Mein großer Bruder war doof. Er schrieb in der Schule nur Vieren und Fünfen. Ich war das Vorzeigekind - ich schrieb nur Einsen und Zweien. Am Ende meiner Grundschulzeit hatte ich einen Notendurchschnitt von 2,33. Die magische Grenze im Bayern. Mein Bruder hätte dafür hart arbeiten müssen, was er nicht tat, und mir flog der Wissenserwerb einfach so zu. Freilich wollte ich wie alle guten Schüler aus meiner Klasse an das Gymnasium wechseln. Doch mein Klassenlehrer sprach mit meiner Mutter unter vier Augen und erklärte ihr, ich würde die höhere Schule niemals schaffen. Also musste ich weiter die Volksschule besuchen. Nach der fünften Klasse setzte ich mich aber gegen meine Mutter und die Lehrer durch und ging ans Gymnasium, wo ich die Fünfte wiederholen musste.

Meinen ersten Verweis dort bekam ich gleich im ersten Halbjahr. Die Pause war zu kurz gewesen und die strenge Erdkundelehrerin schon eingetreten. Ich schluckte rasch noch ein Stück Gurke hinunter.
"Was isst du da?" herrschte mich die grauhaarige Dame mit dem strengen Dutt an.
"Eine Gurke?", antwortete ich.
So stand in meinem ersten Verweis wörtlich: "Das Mädchen hat während des Unterrichts eine Gurke gegessen."

Mein Zweier-Durchschnitt sank auf einen Viererdurchschnitt. Doch immerhin schaffte ich die fünfte und die sechste Klasse. In der siebenten Klasse kam Latein hinzu. Unser Lateinlehrer, der auch unser Klassenlehrer wurde, stellte gleich in der ersten Stunde fest: "Also ich bin gleich nach der vierten Klasse auf das Gymnasium gegangen".
In Latein schrieb ich von Anfang an nur Fünfen. Bis wir ein lateinisches Theaterstück spielen sollten, was mich ja begeisterte. Ich mochte Theaterspielen, also hob ich meine Hand als nach der Besetzung der vier Hauptrollen gefragt wurde.
Drei Rollen waren schon vergeben und meine Hand war immer noch oben.
"Mag denn niemand mehr den Friedrich spielen?", fragte der Klassenlehrer fast verzweifelt.
"Hier, sie meldet sich doch", warf eine Mitschülerin ein und so blieb dem Lateinlehrer nichts anderes übrig als mich zu nehmen.

Friedrich war die Rolle des Strebers mit den meisten lateinischen Abschnitten. Begeistert lernte ich meine Rolle auswendig. Die Aufführung war am Ende des Schuljahres und ein voller Erfolg. Ein anderer Lehrer, der das Glück hatte, mich nicht unterrichten zu müssen, fragte mich danach: "Und, du bist doch bestimmt wirklich so gut in Latein?"
Das war ich zwar nicht, doch in der letzten Klausur, die wir in diesem Jahr schreiben mussten, bekam ich tatsächlich eine Zwei.

So schaffte ich denn auch die Versetzung in die achte Klasse. In der achten Klasse bekamen wir einen neuen Deutschlehrer, der wenn es nach der Formel "In den Formen lebt der Geist" ginge, eigentlich hätte Metzger werden müssen. In nur einem halben Jahr sank meine Note von Zwei auf Vier.
Eines Tages rief mich der grobschlächtige Kerl zur mündlichen Prüfung nach vorne an die Tafel. Es ging um Jamben und Daktylen. Mir waren Jamben, Daktylen und auch Trochäen herzlich schnuppe. Ich konnte diesen Kerl, der aus Prinzip nur den Lehrertöchtern Einsen gab, nicht leiden.
Ich schlenderte  betont gelassen zur Tafel und begann sofort, ohne des Lehrers Fragen zu lauschen, eine Diddl-Maus an die Tafel zu malen.

"Hör auf, rumzuschmieren", fuhr mich der Studienrat an.
"Ich schmiere ja gar nicht", antwortete ich, "ich zeichne!"
"Wisch deine Micky Maus weg und hör zu!"
"Micky Maus?", fragte ich mit gespieltem Erstaunen. Und fuhr ohne nachzudenken fort: "Klar, dass sie Micky Maus lesen. Entspricht genau ihrem Niveau!"

Nun war der Deutschlehrer erst einmal sprachlos. Schließlich besann er sich und sagte: "Auf den Mund gefallen, bist du ja nicht...."
Seinem Tonfall folgend, fragte ich: "Aber was?"
"Aha, wenigstens einmal hat sie mitgedacht", meinte er triumphierend.
Hier konnte ich ihm nicht folgen und mir war es auch wurscht. Schließlich gab er es auf mit mir und ich konnte mich wieder setzen. Trotz aller Bemühungen schaffte er es immerhin nicht, mir im Zeugnis eine Fünf zu geben.

Mein Klassenlehrer war ähnlich drauf. Bei dem war ich ja schon unten durch, weil ich nicht gleich nach der Grundschule gewechselt hatte. Neben Latein unterrichtete er katholische Religion. Ich war evangelisch, nicht mal nicht rechten Glaubens.
Dennoch leitete ich von der Religionslehre ab, dass er irgendwo ein Mensch sein müsste.
Auf einer Klassenfahrt erzählte ich ihm: "Meine Mutter liegt mal wieder im Krankenhaus. Sie hat versucht, sich umzubringen".
Peinlich berührt schaute mich Mr. Religion an und drehte sich dann prompt zu einer Mitschülerin um, deren Vater ebenfalls an unserem Gymnasium unterrichtete: "Wie geht es eigentlich eurem Adoptivkind?"

Ende der achten Klasse hatte ich in Latein und Geschichte ein Fünf, in Mathe eine Sechs.
Ich wollte auf keinen Fall eine Klasse wiederholen, also ging ich zur städtischen Realschule, um mich dort anzumelden.
"Wir sind voll", wurde mir dort gesagt, "wir nehmen keine Schüler mehr auf".

Ich musste ja noch die Schule besuchen, also kümmerte sich schließlich doch meine Mutter um mich und meldete mich an der Hauptschule an.

Ich hatte mir mein blondes Haar blau-schwarz gefärbt und trug nur noch schwarze Klamotten.
In der Hauptschule schrieb ich nur Einsen, was meinen Klassenlehrer dazu veranlasste, mich beiseite zu nehmen und mir unter vier Augen zu sagen: "Du bist verhaltensgestört. Geh zum Schulpsychologen!"

Erst überlegte ich, die Schule zu beenden und eine Ausbildung als KFZ-Mechanikerin zu machen, doch da ich den jahrgangsbesten Qualifizierenden Hauptschulabschluss geschrieben hatte, entschloss ich mich doch, die Freiwillige Zehnte Klasse zu besuchen.
Die Freiwillige Zehnte Klasse schloss ich wiederum als Jahrgangsbeste ab und wechselte auf die Fachoberschule.

Dort erzielte ich ein Zweier-Abi - in Mathematik überforderten mich schon mehr als zwei Variablen -, schrieb aber den ersten Deutsch-Einser an dieser Schule seit zwölf Jahren. Dass ich in Englisch auch eine Eins hatte, verstand sich von selbst.

Im Deutsch-Abi sollten wir zwei Texte diskutieren, in dem ein Journalist behauptete, alle Kinder sollten sich glücklich schätzen in Deutschland leben zu dürfen, da hier - etwa im Gegensatz zu Amerika - Chancengleichheit bestünde, und ein weiterer die gegenteilige Meinung vertrat.
Ich war so erzürnt über diesen Text, dass ich in einer dreiviertel Stunde eine Glosse zu Papier brachte, die ich damit begann, dass es auch nichts nütze, wenn man einem Kind, dass seine Erbsen nicht essen will, sagte: "Iss auf! In Afrika verhungern die Kinder!"
Ich verließ den Prüfungssaal und war mir sicher, dass das eine Sechs geben würde. Es wurde aber eine Eins.

Ganz netter Abschluss eigentlich.