Da saß ich nun in meiner ersten eigenen Wohnung. Den kleinen Flur hatte ich mit schwarzen Tüchern verhängt und eine Schwarzlichtbirne in die Lampe gedreht. Wenn man aber vom Flur in die Wohn-, Ess- und Schlafstube kam, war es hell und freundlich. Aus meinem alten Kinderzimmer hatte ich ein Bett und einen Schreibtisch mitgebracht. Es gab einen Einbauschrank im Flur, wo ich meine Kleidung verstauen konnte. Da ich kein Geld für irgendwelche Sitzmöbel hatte, hatte ich auf dem Flohmarkt zwei Sitzsäcke erstanden. Darin machte ich es mir am niedrigen Glastisch, den ich im Möbeldiscount gekauft hatte, gemütlich.

Die ersten Tage verliefen ganz gut. Eine Freundin kam fast jeden Tag vorbei und wir saßen auf der Terrasse und rauchten Bong. Irgendwann tauchte der Nachbar auf. Er stellte er sich vor. Er sagte: "Ich dachte ja erst, du wärst so ein blöder, eingebildeter Student. Aber du kiffst. Das finde ich gut. Ich kiffe nicht mehr. Ich saß schon wegen Heroin im Knast. Jetzt habe ich wieder Fuß gefasst. Ich würde ja gerne mal wieder kiffen...."
Ich bot ihm einen Kopf an - schließlich war er ja alt genug - und er nahm an. Von da an saßen wir öfter mal gemeinsam auf der Terrasse, auf der Nordseite, und blickten auf die davor stehenden Wohnblöcke.

Die Sitzsäcke waren niedrig. Der Tisch war es auch. Kochen hatte ich zu Hause gelernt, so gab es jeden Abend etwas einfaches Leckeres.

Von ein auf den anderen Tag klappte das mit dem Essen nicht mehr. Ich nahm einen Löffel voll in den Mund und musste würgen. Dann begannen die Herzattacken. Urplötzlich zog sich mir der Brustkorb zusammen und ich bekam keine Luft mehr. Das Herz stolperte und ich rang nach Luft. So ging es zwei Wochen lang. Ich schlief nicht mehr. Alle paar Stunden wachte ich schweißgebadet auf und wusste, würde ich jetzt noch einmal einschlafen, würde  mich der Herztod ereilen. Das lag wohl in der Familie.

Mein Vater war ja auch an einem Herzinfarkt verstorben. Dennoch quälte ich mich jeden Morgen aus dem Bett und ging zur Schule. Eines freitags, es war schon 17:30 Uhr, hielt ich es nicht mehr aus. Das Wochenende lag vor mir und ich würde es nicht überleben. Es war schon so spät; sollte ich jetzt wirklich noch anrufen? Ich tat es. Ich rief in meiner Hausarztpraxis an und erklärte, dass ich herzkrank wäre und bald stürbe. Die Schwester meinte nur: "Na, dann kommen Sie mal schleunigst vorbei!"

Ich saß nun im Wartezimmer, es war kurz vor 18:00 Uhr und ich schämte mich, dass ich meinem Arzt den Feierabend nicht gönnte. Und es dauerte. Gerade wollte ich wieder aufstehen und gehen, da ich es vor Atemnot sitzend nicht mehr aushielt, da wurde ich ins Sprechzimmer gerufen.
Ich schilderte meinem Bilderbuchdoktor meine Probleme. Er fragte: "Haben Sie kürzlich etwas Schlimmes erlebt?" Ich berichtete von dem plötzlichen Tod meines Vater. Der Arzt sagte: "Beobachten Sie sich mal selbst: Sie klammern sich an diesem Stuhl regelrecht fest. Sie werden nicht sterben. Sie haben ANGST!"
Ich überlegte und begriff - er hatte recht. Das war nackte Angst. Sofort ging es mir besser.

Mein kleiner Bruder, der noch zu Hause wohnte, rief mich eines Tages - ich versuchte gerade, nicht zu sterben - an: "Ich möchte mit meinem Freund in den Freizeitparkt, aber die Mama möchte nicht. Kannst du nicht mitkommen, damit die Mama auch Gesellschaft hat?"
Meinem kleinen Bruder zuliebe sagte ich zu. Also fuhren wir. Mein kleiner Bruder und sein Freund fuhren zehn oder zwanzig Mal mit der Achterbahn mit dem Looping und tobten sich auf den Trampolins aus. Ich saß mit meiner Mutter auf einer Wiese und berichtete ihr von meinem Arztbesuch und seiner Diagnose.
Sie sagte dazu: "Na endlich siehst du mal, wie es mir immer geht!"
Ich sagte nichts mehr.

Ich suchte einen Verhaltenstherapeuten auf, doch nach nur acht Sitzungen meinte der, er könne mir nicht weiter helfen und schickte mich von dannen. Ich hatte keine Angst mehr! Allein die Erkenntnis, dass es sich bei meinen Symptomen schlichtweg um Angst handelte, hatte die Angst verjagt. Mir ging es wieder gut.

Mein großer Bruder war auch ausgezogen und zwar in die Wohnung meines Vaters. Nach Vaters Tod hatten wir die Wohnung auf den Kopf gestellt, um die Versicherungsunterlagen zu finden. Im Schlafzimmer stand eine grüne Kommode, deren unterstes Fach mich einem Schloss versehen war. Den Schlüssel dazu fanden wir nicht. Mein Onkel war zugegen und brach kurzerhand die Kommode auf. Darin befanden sich keine Dokumente, sondern Videokassetten und Dildos. Mein Onkel sagte: "Erzählt niemandem etwas davon!" und verschwand.
Ich nahm einige Videokassetten mit nach Hause und sah sie mir dort im Schnelldurchlauf und ohne Ton an. In dem einen Film schliefen zwei vielleicht fünfzehnjährige Teenager miteinander. Der nächste Film war ein normaler Porno, in den zwischenrein Sodomieaufnahmen geschnitten waren: Eine Frau, die sich von einem Schäferhund besteigen ließ, eine Frau, die einem Hengst einen runter holte. Wieder ein anderer Film war ein ästhetisch gut gemachter Schwulenporno. Der letzte Film den ich sah, hatte mit Fäkalien zu tun.
 Fritz, der Nachbarsjunge, der zu meinem Bruder in die große Wohnung gezogen war, kuckte sich das Zeug an und onanierte dazu.

Ein halbes Jahr später rief die Mutter bei mir an: "Der Meister deines Bruders hat bei mir angerufen. Er hat seit zwei Wochen unentschuldigt in der Lehre gefehlt. Ich mache mir solche Sorgen! Fahr doch mal hin und sieh nach!"
Ich fuhr ich mit dem Bus zu meiner Mutter und holte dort das Auto. Als ich links den Blinker setzte und in die Hofeinfahrt zur Wohnung meines Vaters fuhr, lief es mir eiskalt den Rücken runter. Ein déjà vu. Wieder klingelte ich und keiner machte auf. Wieder stand das Auto in der Garage. Wieder kletterte ich auf den Mauervorsprung uns sah durch sämtliche Fenster. Im Wohnzimmer entdeckte ich meinen Bruder. Er war jedenfalls noch nicht tot. Er saß aufrecht auf dem Sofa und starrte vor sich hin. Ich hämmerte so lange gegen die Scheibe, bis er den Kopf wandte und mich anblickte. Nach einer gefühlten Ewigkeit schien er mich zu erkennen. Ich gestikulierte ihm, dass er mir aufmachen sollte. Was er denn auch tat. Er sank wieder auf das Sofa. Er war vollkommen ausgetrocknet, die Lippen spröde und aufgeplatzt. Ich gab ihm erst mal zu trinken. Dann rief ich die Mutter an: "Er lebt noch".

Eine halbe Stunde später war auch die Mutter da. Jetzt fühlte sie sich wichtig, räumte mich mit einem Bodycheck aus dem Weg und rief einen Krankenwagen. Mein großer Bruder wurde in die Psychiatrie verfrachtet, wo er aufgrund seiner plötzlichen Aggressivität fixiert werden musste.
Wie sich heraus stellte, hatte er mit seinem Hexenbuch experimentiert und sich einen Sud aus Tollkirsche, Alraunen und Mutterkorn gekocht.

Die Mutter nahm ihn erst mal zu Hause auf. Die Wohnung sollte entrümpelt werden. Meine Mutter wollte sich persönlich darum kümmern. Ich stellte fest, dass ich aber vorher noch vorbei schauen wollte und mir die Fotoalben und andere Erinnerungsstücke holen wollte. "Ich war schon fleißig", entgegnete die Mutter nur.
Als ich dann in der Wohnung meines Vaters eintraf, saßen mein Bruder und meine Mutter auf dem Sofa und grinsten über beide Ohren. Ich ging zu dem Schrank, wo mein Vater die Unterlagen vom Jugendamt aufbewahrt hatte. Trotz meiner fleißigen Mutter war das Chaos noch perfekt; nur der Schriftverkehr mit dem Jugendamt war verschwunden. Das Grinsen in Mutters Gesicht wollte bald vor lauter Schadenfreude in tausend Stücke zerspringen. Ich schnappte mir ein paar Fotoalben und verschwand.

Mein Bruder wohnte wieder zu Hause. Sein Meister hatte Verständnis geäußert, wegen des plötzlichen Tods unseres Vaters, und bot meinem Bruder an, die Gesellenprüfung nachzuholen. Was mein Bruder denn auch tat. Dennoch blieb der Meister in seinen Augen sein Leben lang ein "Arschloch".

Nach einem dreiviertel Jahr hatte die Mutter auch genug von ihrem Lieblingssohn, ihrem Erstgeborenen, einem Jungen. Und sie setzte ihn vor die Tür. Freilich, nicht ohne ihm mit dem Geld meines Stiefvaters eine Wohnung zu mieten und einzurichten. Mein Bruder wohnt noch immer dort und "die Mama" ist die beste.
Freunde hat er keine, jeden Abend hängt er  in der Kneipe und labert den Barkeeper voll, aber sonntags geht er zu "Mama" zum Essen.

Mein Bruder war schon immer ein Weichei. Wegen jedem Scheißdreck hat er geheult. Deshalb nahm meine Mutter an, dass er halt ach so sensibel wäre. Bei mir war das anders: "Die hält das aus!"
Blöd nur, wenn man Sensibilität mit Wehleidigkeit verwechselt....!