Laufräder für die ganz Kleinen sind der letzte Schrei. Überall sieht man Laufräder. Und die Zwerge pesen an einem vorbei. Juhu!
Warum wurden die Dinger nicht schon früher erfunden? Oder habe ich sie nur nicht bemerkt?
Zu meiner Zeit gab es noch keine Laufräder. Mein erstes Fahrrad, es war dunkelblau, bekam ich, als ich sechs Jahre alt war. Und es hatte Stützräder. Manchmal, wenn ich ordentlich Geschwindigkeit drauf hatte, ist es schon passiert, dass die Stützräder in der Luft waren. Aber das war mir nicht bewusst.
Schließlich, als ich meinen achten Geburtstag feierte, bekam ich ein rosa Mädchenfahrrad mit weißem Sattel und roter Klingel. Ohne Stützräder.
Mein Vater war der Meinung, ich müsste jetzt richtig Fahrradfahren lernen. Also kam er bei uns vorbei und erklärte meiner Mutter, das Kind müsse jetzt lernen, ohne Stützräder Fahrrad zu fahren.

Der alte Hof, der hinter unserem Haus lag, war die geeignete Fläche für dieses Unterfangen - kein Verkehr, immerhin, aber dafür Kiesboden. Da, wenn man drauf landete, erklärte mir mein Vater, täte es besonders weh.
Ich stieg auf mein rosa Fahrrad und versuchte, in die Pedale zu treten. Ich fiel um. Schon frustriert, wollte ich aufgeben, doch mein Vater meinte: "Dran bleiben. Das wird schon. Versuch’s noch mal. Ich fange dich auf!"
Also versuchte ich es noch einmal. Und sieh da - es funktionierte! Ich befand mich in der Vertikalen und das Fahrrad unter mir bewegte sich nach vorn. Das machte Spaß! Ich trat immer schneller in die Pedale und mein Vater keuchte hinter mir her: "Nicht so schnell, Kind, sonst kann ich dich nicht auffangen!"
Wieso auffangen? Ich fuhr doch, oder?
Allein, ich hatte das Bremsen nicht gelernt. Ich fuhr mehrere Runden über den Hof; sogar die Kurven bereiteten mir keine Probleme, aber ich wusste nicht, wie ich langsamer fahren, geschweige denn bremsen könnte. Mein Vater war immer hinter mir.

"Bremsen, Mädchen!" rief er verzweifelt. Also versuchte ich es. Mein rosa Mädchenfahrrad war noch eines der altmodischen Sorte - mit Rücktrittbremse. Ich bewegte meine Füße gegen den Uhrzeigersinn und kam mit einem abrupten Halt zum Stehen. Und - natürlich - ich fiel vom Fahrrad.
Mein sportlicher Vater war aber da und fing mich auf, bevor ich im Kies landete.
"Das müssen wir noch üben", meinte er; uns so übten wir, bis ich auch sicher langsam fahren und bremsen und absteigen konnte. Mein Papa war einfach der Beste!
Ich eignete mir eine gewisse Sicherheit im Fahrradfahren an. Bald schon war ich alleine auf den Straßen in unserer Nachbarschaft unterwegs.

Ich fuhr alleine zur Oma. So auch eines schönen Sommertages, an dem ich zu Hause geblieben war, während meine Mutter schon dort war.
Ich schnappte meinen Fahrradschlüssel und der Wohnungsschlüssel, der an einem pinkfarbenen Schuhsenkel um meinen Hals hing, schloss hinter mir ab.
Ich holte mein heiß geliebtes Fahrrad aus dem Keller und machte mich auf den Weg zur Oma. Dazu musste ich die Ringstraße überqueren. Dieser Ring war vierspurig und die Autos durften dort innerorts sechzig fahren. Es gab genügend Fußgängerüberwege mit Ampeln. Ich fuhr noch immer auf dem Bürgersteig, nicht etwa auf der Straße; das durfte ich mit acht Jahren ja noch ganz offiziell.
An der Ampel, die den Übergang zum Park freigab, wartete ich geduldig, bis sie auf grün schaltete. Ich überquerte sicher die Straße, doch im Park musste ich mein Rad den Schotterweg hochschieben.
Mein Fahrrad hatte keine Gangschaltung und diese Steigung war so nicht zu bewältigen.
Nach dem Park kam eine Anhöhe, die örtliche Hundewiese, wo es auch keinen Verkehr gab. Man musste nur aufpassen, wo man hintrat.
Dann folgte schon der Abzweig zur Oma. Meine Oma wohnte in einer Siedlung, deren Häuser durch diverse Fußwege verbunden waren. Autos gab es hier keine.

Ich befand mich also schon auf der Schlussgeraden, als vor mir auf dem schmalen Asphaltweg eine ältere Dame meinen Weg kreuzte. Wo überholen? Rechts oder links?
Der Weg war schmal und die Greisin humpelte genau in der Mitte voran. Ich entschied mich für rechts. Schon unsicher, von meinen Fahrkünsten auf einmal nicht mehr recht überzeugt, lenkte ich nach rechts, um mich an der Oma vorbei zu schleichen. Ich fuhr bereits sehr langsam, vielleicht zu langsam, und gerade als ich die Dame erreicht hatte, traute ich mich doch nicht, vorbei zu fahren.
Ich strauchelte und fiel hin. Ich fiel mit dem Fahrrad um und meine Stirn schlug auf die Bordsteinkante auf. Augenblicklich lief Blut über meine Brille. Die alte Frau blieb erschrocken stehen und rief: "Kind, mein Gott! Was machst du denn? Wo wohnst du denn? Komm, ich bringe dich nach Hause!"
Doch ich war so beschämt über mein Unglück, dass ich mich sofort aufrappelte und sagte: "Ist nichts passiert. Ich schaffe das alleine!"
Fahren traute ich mich in dem Zustand nicht mehr - ich sah ja nichts! Das Blut floss in Strömen in meine Augen. Rennend schob ich mein Fahrrad von der Greisin fort. Ich brauchte keine Zeugen für meine Unfähigkeit! Es waren ja nur noch ein paar Meter. Schmerz spürte ich sowieso keinen. Bei Oma angekommen, schloss ich mein Fahrrad erst einmal ordentlich an und klingelte dann geduldig. Ich war die Ruhe selbst.

Meine Oma öffnete die Tür und ihre Gesichtszüge entgleisten. Nur war sie ja auch keine Prinzessin, , sondern eine resolute Frau, die, ungewöhnlich genug für diese Generation, ihr Leben lang arbeiten gewesen war, und sofort schrie sie durch den Flur nach meinem Onkel, der Rettungssanitäter war. Mein Onkel kam herbei geeilt und fing mich erst mal auf. Denn nun war ich doch schwach geworden. Endlich den Heimathafen erreicht, konnte ich auch umfallen. Mein Onkel trug mich ins Wohnzimmer und stellte fest: "Eine Platzwunde. Das muss genäht werden".
Meine Mutter war dagegen: "Nun hab' dich nicht so. Das kleine Loch im Kopf. Da sitzen wir drei Stunden in der Notaufnahme."
Also wurde entschieden, dass nicht genäht werden müsste, aber die Schwellung gekühlt werden müsste. Weil nichts anderes im Haus war, bekam ich eine Packung tiefgefrorenen Rosenkohl auf den Kopf. Irgendwann hörte es auf zu bluten und ich bekam ein dickes Pflaster auf die Stirn.

Der Rosenkohl war aufgetaut und so bereitete ihn meine Oma gleich zum Abendessen zu. Mir war schlecht und die Oma hatte ein Einsehen - ich bekam ein Eis, während meine Brüder Rinderbraten mit Rosenkohl essen mussten.