Mein kleiner Bruder war sieben Jahre alt, ein Zwerg. Also war ich elf. Ich bin vier Jahre älter als er.
Als der kleine Bruder geboren wurde, soll ich zu meiner Mutter gesagt haben: "Tu das Ding weg!" Ich kann mich nicht erinnern. Jedenfalls mochte ich ihn schon sehr bald sehr.

Dieser Tage sagte er zu mir: "Du, wir müssen mal weg fahren. Die Mama ist immer so traurig".
"Das ist eine gute Idee", bestätigte ich.
Wir konfrontierten unsere Mutter damit, dass wir mal wegfahren müssten. Mein großer Bruder wollte lieber zu Hause bleiben. Auch die Mama war erst mal nicht so dafür: "Wo sollen wir denn hinfahren? Ich kann doch keine langen Strecken mit dem Auto fahren!"
"Lass dir was einfallen", meinte mein kleiner Bruder forsch, "wir müssen mal weg fahren, einen Ausflug!"

Schließlich einigten wir uns darauf, dass wir an den Bodensee fuhren. Das war nicht allzu weit und mal etwas anderes. Der Große wollte nicht mit, er blieb bei unserem Vater.
Wir  fuhren los, in Mutters altem Opel Kadett, den sie vom Großvater geschenkt bekommen hatte. Einfach so ins Blaue. In Konstanz fanden wir eine Pension. Mutter und ich konnten in einem Bett übernachten. Für den kleinen Bruder wurde ein Zustell-Bett bereit gestellt.
Mutter war irgendwie ganz gelöst.

Wir checkten also in der Pension ein und machten uns dann auf den Weg an den Strand.
Es war schon Spätsommer, aber der Bodensee ist flach und warm. Wir planschten eine Runde im Wasser.  Dann liefen wir den Strand entlang. Der Bruder immer hopsenderweise vorneweg, und ich plauderte mit meiner Mutter.
"Weißt du", sagte sie, "das erinnert mich alles so an deinen Vater."
Mein Vater kam aus Konstanz. "Wir sind damals oft hier spazieren gegangen."
Mein kleiner Bruder, der uns voraus geeilt war, rief: "Kuckt mal, es klappt!"
Er ließ flache Steine über das Wasser hopsen. Ich versuchte mich auch darin. Doch Mutter übertraf uns beide, und sie war stolz.

Schließlich kehrten wir in der Abendsonne in die Pension zurück. Mutter bestellte sich ein Bier in den Garten im Hinterhof, mein Bruder und ich bekamen ein Spezi. Dann traktierten wir den Kicker-Tisch. Der kleine Bruder und ich gegen meine Mutter. Mutter gewann mit fünf Toren Vorsprung. Und sie freute sich: "Das haben wir viel gespielt, dein Vater und ich. Ich bin richtig gut darin geworden. Scheint noch etwas hängen geblieben zu sein“.
Ich hatte meine Mutter noch nie so erlebt. Sie war voll Nostalgie, klar, aber sie war auch gelöst und hatte Freude. Wir orderten Abendbrot. Ich bestellte einen Gemüseteller, mit Spargel, Paprika, Gurke, Tomate und Zucchini, das schmeckte hervorragend schmeckte und satt wurde ich auch. Meine Mutter freute sich so. Das war ein gelungener Ausflug! Mein kleiner Bruder freute sich auch. Mutter ging es gut. Am nächsten Tag fuhren wir zurück; meine Mutter, wie immer, nervös auf langen Strecken. Aber sie war gelöst, ihr ging es gut. Mein kleiner Bruder und ich tauschten einen Blick: gelungen!

Der Rollentausch war perfekt. Ich war die Mutter aller Dinge.