts bekommen. Du kannst dich wieder hinsetzen!“

Betäubt starrte ich den Mann im roten Mantel mit dem weißen Bart an. Ich stand da und konnte nicht begreifen, was geschehen war. Dieser Typ war doch irgend ein Freund der Tante und meine Mutter hatte ihm gesteckt, dass ich sie vor einem halben Jahr bestohlen hatte, wofür ich indes schon meine Ohrfeigen kassiert hatte.
Zuerst wollte ich protestieren, doch nach einem Blick in die Runde war mir klar, dass das zwecklos war.

Da saß sie die Verwandtschaft, mit offenen Mündern gafften sie mich an. Im Gesicht meiner Mutter blitzte Schadenfreude auf.
Freude am Strafen hat nur der Teufel, und ich habe meine Mutter noch nie zuvor so gehasst, wie in diesem Moment.