Als meine Mutter meinen Stiefvater kennen lernte, war ich zwölf Jahre alt und hocherfreut. Sie hatte ihn auf einem Betriebsausflug vom Arbeitsamt kennen gelernt, wo sie putzte und er Sachbearbeiter war. Ab nun saß sie nicht mehr rauchend und biertrinkend in der Küche, sondern auf der alten Wickelkommode im Flur, die als Telefontisch diente. Jeden Abend telefonierte sie stundenlang, bevor sie ihn uns live und in Farbe vorstellte. Mein zukünftiger Stiefvater war ein Krüppel. Sein linker Arm war seit einem Autounfall gelähmt. Aber er war nett. Ich mochte ihn. Mein kleiner Bruder mochte ihn auch, aber der war ja noch klein. Nur der große Bruder lehnte ihn ab.
Meine Mutter und der Stiefvater  heirateten ein Jahr später auf dem Standesamt. Meine Brüder und ich schlossen Wetten ab, wie lange es bis zur Scheidung dauern würde.

Wir zogen zusammen. Ich bekam mein eigenes, kleines Zimmer, was wieder einmal den großen Bruder empörte. Er musste immer noch ein Zimmer mit dem anderen Buben teilen. Am Tag des Umzugs gab es Chaos, wie bei jedem Umzug. Doch ich war sehr fleißig und hatte mein Zimmer schon am ersten Tag komplett eingerichtet. Ich freute mich auf das neue Leben dort. Endlich war die Mutter glücklich. Ich verbrachte gleich die erste Nacht in dem Neuen Zimmer, mutterseelenalleine in der neuen Wohnung. In den folgenden Tagen wurden auch die anderen Zimmer eingerichtet und nichts stand mehr unserem Zusammenleben im Weg. Freilich gab es noch Anfängermissgeschicke. So eines nachts, als ich auf die Toilette musste und mich in der dunklen Wohnung verlief. Mit voller Blase und fast am Weinen fand ich schließlich doch einen Lichtschalter und fand mich im Wohnzimmer wieder.  Schon wenige Monate nach dem Umzug begann meine Mutter wieder zu stänkern: "Der Typ ist so ein Arschloch. Ich lasse mich scheiden. Ständig ist er besoffen. Er kümmert sich gar nicht um mich!"

Der Stiefvater hatte meiner Mutter mit seinen Beziehungen zum Arbeitsamt eine ABM-Stelle in der Behindertenfürsorge besorgt. Er brachte ihr Blumen mit und lud sie zum Essen ein. Meine Mutter war unzufrieden. Jetzt trank sie im Wohnzimmer Bier.
Seit ich zehn Jahre alt war, hatte ich meine Mutter angebettelt, ich möchte Saxophon lernen - wie Lisa Simpson. Mein Stiefvater kaufte mir schließlich ein gebrauchtes Saxophon. Ein goldenes Yamaha-Saxophon. Mein Stiefvater hatte bis zu seinem Unfall selbst Geige gespielt und verstand meinen Wunsch nach musikalischer Bildung. Meine Mutter bestand darauf, dass der Unterricht billig sein musste, so wurde ich in einem Musikverein, wo man Trachten trug, angemeldet. Das war nun nicht ganz das, was ich mir vorgestellt hatte; dennoch nutzte ich die Gelegenheit und übte fleißig. Mein Lehrer war zufrieden mit mir. Mein Spiel wurde immer besser und machte mir Freude.

Meine Mutter färbte irgendwie auf den Stiefvater ab. Irgendwann bezeichnete er meine Brüder auch nur noch als Arschlöcher. Alleine mich konnte er einigermaßen leiden. Ich konnte ihn aber immer weniger leiden. Ich kam in die Pubertät und da saß dieser einarmige Mann nur in Schlüpfern und Unterhemd auf dem Sofa und kuckte fern. Ich fand das nicht sonderlich ästhetisch.
Einmal beschwerte ich mich, warum er immer im Stehen pinkeln musste - die ganze Klobrille war vollgepisst und ob er das nicht wenigstens wegwischen könnte? Von da an war ich auch für ihn, wie für meine Mutter, eine arrogante Zicke.

Mit 13 veränderte ich mich und mein Zimmer. Ich färbte mir mein blondes Haar blau-schwarz und trug nur noch schwarze Klamotten. Ich kaufte einen Ballen schwarzer Baumwolltücher und befestigte diese mit Reißzwecken an den Wänden und an der Decke meines Zimmers. Ich drehte eine Schwarzlichtbirne in die Deckenlampe. Mein Zimmer war komplett schwarz.

Wenn das Telefon klingelte und ich ran ging, meldete ich mich immer mit beiden Nachnamen im Haushalt. Damit jeder Anrufer gleich wusste, ob er richtig war.
Wenn die Mutter oder der Stiefvater ans Telefon gingen, meldeten sie sich nur mit ihrem neuen Namen. Oft wussten Freunde von uns nicht, dass sie den richtigen Anschluss gewählt hatten.
Bei neuen Bekannten stellte meine Mutter den Stiefvaterimmer als Kindsvater vor, so dass ich explodieren und dazwischen rufen musste: "Der Typ ist nicht mein Vater; er ist mein Stiefvater. Ich habe schon einen Vater!"

Das Schlafzimmer von Mutter und Stiefvater lag direkt neben meinem Zimmer. Ab und zu beschäftigten sich die beiden mit Erwachsenendingen. Ohne Rücksicht auf Verluste stöhnte und schrie meine Mutter wie eine Pornoqueen. Ich traute mich nicht, gegen die Wand zu klopfen. Eines Nachts musste ich aufs Klo und fand meine Mutter mit entblößtem Unterleib im Bad vor. Sie rieb sich ihre Schenkel mit Nivea-Creme ein.
"Was machst du da?" fragte ich verschlafen.
"Wir wollen mich vögeln".
"Aha", sagte ich nur und ging aufs Klo.

Meine Mutter und mein Stiefvater leben noch heute zusammen. Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. Der Stiefvater ist inzwischen Frührentner und beide verblöden gemeinsam bei RTL und Bier.