Meine Brüder und ich teilten ein Zimmer. Mein großer Bruder und ich schliefen in einem Stockbett, er oben, ich unten. An der gegenüberliegenden Wand stand das Bett vom kleinen Bruder. Ferner hatten wir einen großen Tisch und ein Eckbank in dem großen Zimmer. Den Tisch schoben wir öfter mal vor das Bett, stellten ein Stuhl darauf und drapierten das ganze mit zahlreichen Wolldecken. Das war dann unser Raumschiff. Wir sprangen auch gerne vom oberen Bett auf den Boden, so dass bei der alten Dame unter uns der Kronleuchter wackelte. Frau Bayer, eine alte Dame um die 80, beschwerte sich regelmäßig, was meine Mutter nicht kümmerte. "Alte Hexe", sagte diese. Wenn meine Mutter allerdings ihre Ruhe wollte, griff sie schon mal auf den Kochlöffel zurück und drosch damit so lange auf einen von uns ein, bis Ruhe war.
Als ich zehn Jahre alt wurde, meinte die Oma, dass "das Mädchen" nicht länger mit den Jungs in einem Zimmer schlafen könnte. Also räumte meine Mutter ihr Schlafzimmer und bezog eine ausfahrbare Couch im Wohnzimmer.

Mein neuses  Zimmer beherbergte einen großen, schwarzen, dreitürigen Schrank mit Spiegeln und einen Schreibtisch. Sonst nichts. Ein Bett. Ich kam mir darin recht verloren vor und mein großer Bruder beneidete mich offen. Er machte mir das Leben im neuen Zimmer zu Hölle. Unaufgefordert und ohne anzuklopfen drang er in meinen Raum ein und weigerte sich, das Zimmer wieder zu verlassen.
"Du bist eine arrogante, dumme Kuh", meinte er, "du hältst dich wohl für etwas besseres. Und ich muss mit diesem kleinen Arschloch in einem Zimmer hausen!"
Erst ein Schreikrampf bewirkte, dass meine Mutter den älteren Bruder unter Androhung von Gewalt aus dem Zimmer beförderte.

Mutters Wohn-Schlafzimmer lag gleich neben meinem. Um 22:00 Uhr sollte ich das Licht löschen. Das tat ich freilich nicht. Ich rollte eine Wolldecke zu einer Wurst und legte sie vor den Türspalt, so dass ich ungestört bis nach Mitternacht lesen konnte. Den versäumten Schlaf holte ich in der Schule nach.

Eines Nachts, ich schlief schon, kam meine Mutter in mein Zimmer gewankt und blies mir ihren Bieratem ins Gesicht: "Steh auf, du Schlampe! Raus aus meinem Bett", schimpfte sie und schüttelte mich durch. Ich versuchte, sie zu  beruhigen: "Aber Mama, das ist mein Bett!"
"Erzähle keinen Schwachsinn, du dämliches Stück Scheiße. Sofort verlässt du mein Bett!"
Sie begann, auf mich einzuprügeln. Was blieb mir da anderes übrig? Ich stand auf und legte mich auf ihr Schlafsofa. Kaum war ich eingeschlummert, stapfte die Mutter an meine Schlafstatt und befahl: "Was machst du in meinem Bett? Raus mit dir! Verzieh dich!"
Verwirrt, versuchte ich gar nicht mehr zu begreifen, sondern ergriff wieder die Flucht, zurück in mein Bett.

Für den Rest der Nacht war Ruhe.
Meiner Oma erzählte die Mutter in meinem Beisein (da kannte sie keine Pietät), dass ich ganz schön arrogant geworden wäre, seit ich mein eigenes Zimmer hatte. Dass ich ständig damit meinen großen Bruder provozierte.