Elisabeth ging mit meinem Bruder in die zehnte Klasse der Wirtschaftsschule.
"Die ist cool", erzählte er mir, "die wohnt im Heim und war schon im Knast!"
Über ihn lernte ich Elisabeth kennen, ich habe sie ihm sozusagen ausgespannt. Wir hingen zusammen im Hofgarten rum und in dem Raum, den die Streetworker für uns bereitstellten. Es durfte Bier getrunken werden, nur keine harten Getränke. Ich glaube, im Fachjargon heißt das "niedrigschwelliges Angebot".
Der eine Streetworker ging abends in die selben Kneipen, die wir Jugendliche auch aufsuchten. Einmal redete er über eine Stunde auf mich ein: "Du hast es ja so schwer!" "Bist du nicht oft traurig?" "Und keiner hilft dir!" "Du machst dir Sorgen um deinen kleinen Bruder!"
Er drängte mich in eine Situation, wo ich ziemlich niedergeschlagen zugeben musste, dass mein Leben scheiße war und die Welt ungerecht. Er küsste mich auf die Stirn. Das war widerlich. Ansonsten fuhr dieser Streetworker zwei Mal im Jahr nach Thailand. Wir Kids vom Hofgarten waren uns ziemlich sicher über das, was er dort tat.
Elisabeth und ich prügelten uns regelmäßig auf einem Sofa in einem der zwei oder drei Räumen. Elisabeth gewann eigentlich immer - sie kannte keine Hemmungen und langte ordentlich zu.

Schließlich wechselten wir beide im selben Jahr an die Fachoberschule. Elisabeth blieb nicht lange an der Schule, doch wir blieben befreundet. Eines Abends besuchte ich sie in ihrem Souterrain-Zimmer im Heim. Das Heim war offiziell eines für Schwererziehbare. Inoffiziell war es einfach die örtliche Müllhalde für menschlichen Abfall.
Wir saßen mit einem weiteren Heimbewohner in Elisabeths Zimmer und tranken Wodka. Dann rauchten wir noch ein paar Köpfchen. Ich klappte bewegungslos zusammen und konnte mich nicht mehr rühren. Ich schwitzte und zitterte. Elisabeth und ihr Heimkollege berieten sich: "Scheiße, in einer halben Stunde muss sie verschwunden sein.“
Obwohl ich körperlich zu nichts mehr in der Lage war, konnte ich dem Gespräch folgen, und meine Gedanken formulierten die Worte: "Schleppt mich doch in das leere Zimmer. Da schaut der nicht rein".
"Wir schleppen sie in das leere Zimmer", schlug Elisabeth vor, "da schaut der nicht rein."
Gesagt, getan. Ich wurde in das leere Zimmer gegenüber von Elisabeths bugsiert und schlief dort meinen Rausch aus. In der Früh um fünf wurde ich wach. Ich kletterte aus dem Fenster und legte den vier Kilometer langen Fußmarsch nach Hause zurück. Dort angekommen, kochte ich mir erst einmal eine Kanne Kaffee und stieg unter die Dusche.
Um sieben kroch meine Mutter aus ihrem Schlafzimmer: "Wo warst du denn unterwegs?"
"Bei Elisabeth", antwortete ich.
"Ach so, jaja".
Ich nahm den Bus in die Schule. Ich hatte eine Englischarbeit zu schreiben. Nach der Arbeit schwänzte ich den Rest der Stunden; ich war müde. Zehn Tage später erhielt die Klasse die Ergebnisse der Englischklausur. Ich hatte, wie immer, eine Eins. In Englisch machte mir keiner etwas vor, egal wie die Nacht vorher verlaufen war.

Die nächste Nacht verbrachten wir bei einem außenbetreuten Volljährigen des Heims. Mir ging es schon wieder so schlecht nach ein paar Köpfen, dass ich die Wohnung verließ und mich vor dem Haus in den Schnee legte. So verpasste ich meine bis dahin einzige Chance, mal Kokain zu probieren...ich konnte nicht mehr. Irgendwann verließ auch Elisabeth zusammen mit einem Kid das Haus. Sie fanden mich im Schnee liegend.
"Lass sie liegen", forderte der Heimbewohner, "wir müssen nach Hause".
"Auf keinen Fall", erklärte Elisabeth.
Von beiden gestützt, ging ich ein paar Schritte und brachte so meinen Kreislauf wieder in Ordnung. Ich ging nach Hause, wo mich niemand vermisste.

Elisabeth kam aus Franken und war quasi zu uns "strafversetzt" worden, weil sie in ihrer Heimat geklaut, gepöbelt und geprügelt hatte. Zunächst kam sie in ein anderes Heim, in einem Vorort unserer Stadt. Die Pädagogen dort waren sehr bemüht und engagiert, doch damit konnte Elisabeth nichts anfangen. Nachdem sie  in der Gemeinschaftsküche mit allen männlichen Heimbewohnern verkehrt hatte, flog sie dort raus und kam in das aktuelle Heim.
Ich bewunderte Elisabeth: Sie nahm sich einfach, was sie wollte und ließ sich von niemandem etwas sagen. Ich fragte sie, was es ihr denn brächte, wenn sie Zigaretten auf ihrem Arm ausdrückte oder sich die Pulsadern aufschnitt. "Nichts", sagte sie, "nur cool".
Also wollte ich das  auch einmal ausprobieren. Ich zog mein Schnappmesser aus der Tasche und brachte mir ein paar Schnitte am rechten Arm bei - ich bin Linkshänder. Dann nahm ich das Messer in die andere Hand und schnitt den linken Arm auf. Meine Zigarette drückte ich gleich noch dazu aus. Ich machte das ein paar Tage lang, bevor ich mir eingestand, dass das nichts brachte. Es tat nicht weh, ich bin generell nicht schmerzempfindlich. Aber ich sah nach ein paar Versuchen keinen Sinn daran.

Zu dieser Zeit musste ich im Rahmen der Schulausbildung an der Fachoberschule ein Praktikum in einem Altenheim absolvieren. Ich tat dies sehr engagiert, da mir die alten Leute Leid taten. Unter meinem Schwesternkittel trug ich immer ein langärmeliges T-Shirt. Die Oberschwester , eine Kugel auf zwei Beinen, arbeitete ehrenamtlich in der Drogenberatung des Roten Kreuzes. Mit dem Blutdruckmessen tat ich mir anfangs noch etwas schwer, also wollte die das mit mir üben.
"Krempel mal die Ärmel hoch!", forderte sie mich auf.
"Nein, mache ich nicht", weigerte ich mich.
"Was hast du zu verbergen?", fragte die Dicke.
"Nichts", erwiderte ich trotzig, "ich mag nur nicht."
Die Diskussion ging noch eine Weile hin und her, bevor die Oberschwester mich in Ruhe ließ.

Die Folge dieser Auseinandersetzung war, dass es auf der Pflegestation einen riesen Krach zwischen der Oberschwester und der Stellvertreterin gab. Die Stationszweite bestand darauf, dass mir in der schriftlichen Beurteilung eine Eins gegeben werden müsste, weil ich so fleißig und engagiert war.
Doch die dicke Oberschwester verpasste mir unter dem Unterpunkt "Unterordnung unter die Weisungen des Pflegepersonals" eine Vier.  Ich nahm es gelassen. Elisabeth und ich beömmelten uns darüber - so schnell kann man zum Junkie werden.

Nachdem Elisabeth ein Kind bekam, zog sie wieder in die Nähe ihrer Eltern. Ich besuchte sie dort einmal und wurde Zeuge, wie sie ihr schreiendes Baby liegen ließ und sich einen Kopf nach dem anderen genehmigte. Da brach ich den Kontakt ab und schwor mir, nie schwanger zu werden.