Die Abiturprüfungen hatte ich bestanden. Natürlich: eine Vier in Mathematik. Und die Psychologieprüfung war dumm gelaufen: Es war ein Fallbeispiel geschildert, von Sven. Sven hatte einen Freund, Matthias. Das ganze Fallbeispiel drehte sich um Sven. Aber es wurde nach Matthias gefragt! Ein Drittel aller bayerischen Fachoberschüler hatte das falsch beantwortet. So auch ich. Ich rutschte von meinem Einserschnitt auf eine Drei. Ich trug es mit Fassung

Es folgten die Ferien und ich wusste noch immer nicht so recht, was ich jetzt anfangen sollte. Ursprünglich wollte ich nach Köln an die FH, um Übersetzungswissenschaften zu studieren. Doch ich wollte ja die Stadt nicht verlassen, so kurz nach meines Vaters Tod. Wegen meines kleinen Bruders. Ich wollte ihn nicht im Stich lassen.
Meine Deutschlehrerin empfahl mir, an die örtliche Fachakademie für Fremdsprachenberufe zu gehen. Das tat ich denn auch. Von meinem BaföG zahlte ich fürderhin nicht nur das Schulgeld für die Privatschule, sondern auch meine Miete. Glücklicherweise fand ich einen Studentenjob, in dem ich Modeschmuck verkaufte.

Die Fachakademie. Das war ein Verein. Ich kreppelte so am Existenzminimum herum, und eine Mitschülerin beschwerte sich: "Mein Vater ist sooo geizig! Er hat mir zum 18. Geburtstag nur einen Ford Fiesta geschenkt!" Reitsport war weit verbreitet. Eine Kommilitonin fuhr jeden Morgen mit dem Benz ihres Vaters in die Schule.

Ich musste für die Ausbildung nicht viel tun. Sprachen - das flog mir einfach so zu. So saß ich viel in der Innenstadt rum und beobachtete die Leute. An einem schönen Nachmittag im Mai saß ich in der Fußgängerzone auf einer Bank, als sich mir ein älterer Herr näherte. Er trug grüne Hosen, ein weißes Hemd und eine schwarze Weste. Er hatte ein Barrett auf dem Kopf und trug einen weißen Bart.
"Darf ich mich zu dir setzen?" fragte er.
Wenig begeistert, antwortete ich: "Meinetwegen".
"Du bist mir gleich aufgefallen", versuchte der Opi eine Unterhaltung zu starten.
"So?"
"Ja, du hast ein sehr hübsches Gesicht. Ein intelligentes Gesicht."
"Aha", ich war wenig eitel.
"Kennst du den Spruch: 'Staub bleibt Staub, auch wenn er zum Himmel steigt. Ein Diamant bleibt ein Diamant, auch wenn er in den Staub fällt'?"
Nachdem ich nicht antwortete, fuhr der Mann fort: "Das ist eine Sufi-Weisheit. Ich bin ein Sufi. Ich heiße Harun-al-Rashid. Wenn du es nicht glaubst: Das steht sogar in meinem Personalausweis."
Ich betrachtete das Personaldokument, das er mir unter die Nase hielt, und tatsächlich, dort stand: Harun-al-Rashid.
"Wie kommt's?" fragte ich, neugierig geworden.
"Das ist mein muslimischer Name", erklärte die mysteriöse Gestalt. Harun-al-Rashid begann, mir über den Sufismus zu erzählen. Er erzählte in einem fort, und empfahl mir, als ich nun doch wirklich aufbrechen wollte, das Buch "Die Sufis" von Idris Shah. Als ich ging, hatte ich auf der der Sonne zugewandten Seite einen mordsmäßigen Sonnenbrand im Gesicht.

Ich kaufte das Buch und las es. Ich war begeistert. Ich mochte die Geschichten und Gleichnisse, und wollte den alten Mann auf jeden Fall wieder treffen. Ich wollte ein Sufi werden. Doch ich fand ihn nicht mehr. Jeden Nachmittag ging ich in die Stadt und setzte mich in den Park oder in die Fußgängerzone. Harun-al-Rashid blieb verschwunden. Irgendwann vergaß ich den Vorfall.
Eines Nachts im August hatte ich eine Art Vision und wusste, ich müsste diese Vision zu Papier bringen. Ich kramte einen alten Wasserfarbkasten hervor und begann zu malen. Ich war zufrieden mit meinem Bild und ging in die Stadt, um einen schwarzen Pappkarton zu kaufen, worauf ich das Bild passepartoutmäßig aufkleben konnte.
Ich bewegte mich in Richtung McPaper, und da stand er. An einem Cafétisch. Der Kalif, der Sufi.
Ich vergaß meinen Einkaufszettel und näherte mich ihm. Er erkannte mich nicht. Erst als ich ihm von Idris Shah berichtete, flackerte das Erkennen in seinen Augen. Er lud mich spontan ins Kolpinghaus ein, wo der Kaffee günstig war. Er erzählte mir Märchen aus 1001er Nacht.
Wir tauschten Handynummern aus und trafen uns jetzt regelmäßig im Kolpinghaus. Ich erfuhr, dass er grüne Hosen trug, weil grün die Farbe des Propheten war. Ich erfuhr, dass er gelernter Kunstmaler war und er wollte mir Zeichenunterricht geben. Ich erfuhr, dass er unschuldig wegen Vergewaltigung im Gefängnis gesessen hatte und dass sie im dort Drähte unter seine Vorhaut geschoben hatten, um ihn mit Strom zu foltern. Ich erfuhr, dass er von Sozialhilfe lebte, aber regelmäßig Geldeingänge von einer Moschee verzeichnete. Ich erfuhr, dass er ein Primzahlenforscher war und magische Quadrate berechnete.

Das war alles furchtbar spannend. Bald schon ging ich zu ihm nach Hause, in eine unaufgeräumte, staubige Ein-Zimmer-Wohnung, die von oben bis unten mit Büchern vollgestopft war. Er erteilte mir Zeichenunterricht. Er lehrte mich Porträtmalen. Ich kaufte mir Kohle und Rötelkreiden und legte los. Ich berechnete magische Quadrate von sechs-mal-sechs bis 99-mal-99. Das 99er-Quadrat schrieb ich auf mehrere Pappen und ließ es im Copy-Shop laminieren. Die Primzahlen malte ich blau an und versuchte ein Muster zu finden.
Der Sufi wollte so gerne einen Texas-Instruments-Rechner, so kaufte ich ihm einen. Er war happy.

Irgendwann wurde die Wohnung über ihm frei und er überzeugte mich, dass ich meine Nordwohnung hinter mir lassen sollte und ich zu ihm ins Haus ziehen sollte. Der Umzug war an einem Tag erledigt. Auf dem Flohmarkt fanden wir eine mobile Sprechanlage, die wir bei ihm und bei mir montierten. Die Handykosten waren zu teuer. Manchmal hatte ich meine Freundin zu Besuch. Da hörte ich es in der Leitung knacken. Er belauschte uns. Ich zog den Stecker.
Er verlegte mir einen grünen Teppich und baute mir aus Brettern aus dem Baumarkt ein Bett mit einer vorangestellten Stufe, die als Sitzbank dienen konnte. Dazu brauchte er, so meinte er, eine Standbohrmaschine, die ich zu bezahlen hätte. Ich fragte einen befreundeten Tischler und der meinte, das wäre Quatsch. Das ginge auch mit einer normalen Bohrmaschine. Ich weigerte ich, ihm für teures Geld eine Standbohrmaschine zu kaufen. Er setzte das Bett dennoch instand.

Ich malte viel und rechnete viel und las den Koran. Und immer mehr Zeit verbrachte ich in der Wohnung des alten Mannes. Ich saß in seinem Schaukelstuhl, er vor mir, und er erläuterte mir: "Frauen sind das Übel der Menschheit. Despoten wie Hitler oder Stalin hätten nicht existiert, wenn sie nicht so bösartige Mütter gehabt hätten".
Ich widersprach, doch er schnitt mir kurzerhand das Wort ab. "Alles schlechte kommt von schlechten Müttern!"
Angeregt durch ihn bekam ich von der örtlichen Milli Görus-Moschee eine Hadith. Was ich dort las, gefiel mir nun so gar nicht. Doch der Sufi bestand darauf: Des Wurzels Übel liegt in den Frauen!
Schließlich begann er noch über die Juden herzuziehen. Der Zionismus bedrohe die Gesellschaft. Die Juden hätten Auschwitz gewollt. Da rebellierte in mir alles. Ich hatte eine andere Bildung genossen. Doch inzwischen beherrschte der Sufi mich. Er kanzelte mich nur ab und meinte: "Du bist halt eine Frau. Du verstehst gar nichts!"

Eines schönen Herbsttages rief er mich in der Schule an, es sei dringend. Ich verließ den Klassenraum und beantwortete das Telefonat.
"Ich habe jemanden kennen gelernt", schrie er erregt ins Telefon, "den musst du unbedingt kennen lernen! Komm doch nach der Schule in den Hofgarten!"
Ich versprach es und tat es.
Im Hofgarten fand ich ihn sowie zwei arabische junge Männer vor.
Er stellte mir den einen vor, "Er kann dir Arabischunterricht erteilen!"
Der junge Mann war ein irakischer Flüchtling, der nur gebrochen deutsch sprach. Doch meinetwegen.
Ich wollte ohnehin immer schon mal eine außereuropäische Sprache lernen.
Ich traf mich mit ihm zwei, drei Mal im Hofgarten und wir lernten Vokabeln. Er zeigte auf ein Auto und sagte: "Siara", oder auf einen Baum und sagte "Schadschara". Diese nachmittäglichen Treffen im Hofgarten wurden mir bald zu anstrengend, so lud ich ihn in meine Wohnung ein. Er freute sich.
Er kam. Kam in meine Wohnung. Zog mir die Kleider vom Leib und vergewaltigte mich.
Musste das so sein? Ich wusste es nicht. Beim Abwasch fiel mir ein Teller aus der Hand. Ich zitterte.
Ich hatte mehrmals "Nein" gesagt. "La" auf Arabisch, das hatte ihn nicht davon abgehalten.
Ich erzählte den Vorfall dem Sufi. Der meinte nur: "Na, da bist du doch selbst schuld. Was lädst du ihn auch in deine Wohnung ein?"

Jetzt kam der Iraker jeden Tag. Er brachte Tüten voll Essen mit und kochte. Wir picknickten auf dem Fußboden. Dann bestieg er mich. Er wurde sauer und schlug mich, wenn ich bat: "Bitte von hinten" und derweil Zeitung las.

In der Fachakademie hatte ich immerhin zwei, drei Freundinnen, die mitbekamen, dass es mir nicht gut ging. Als ich schließlich erzählte, was los war, rieten sie mir, zur Polizei zu gehen. Ich ging zur Polizei. Man führte mich ins Obergeschoss zu einem Kriminalkommissar. Der sah mich an und fragte: "Und das haben Sie sich nicht einfach so ausgedacht?"
"Na gut, dann gehe ich halt wieder", antwortete ich resigniert und stand auf.
"Na, na, na", meinte da der Kommissar, "Ich glaube Ihnen. Aber da können wir nichts machen. Das ist eine Beziehungstat und kaum zu beweisen. Das einzige, das Sie machen können, ist, zum Amtsgericht zu gehen und eine Einstweilige Verfügung zu erwirken, dass sich dieser Typ Ihnen nicht mehr nähern darf. Viel Glück!"

Ich ging zum Amtsgericht und setzte die Einstweilige Verfügung durch. Doch der Iraker, den ich nicht mehr in meine Wohnung lassen wollte, verfolgte mich. Er drang bis in mein Klassenzimmer ein und machte mich lächerlich. Eines Tages lief er mir den ganzen Weg von der Schule nach Hause nach und wollte auch vor der Haustür nicht locker lassen. Da zog ich das Pfefferspray, das ich von einer Freundin bekommen hatte und sprühte es ihm ins Gesicht.
Pustekuchen! Er nahm mir einfach die Dose aus der Hand und besprühte mich damit. Doch dann ging er. Ich ging erschöpft hinauf in meine Wohnung. 20 Minuten später klingelte das Telefon. Es war die Polizei. Ich sei wegen gefährlicher Körperverletzung angezeigt worden und möge bitte auf's Präsidium kommen.
Ich klärte den Sachverhalt und der Iraker bekam eine weitere Geldstrafe wegen Verstoßes gegen die Einstweilige Verfügung. Ich musste das immer beim Amtsgericht melden und als ich diesmal dort aufschlug, fuhr mich die Rechtspflegerin an: "Es war so ein netter älterer Herr hier. Der hat mir alles erklärt. Schämen Sie sich nicht? Lassen Sie die Anzeige fallen!"

Ich war noch immer ein Nervenbündel und ignorierte ostentativ den Sufi, wenn ich ihn im Fahrstuhl antraf. Doch eine Zeit lang war Ruhe. Ich atmete auf. Eines Tages fuhr ich mit meinem Vesparoller die Salzstraße hoch. Auf dem Bürgersteig liefen der Iraker und ein Kumpel. Er sah mich und macht obszöne Gesten.
Wieder zu Hause klingelte das Telefon. Die Polizei. Ich sei angezeigt wegen "gefährlicher Eingriffe in den Straßenverkehr" und solle auf's Polizeipräsidium kommen.
Also ging ich - mal wieder - zur Polizei. Dort wurde mir auseinandergesetzt, dass ich den Iraker erstens mit meinem Roller überfahren hätte, zweitens "Arschloch, Arschloch" gerufen hätte und drittens dann gleich noch eine rote Ampel überfahren hätte.

Die Fachakademie ging zu Ende. Im Juli war letzter Unterrichtstag. Erst im September sollten wir schriftliche Prüfungen haben. Ich kiffte die ganzen Sommerferien hindurch - ich hatte ohnehin keine Perspektive. Ich hatte mich gefühlte 1000 mal beworben und immer nur Absagen kassiert. Also, was soll's.
Das BaföG wurde noch bis Ende Dezember gezahlt, als ich mündliche Prüfungen hatte. Danach lebte ich von Erspartem. Ich ging auf das Sozialamt, doch die sagten mir: "Wenn Sie Leistungen beziehen wollen, müssen Sie als Küchenhilfe in einem Altenheim arbeiten".
Da bewarb ich mich doch lieber gleich in den Altenheimen der Stadt. Schließlich wurde ich auch Anfang März des folgenden Jahres genommen - als Schwesternhelferin - wie meine Mutter.