Ich kam von der Schule nach Hause. Ich besuchte die Freiwillige Zehnte Klasse der örtlichen Hauptschule. Mit einem Qualifizierenden Hauptschulabschluss von 1,5 hatte ich mich dafür qualifiziert. Stolz war ich nicht. Ich war ein Versager. Ich hatte das Gymnasium in der achten Klasse abgebrochen. Ich war in Latein, Mathematik und Geschichte durchgefallen.
Ich kam von der Schule nach Hause und sah den Ranzen meines kleinen Bruders im Flur stehen. Mein Bruder war nicht da.  Ich rief erst einmal: "Gassi" und der Hund kam angespurtet. Den Hund hatte meine Mutter aus dem Tierheim geholt. Ich hatte eine Klassenkameradin, die ganz vernarrt in Tiere war. Sie überzeugte meine Mutter, mal mit uns gemeinsam ins Tierheim zu fahren. Meine Mutter nahm den Hund sofort mit. Kümmern musste ich mich drum. Als ich vom Gassi-Gehen zurück kam, wartete der kleine Bruder vor dem Haus.
"Ich habe meinen Schlüssel vergessen", erklärte er. Ich dachte gar nicht mehr an den Ranzen im Flur. Wir gingen hinein. Mein kleiner Bruder lief sofort in das Schlafzimmer meiner Mutter und ließ einen Schrei los: "Die Mama ist tot!"

Ich stürzte zu ihm und fand die Mutter regungslos im Bett liegend vor. Ich kniff ihre Nase zusammen, sie schnappte nach Luft.
"Die ist nicht tot", beruhigte ich meinen kleinen Bruder, "die schläft nur."
Ich gab ihr eine sanfte Ohrfeige; sie reagierte nicht.
Ich sah mich im Zimmer um. Auf dem Nachtkästchen lag eine leere Tablettenschachte. Daneben stand eine halb geleerte Flasche Wodka. Ich schlug sie heftiger. Sie reagierte nicht.
"Wir müssen einen Krankenwagen rufen", erklärte ich meinem kleinen Bruder, der da stand und Rotz und Wasser heulte. Ich wählte die 112.

Bis der Krankenwagen eintraf, versuchte ich nochmals, meine Mutter wach zu kriegen.
Irgendwann reagierte sie. Mit einem Ruck setzte sie sich im Bett auf, schlug mich zurück und schrie: "Was fällt dir ein!"
Dann sank sie in ihr Kissen zurück und schlummerte weiter. Mein kleiner Bruder stand daneben und heulte: "Nicht so doll hauen!"
Ich drehte mich um und nahm den kleinen Bruder in den Arm. Kaum hatte ich ihn umfasst, schrie er auf: "Die Mama!" und ich wendete mich wieder unserer Mutter zu. Schließlich klingelte es an der Tür. Es waren die Sanitäter.
"Was ist vorgefallen", wollten sie wissen.
"Meine Mutter hat Schlaftabletten und Wodka genommen. Mein Bruder hat Angst. Sie rührt sich nicht", erklärte ich.
Die Sanitäter betraten das Zimmer meiner Mutter und weckten sie nachdrücklich auf.
"Sie müssen jetzt mitkommen ", rief der eine Sanitäter überlaut.
"Ich komme nirgendwo hin mit", erklärte meine Mutter wutentbrannt.
"Wir wurden gerufen und sie müssen jetzt mitkommen", wiederholte der Sanitäter, "ansonsten müssen wir die Polizei hinzuziehen".
"Ich gehe doch nicht im Schlafanzug", erklärte die Mutter empört.
"Gut", sagte der Sanitäter, "dann ziehen Sie sich eben um."
"Ich ziehe mich doch nicht vor einem Mann um", die Mutter geriet immer mehr in Rage. Der Sanitäter kam zu dem Schluss: "Gut, dann bleibt eben das Mädchen  bei Ihnen".
Das Mädchen war ich.

Meine Mutter stimmte zu und die Sanitäter verließen den Raum. Umständlich stand meine Mutter auf und begann, sich auszuziehen. Mit aller Zeit der Welt zog sie sich Alltagsklamotten an. Währenddessen sprach sie im Flüsterton auf mich ein:
"Du Schlampe! Du elendes Miststück! Weißt du eigentlich, was du deiner Mutter antust?"
Unter Tränen antwortete ich: "Weißt du eigentlich, was du deinem jüngsten Sohn antust?"
Doch die Mutter fuhr unbeirrt fort: "Du Hure! Du Abschaum! Du widerwärtiges Stück Scheiße! Du blödes Blag, du Kind deines Vaters. Du Verräter!"
Irgendwann war die Mutter fertig und ich zog mich ins Wohnzimmer zurück. Ein Sanitäter hatte  nun die Aufsicht über die Mutter und ich stand heulend im Wohnzimmer.
"Ist das schon öfter vorgekommen?" fragte mich ein anderer Sanitäter.
"Immer mal wieder", antwortete ich, immer noch heulend.
Die Sanitäter schüttelten nur den Kopf. Schließlich verließen sie die Wohnung und meine Mutter musste sie begleiten. Ich versuchte, meinen kleinen Bruder zu trösten und versprach ihm, den Stiefvater anzurufen. Ich rief ihn auf Arbeit an und er versprach , sofort zu kommen.

Als meine Mutter zwei Tage später aus dem Krankenhaus entlassen wurde, wusste sie von nichts mehr. Ich hätte total überreagiert. Den Wodka hätte sie im Schrank meines großen Bruders gefunden und man würde sich ja wohl ab und an noch besaufen dürfen!