Fritzens Eltern waren in den 1970er Jahren vom Südtirol nach Deutschland gekommen, um Arbeit zu finden. Beziehungsweise suchte Fritz Senior eine Arbeit. Fritzens Mama war passionierte Hausfrau. Weder Fritz Senior noch seine Frau besaßen eine Fahrerlaubnis. Von der Wohnung zu Lidl waren es wohl an die 800 Meter. Für die übergewichtige Hausfrau nicht zu bewältigen. Wollte sie einkaufen gehen, rief sie ein Taxi, das dann vor Lidl auf sie warten musste. Machte nichts, schließlich verdiente Fritz Senior endlich in der örtlichen Käserei Geld als Packer. Jeden Morgen und Abend fuhr der ebenfalls übergewichtige Fritz Senior mit seinem alten Drahtesel die 7 km in die Käserei.

Fritz Junior war mein erster Freund, da war ich elf. Das lag einfach an der Nachbarschaft. Lange hielt die Beziehung nicht. Ich beendete sie. Mir war das zu dumm. Bei unserem ersten Kuss hielt ich den Mund sperrangelweit offen, wie ich das im Fernsehen gesehen hatte. Mir war nicht klar, dass ich auch noch mit der Zunge fuhrwerken musste. Als mich Fritz Junior darüber aufklärte, war ich angeekelt. Igitt! Also beendete ich die Beziehung. Fritz Junior besuchte die örtliche Sonderschule und mochte Modern Talking. Fritz Junior hatte meinen Vater als Ersatzpapa erwählt und war mehr bei meinem Vater als zu Hause.

Eines Tages schlug Fritz Senior vor: "Im Sommer fahren wir alle in den Südtirol. Zu meinem Bruder, der hat ein großes Haus und wir können im Garten zelten".
Das hieß also, mein Vater würde den fahrbaren Untersatz bereitstellen und fahren, Fritz Senior und Fritzens Mama würden im Haus wohnen und mein Vater und die Kinder würden zelten.
Mein Vater fand die Idee gut und so schmiedeten wir Pläne für den Sommer.

Lange Autofahrten waren uns Kindern ein Greul; zumal wenn kein Platz war, weil auch noch zwei dicke Erwachsene mitfuhren. Aber irgendwie schafften wir den Weg über den Brenner. Die Brenner-Autobahn verlangte mir gehörigen Respekt ab. Ich fürchtete, abzustürzen, obwohl mein Vater ein sehr sicherer Fahrer war. Nach sechs Stunden Fahrt kamen wir in Meran an. In einem kleinen Gebirgsdorf außerhalb des Städtchens wohnten Fritzens Verwandte. Fritz hatte einen großen Cousin, der schon Motorrad fuhr und eine kleine Cousine, die keine Mäuse essen wollte - so verstand ich das jedenfalls, allerdings erst nach reiflicher Überlegung.
Wir hatten uns nämlich über unsere Lieblingsspeisen unterhalten und ich erklärte: "Ich esse keine Erbsen und keinen Mais". Das Mädchen entgegnete: "Iiih, I ess au' koane Mais".
Urlaub mit Papa war eigentlich immer Zelten. Etwas anderes konnten wir uns nicht leisten. Meistens campierten wir auf einem Feld bei unserer Oma. Diesmal war es also Südtirol.

Fritz, hellhäutig mit einer blonden Krause, gab gerne an, dass er Italiener wäre. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass ein echter Südtiroler ja alles von sich behaupten würde, aber keinesfalls freiwillig, dass er Italiener sei. Fritz gab gerne damit an, dass er italienisch könnte. Sein Wortschatz, den ich mir auch bald aneignete, beschränkte sich auf "stronzo", "buco del culo", "segaiolo",  "arlotto", cretino" und "finocchio".

Landschaftlich ist das Südtirol unbeschreiblich schön: Hohe Berge, Wälder, Felsen, Gebirgsbäche und -seen. Heute weiß ich so etwas mehr zu schätzen als als Kind. Als Kind hat man einen anderen Fokus, will vor allen Dingen Abwechslung und Abenteuer. Daher war ich erst mal nicht so begeistert, als mein Vater, der sich gerne in Feld, Wald und Wiese herum trieb, vorschlug, dass wir Pilze suchen gehen wollten.
"Wie langweilig!", maulte ich und bekam Unterstützung von Fritz Junior und meinen Brüdern. Doch diesmal wollte sich mein Vater durchsetzen - "das wird bestimmt aufregend" - und wir fuhren einige Höhenmeter hinauf zu einem Waldparkplatz, von dem aus es losgehen sollte.

Ordentliches Schuhwerk hatten wir alle nicht; selbst mein Vater ging in seinen obligatorischen Turnschuhen. Mein Vater war sogar zur zweiten Hochzeit seiner Schwester in Sweatshirt und Turnschuhen aufgelaufen. Er besaß ja nur noch seinen Konfirmationsanzug, in den er nicht mehr hinein passte.... Also warnte mein Vater uns: "Geht vorsichtig! Der Weg ist schmal und das Laub ist feucht!"
"Ja, ja", gähnten wir Kinder; wir würden schon aufpassen. Der Weg, auf dem wir gingen, war maximal 30 Zentimeter breit, linker Hand erhob sich der Wald zur Baumgrenze hin, rechter Hand lag ein steiler, bewaldeter Abhang, der in etwa 300 Meter Tiefe auf eine Schlucht zu führte.
Vorsichtig setzte ich einen Fuß vor den anderen, der Gefahr immerhin halbwegs bewusst. Doch es half nichts - ich glitt aus.

Ich rutschte auf dem Hosenboden den Abhang hinunter und nahm immer mehr Fahrt auf. Panisch griff ich nach einem vorbei rauschenden Ast, der sich in Höhe meines Kopfes befand. Ich hatte schon zu viel an Geschwindigkeit gewonnen und konnte mich nicht halten. Die Hand, die den Ast griff, wurde mit einem Ruck nach oben gezogen und ich hob vom Boden ab und überschlug mich. Ab nun rollte ich, Purzelbäume schlagend, das Gefälle hinunter auf die Schlucht zu.

Es ging alles sehr schnell. Den Schrei meines Vaters hörte ich wie aus weiter Ferne. Ich schlug immer schnellere Rollen, bis es auf einmal "rumms" machte und ich - Füße voraus - an einem Baumstamm zum Stehen kam. Da saß ich nun wie betäubt und wusste nicht, wie mir geschehen war. Ich zitterte, doch nach einer kurzen Überprüfung meines Befindens stellte ich fest, dass mir nichts passiert war. Ich hatte mir am vorbei fliegenden Gebüsch ein, zwei kleine Kratzer eingefangen. Ich drehte mich um und sah, wie mein Vater den Abhang hinunter segelte, in heroischem Mut mir hinterher. Mein Vater war kräftiger als ich und schaffte es, oberhalb von mir zum Stehen zu kommen. Er rutschte zu mir hinab: "Ist dir was passiert?!"
Gerne wollte ich antworten, dass ich wohl heil geblieben war, doch es verschlug mir die Sprache als ich die klaffende Wunde in meines Vaters Oberschenkel sah.
"Ach, du scheiße", brachte ich nur hinaus.
Mein Vater beruhigte mich: "Halb so wild" und wir schafften es gemeinsam, den Berg wieder hoch zu klettern. Auf dem schmalen Waldweg angekommen, zitterten meine Knie ganz heftig. Ich hatte das Gefühl, ich könnte keinen Schritt mehr gehen. Die Verletzung meines Vaters zwang uns zur Umkehr.

So hatten wir zwar keinen einzigen Pilz gefunden, aber ein Abenteuer, in dem mein Vater ein Held war und von dem ich noch lange berichten würde, hatten wir uns in der Tat eingehandelt.

In Meran musste mein Vater erst mal genäht werden.
Zum Trost tischten Fritzens Mama  und ihre Schwägerin Pflaumenkuchen auf und mein Vater humpelte, erleichtert, dass seiner einzigen Tochter nichts geschehen war, zu Tisch.