Mein kleiner Bruder hatte gerade die erste Klasse begonnen, als ich seine Mitschülerin und deren kleine Schwester babysitten sollte.
Eine Elfjährige passt auf eine Sechs- und eine Fünfjährige auf. Was soll's. Ich bekam ein üppiges Taschengeld, das ich in mein Puppenhaus steckte.
Inzwischen hatte ich doch mit dem Puppenspielen begonnen. Meine Brüder spielten mit. Wir ließen Barbie und Ken von Außerirdischen entführen, wo sie dann zum Geschlechtsverkehr gezwungen wurden. Rein als Experiment, versteht sich.
An einem Donnerstag konnte ich nicht babysitten. Wir hatten eine Klassenfahrt in die Therme. Vom Ausflug sollte ich dann direkt zu den zwei Mädchen kommen, damit deren Mutter zur Spätschicht aufbrechen konnte.
Im Bus in die Therme saß ich alleine. Die Gastarbeitertochter das polnische Mädchen waren nicht mitgekommen. Ich futterte schon auf dem Hinweg ein Butterbrot. Das geht mir noch heute so: Kaum sitze ich in Bus oder Bahn muss ich meinen Proviant vertilgen.

In der Therme gab es diverse, verschieden temperierte Becken, Whirlpools und ein Wasserrutsche.
Die Whirlpools hatten es mir besonders angetan. Munter sprudelte das hell erleuchtete Wasser in sattem Blau. Da mussten Lampen am Boden sein. Eine Weile starrte ich fasziniert auf das blubbernde Wasser. Dann beschloss ich die Ursache für die Beleuchtung zu ergründen.
Ich tauchte mit offenen Augen zum Boden des Pools. Am Grund waren drei Scheinwerfer.
Zum Luft holen tauchte ich noch einmal auf. Dann atmete ich ganz tief ein und begab mich wieder nach unten. Die Luft in meinen Lungen verschaffte mir ärgerlichen Auftrieb, so dass ich sie entweichen ließ, bis ich ganz flach auf den Boden sank.
Nun versuchte ich, die Lampen mit meinem Rumpf und meinen Beinen abzudecken, so dass es ganz dunkel wurde. Ich freute mich, als mir das gelungen war.
Meditativ harrte ich auf dem Meeresboden aus. Ob es möglich war, den Mund an die Blubberdüsen zu legen, so dass ich zum Luft holen nicht auftauchen musste?
Ich versuchte es. Doch der Luftstrom war so stark, dass ich mein Gesicht gar nicht bis an die Düsen brachte.
Obwohl mir langsam der Atem ausging, wollte ich nicht auftauchen. Es war so schön hier unten. So still und allein. Ich hörte nur das Rauschen des Wassers und spürte das Blubbern an meinem Körper. Hier unten war Ruhe.
Da spürte ich eine Berührung auf meinem Hinterkopf - heftig - und mein Kinn schlug gewaltsam auf den Boden auf.

Sofort zog sich ein erschreckter Fuß von meinem Kopf zurück und ich schnellte wie eine Rakete nach oben. Oben stand der schwergewichtige Mitschüler und starrte mich blass an. Zögernd fragte er: "Hast du dich verletzt?"
Ich antwortete nicht, sondern kletterte wie ein Flitzebogen aus dem Wasser und lief, mein Kinn fest haltend, in die Toilette. Dort begutachtete ich erst mal den Schlammassel.  Das Blut spritzte nur so und war nicht zu stillen. Ich presste mehrere Lagen Papierhandtücher dagegen, doch es half nur wenig. Sie waren sofort durchnässt.
"Scheiße", dachte ich, und: "Mann, bist du blöd!"
Den Rest des Nachmittags versteckte ich mich auf der Toilette. Ich schloss mich in eine Kabine ein und verbrauchte eine halbe Rolle Klopapier, um den Blutstrom aufzufangen. So konnte ich mich nicht vor den anderen Blicken lassen!

Als zum Aufbruch gepfiffen wurde, griff ich mir eine erneute Ladung Handtücher und schaffte es irgendwie, mich mit den anderen Mädchen einhändig umzuziehen. Da gab es schon die ersten neugierigen Fragen: "Was ist mit dir?", "Du blutest ja!", "Was ist passiert?"
Ich winkte nur griesgrämig ab. Ich hatte Schmerzen, fühlte mich aber an meinem Zustand selbst schuld. Wie konnte ich nur so blöd sein? Warum hatte ich nicht daran gedacht, dass mich da am Boden des Pools ja niemand sehen würde, wenn alle Lichter aus waren?
Schließlich saß ich im Bus. Und hielt mein Kinn.

"Was hast du denn da?" wollte meine Klassenlehrerin wissen.
"Nichts", sagte ich mürrisch.
"Lass doch mal sehen!"
"Nein".
Ein Mitschüler mischte sich ein: "Der Dicke ist ihr auf den Kopf gesprungen!"
Mir war das furchtbar peinlich, schließlich hatte mein Tauchabenteuer geradezu zu so einem Unfall eingeladen.

Die Lehrerin versuchte weiterhin, zu mir durchzudringen, doch ich weigerte mich, meine Verletzung zu zeigen. Schließlich gab sie es auf und ließ mich in Ruhe. Ich heulte ja nicht.
In der Stadt angekommen, lief ich sofort von der Schule, wohin uns der Bus zurück gebracht hatte, zu den Mädchen in die Weststadt. Das war ein Fußmarsch von etwa 20 Minuten. Und mein Kinn pulsierte.
Die Mutter meiner Babysitting-Kinder überredete mich dann doch, ihr die Wunde zu zeigen. Offenbar war es schlimmer als gedacht, denn sie rief sofort in der Arbeit an, sie könne nicht kommen, wegen eines Notfalls. Sie schaffte mich ins Krankenhaus.

Die riesige Platzwunde konnte nicht mehr genäht werden; dafür war schon zu viel Zeit vergangen.
Ich bekam ein Klemmpflaster auf das Kinn und musste über eine Woche damit rumlaufen.
Der verärgerte Arzt - "Warum bist du nicht gleich gekommen?" - verfolgte mich den ganzen Tag über.
Immerzu hatte ich etwas ausgefressen und machte alles falsch. Wobei Mutter so häufig sagte: "Ich hasse heulende Menschen!"
Zwar sagte keiner etwas über den Vorfall, doch in der Schule kam ich mir - mal wieder - wie das Gespött der Stunde vor - mit meinem riesigen Pflaster im Gesicht. Die Narbe, die noch heute deutlich zu sehen ist, war keine in Ehren erworbene Kriegsverletzung.