In der Nacht vom 27. März auf den 28. März 1999 klingelte nachts um zwei das Telefon. ich schreckte aus dem Schlaf hoch und ging ans Telefon: "Hallo?"
Es antwortete niemand. Noch einmal sprach ich in den Hörer: "Hallo?
Keine Antwort. Ich legte auf und ging wieder ins Bett. Am nächsten Morgen, es war ein Sonntag, kroch ich gegen zehn Uhr aus den Federn. Ich freute mich. Ich hatte Geburtstag.

Letztes Jahr war ich 18 Jahre alt geworden. Mein Bruder hatte seinen 18. Geburtstag vor einem Jahr gefeiert. Es gab ein großes Familienfest mit Oma und Opa im Restaurant. Mein Bruder wurde gefeiert und bekam seinen Führerschein geschenkt. Vergangenes Jahr, zu meinem 18. Geburtstag, war die Mutter böse mit mir, wegen einer Streiterei, die ein dreiviertel Jahr zurück lag. Es gab keine Feier, und keine Geschenke. Den Führerschein schoss mir mein Stiefvater vor, aber ich hatte ihn zurück zu zahlen. Am Nachmittag war mir das zu blöd geworden und ich ging zu meiner Mutter, die im Schlafanzug in der Küche saß, einen Horrorroman las und Bier trank. Mit dem Vornamen sprach ich die Mutter an - das "Mama"-Wort wollte mir einfach nicht mehr über die Lippen komme:, "kann ich mir hundert Mark aus deinem Geldbeutel nehmen - ich habe heute Geburtstag?"
"Meinetwegen", sagte sie. Ich nahm die Hundert Mark und ging in die Stadt, mir eine Jacke zu kaufen.

Dieses Jahr - an meinem 19. Geburtstag - sollte es anders werden. Dass diese Mutter ein kompletter Totalausfall war, hatte ich längst begriffen. Also hatte ich meinen Vater, meine Freundin, meinen Cousin und meine Brüder zum Eis essen eingeladen. Mein Vater wollte um 14:00 Uhr mit dem Auto kommen und uns abholen. Um Viertel nach zwei - wir saßen schon alle versammelt in meinem kleinen Zimmer - rief ich mal meinen Vater an. Es war nicht ungewöhnlich, dass er sich etwas verspätete. Er ging nicht ans Telefon. Wahrscheinlich war er schon unterwegs. Um Viertel vor drei bemühte ich noch mal das Telefon. Wieder keine Antwort. Ich begann, mir Sorgen zu machen. Schließlich beschlossen mein Cousin und ich, das Auto von der Mutter zu borgen und zu meinem Vater in die Ludwigsstraße zu fahren. Wir kamen dort an und klingelten. Vergebens. Mein Vater wohnte im Erdgeschoss, also blickten wir durch alle Fenster. Er war nicht zu Hause. Wo mochte er stecken? Außerdem sahen wir in der Garage nach. Komisch: Sein Opel Kadett war da. Unverrichteter Dinge fuhren wir wieder nach Hause. Wir waren jetzt alle unruhig. Kaum zu Hause angekommen, entschieden mein Cousin und ich uns für eine radikale Lösung: Wir fuhren noch mal nach hin und liehen uns vom Nachbarn ein Brecheisen. Mein Cousin stemmte die Tür auf. Mein Vater lag ausgestreckt, wie ein gefällter Baum, auf der Schwelle zwischen Küche und Flur. Mit dem Gesicht nach unten. Ich stürzte mich auf ihn und packte ihn am Arm: "Steh auf!", befahl ich, doch es half nichts. Mein Vater war schon steif und hatte blaue Flecken. Im ersten Augenblick war ich einfach nur wütend; am liebsten hätte ich ihn getreten. Mein Cousin war gefasster als ich. Er verständigte seine Mutter, die Schwester meines Vaters, und die Polizei. Schließlich rief ich zu Hause an. Meine Mutter beantwortete das Telefonat. "Was?", schrie sie hysterisch, "er ist tot?"

Die Polizei kam und war böse mit mir, weil ich das Geburtsjahr meines Vaters nicht wusste. Ein Leichenwagen transportierte meinen Vater ab. Meine Tante kümmerte sich um die Formalitäten.
Am nächsten Morgen sollten wir bei der Polizei erscheinen. Mein großer Bruder und ich wurden nicht vorgelassen. Stattdessen gingen meine Tante und ein Onkel, ein Bruder meines Vaters, in das Polizeizimmer. Als sie zurückkamen, entschuldigte sich der Kommissar lapidar bei uns Kindern: " Wir wussten nicht, dass Sie volljährig sind“.
Die Geschwister meines Vaters haben entschieden, dass es keine Obduktion geben sollte.

Schließlich besuchten wir zu viert - die Tante, der Onkel, mein Bruder und ich - ein Bestattungsinstitut. Der Bestatter sah aus wie aus der Adams Family.
"Wir wollen etwas einfaches", erklärte ich, "mein Vater war ein einfacher Mann".
Herman Munster führte uns zu einer Bretterkiste und bemerkte: "Das ist das billigste." Er spuckte diesen Satz förmlich aus. Ich war eingeschüchtert. Nichts desto trotz, entschied ich mich - mein Bruder hatte keine Meinung - für einen einfachen Kiefernsarg.
Onkel und Tante bestanden darauf, dass die Kirche bei der Beerdigung außen vor bleiben musste. Die Trauerrede hielt eine professionelle Trauerrednerin, die uns erklärte, welch "glückliche  Kindheit" mein Vater gehabt hätte. Als ich immer mehr heulen musste, boxte mich die Tante in die Seite. Das war das letzte Mal in meinem Leben, dass ich heulte. Die sechs Geschwister meines Vaters spendierten einen Kranz, für den Rest der Beerdigungskosten hatten mein Bruder und ich aufzukommen. Wir bezahlten sie aus der kleinen Lebensversicherung meines Vaters.

Eine Woche später suchte ich den Hausarzt meines Vaters auf und fragte ihn, ob er sich den plötzlichen Tod erklären konnte. Er meinte: "Nein, das hat mich total überrascht. Wir haben erst vor zwei Wochen ein EKG gemacht. Ihr Vater war kerngesund."

Die Mutter, die bereits 20 Jahre von meinem Vater geschieden war, geriet derweil mit ihrer Chefin in Streit. Sie wollte frei haben, "um bei meinen Kindern zu sein". Die Chefin entgegnete: "Deine Kinder sind erwachsen und du bist geschieden. Du kriegst nicht frei. Und jetzt reiß dich mal zusammen!"
Meine Mutter nahm das zum Anlass, spontan zu kündigen. Sie kaufte sich eine Flasche Wodka, leerte diese, legte sich ins Bett und verkündete: "Ihr müsst jetzt Rücksicht auf mich nehmen!"

Ich hielt es nicht mehr aus. Entweder würde ich nur die Mutter erwürgen, oder einen Amoklauf durchführen. Ich studierte den Wohnungsmarkt. Ich fand eine Anzeige: 30 qm, Terrasse, 350,00 € kalt, ab sofort zu vermieten. Ich rief dort an und bekam die Wohnung. Terrasse war ja schön und gut; ich war nur so unerfahren und vor allem unter Druck, dass ich gar nicht bemerkte, dass dieses Loch von einer Wohnung zur Nordseite hin lag. Der Umzug ging schnell. Immerhin half mir die Mutter. Sie war aufgeregt und ich hatte den Eindruck, sie konnte mich gar nicht schnell genug loswerden. Vier mal ging es mit ihrem Ford Fiesta hin und her, dann war ich umgezogen. Meine erste eigene Wohnung!

In zwei Wochen gingen die Abiturprüfungen los. Ich beantragte Halbwaisenrente und BaföG und, was mir damals und auch während meiner Ausbildung gar nicht bewusst war: Das Kindergeld behielt meine Mutter für sich. Meinem Religionslehrer erklärte ich: "Mein Alter ist verreckt". Er erwiderte freundlich: "Ach so, Ihr Vater ist gestorben. Das tut mir leid!"

Ich glaube, das war überhaupt das einzige Wort des Beileids, das ich erfahren durfte....