Meine Banknachbarin in der Schule hatte ein Mädchen kennen gelernt, das schon 16 war. Diese lebte als Tochter eines Bauern auf einem Bauernhof und hatte gerade eine Lehre als Einzelhandelskauffrau begonnen. Meine Mitschülerin, die in jedes Tier mit vier Beinen vernarrt war, führte nach der Schule den Hofhund aus. Ich müsste das Bauernmädel unbedingt kennen lernen, meinte die Klassenkameradin, die wäre so cool und verdiente schon eigenes Geld.
Also trafen wir uns mit der Sechzehnjährigen in ihrer Mittagspause vor dem Supermarkt. Lässig steckte sie sich erst einmal eine Camel an. "Und", fragte sie mich, "hast du schon mal geraucht?"
"Na klar", log ich, "selbstverständlich".
"Also bitte", sie bot mir eine Zigarette an.
Ich zögerte nicht und griff nach einem Glimmstängel, den sie aus der Schachtel gerüttelt hatte. Auf einem Hydranten balancierend, ließ ich mir Feuer geben. Zwei, drei Züge paffte ich lässig vor mich hin und glaubte, cool zu wirken.
"Du musst schon auf Lunge rauchen", wurde ich zurecht gewiesen, "paffen können auch kleine Kinder!"
Ich zog an der Zigarette und atmete den Rauch ein, tief in die Lunge. Prompt bekam ich einen Hustenanfall und plumpste vom Hydranten. Ich glaubte, ersticken zu müssen. Die beiden anderen Mädchen bogen sich vor Lachen. Beschämt sah ich zu ihnen auf, rappelte mich wieder hoch und versuchte es noch einmal. Ich musste noch immer husten. Klein beigeben wollte ich nun auch nicht und so paffte ich die Camel zu Ende, ohne zu inhalieren. Da war die Mittagspause des Supermarktlehrlings auch schon zu Ende. Sie musste zurück an die Fleisch- und Wursttheke. Ich zog mit meiner Mitschülerin von dannen.
Auf dem Weg nach Hause fand ich einen Zigarettenautomat. Vielleicht hatte es an der Marke gelegen? Auf jeden Fall musste ich das Rauchen jetzt einüben. Ich zog mir eine Schachtel Marlboro, hatte aber kein Feuerzeug. Also musste ich erst noch zum Kiosk, eines kaufen. Schließlich setzte ich mich auf die Schaukel des Spielplatzes und übte Rauchen.

Wir  gingen in die 8. Klasse des örtlichen Gymnasiums. Nur die Oberstufler durften das Schulgelände verlassen und rauchen. Da wir nicht beaufsichtigt wurden, war es kein großes Problem, vom Schulhof zu schleichen und uns in die Büsche hinter der Turnhalle zu schlagen. Dort rauchten wir. Ich Marlboro, meine Klassenkameradin John Players. Nach einigem Üben fühlte ich mich schon als Kenner und stellte fest: Camels schmecken nicht!
Eines Nachmittags gingen wir nach Schulschluss den Hügel hinab Richtung Spielplatz. Kaum hatten wir das Schulgeländer verlassen, zündeten wir uns eine an. Es gab Studienräte, die auch schon nach Hause gingen und einer lief hinter uns. Er blaffte uns pädagogisch sinnvoll an: "Kein Hirn entwickelt haben, aber schon rauchen!" Ich blies ihm eine Rauchwolke entgegen.

Irgendwann meinte auch meine Mutter, pädagogisch eingreifen zu müssen: "Glaubst du ich bin dumm?", sagte sie, "Ich weiß, dass du rauchst. Wie kann man nur so dämlich sein, Filterzigaretten zu kaufen. Dreh doch lieber Tabak, so wie ich. Das kommt viel billiger."
Ich setzte mich zu meiner Mutter an den Küchentisch und ließ mir von ihr zeigen, wie man mit den Fingern Tabak in ein Blättchen einrollte und es anschließend mit Spucke zuklebte. Die ersten Versuche wollten nicht so recht gelingen, doch schon bald hatte ich es raus, aus Mutters Halfzware Shag ordentliche Kippen zu drehen. Die Mutter kaufte ihren Drum immer im Dutzend und ich durfte mich aus ihrem Vorrat bedienen.
Meine Mitschülerin meinte, meine Mutter wäre cool. Ich fand sie eher peinlich. Eines Abends, sie war schon blau, saßen wir gemeinsam rauchend in der Küche. "Und so ", sagte sie, "dreht man einen Joint".
Sie nahm zwei Blättchen aus der Packung und klebte sie t-förmig zusammen, füllte sie mit Tabak und drehte eine Tüte. "Und wenn du Bock hast", fuhr sie leicht lallend fort, "schmeiß ich mit dir auch mal einen Trip".

Es sollte noch drei weitere Jahre dauern, bis ich mein erstes Marihuana in die Hände bekam. Ich war inzwischen vom Gymnasium auf die Hauptschule gewechselt und lernte dort einen sehr netten verpeilten Mitschüler  kennen, der mich in der Kunst des Kiffens unterrichtete. Keine zwei Monate später würde ich mir im Headshop meine erste Bong kaufen. Sie war aus Acryl, blau und schwarz.
Meine Mutter kriegte freilich auch das mit und bestand darauf, auch einen Kopf zu rauchen. Lag es am Alkohol oder an ihrer schlechten Konstitution? Jedenfalls ging sie fortan regelmäßig nach nur einem Kopf ins Bett.

Mein Stiefvater hatte meine Mutter bei einem Betriebsausflug kennen gelernt. Er arbeitete als Sachbearbeiter im Arbeitsamt, meine Mutter putzte dort. Er verschaffte ihr eine ABM-Stelle in einer Behindertenwerkstatt. Von den dortigen Zivis brachte nun die Mutter hin und wieder Dope mit.
Die Zivis kannte ich freilich aus dem Hofgarten. Der eine hatte einen blauen Schopf, der andere einen grünen Irokesenschnitt. Alle fanden sie meine Mutter cool. Vermutlich fand sich meine Mutter selbst am coolsten. Nur ich fand sie doof. Um Grenzen zu sprengen, experimentierte ich auch mit Speed und Ecstasy. Doch da war nichts zu machen - die Mutter fand das cool.

Auch meine Mitschülerin aus der Achten, zu der ich inzwischen den Kontakt verloren hatte - sie war am Gymnasium geblieben - hatte gemeint: "Du hast so ein Glück mit deiner Mutter!"
Ihre Mutter war überzeugt davon, dass ich ihre Tochter zum Rauchen verleitet hatte. Sie hatte ihrer Tochter den Umgang mit mir verboten. Meine Mutter sagte dazu: "Hysterische, alte Ziege".

Was ja inzwischen auch egal war. Ich war jetzt Hauptschülerin und als Hauptschüler fand man die Gymnasiasten aus Prinzip eingebildet und kleinkindhaft. Die mit ihren Nicki-Pullis und Pferdeschwänzen. An der Hauptschule gab es auch Nichtraucher, aber das waren nur die Bauern aus den umliegenden Dörfern. Bauern eben....
Das eigentlich dramatische an der Sache ist, dass es mir Zeit meiner Jugend nie gelungen ist, cooler als meine Mutter zu sein.