Der Wirtschaftslehrer an der Fachakademie bereitete uns auf das Leben nach dem Studium vor: "Es herrscht Rezession. Es wird schwierig für euch, gleich eine Stelle zu finden. Aber wir haben einen so guten Ruf, dass es schon klappen wird. Viel Erfolg!"
Kinderspiel, dachte ich mir. Bewerbungstraining hatten wir schon in der neunten Klasse Hauptschule gehabt. Also schrieb ich mit meinem Zwischenzeugnis Bewerbungen. Bis zu den Sommerferien - die schriftlichen Prüfungen waren erst im September, die mündlichen sogar erst im Dezember - schrieb ich annähernd 200 Bewerbungen. Anschreiben, Lebenslauf, Zeugnisse - wie ich das in der Hauptschule gelernt hatte. Ich kassierte 200 Absagen. Schließlich probierte ich es mit Praktika. Ich fuhr nach München, um mich in einer Werbeagentur vorzustellen. Der Interviewer, männlich, der Kajal trug, war angetan von mir. Ich sollte den Praktikumsplatz kriegen. Ich musste ablehnen: Ich sollte 500,00 € pro Monat kriegen. Wie hätte ich davon in München leben sollen?

Irgendwann gab ich auf. Ich hatte noch Geld aus meiner Aussteuerversicherung; das investierte ich in Marihuana. Dann musste ich zu den schriftlichen Abschlussprüfungen antreten. Ich hatte keine Lust. Ich schmierte meine Blätter voll und gab in weniger als der Hälfte der Zeit ab. Immerhin reichte es für eine Reihe Vieren. War auch egal. Ich würde ohnehin keine Arbeit finden. Ich stellte mich erst mal im Arbeitsamt vor. Ich ging in die Abteilung 'Akademiker'. Ich hatte Studentenbafög erhalten, einen Studentenausweis und war als Student bezeichnet worden. Der Sachbearbeiter, der unter hohem Blutdruck litt, erklärte mir, ich sei mit meinem Abschluss kein Akademiker und hier falsch. "Wo muss ich denn dann hin?", fragte ich verwirrt. Er sagte: "Warten Sie hier!". Ich wartete. Ich wartete 20 Minuten. Ich wartete eine halbe Stunde. Es kam niemand. Also ging ich wieder.
Ich ging auf das Sozialamt, um Sozialhilfe zu beantragen. "Wenn Sie Leistungen beziehen wollen, müssen Sie dafür auch etwas tun", erklärte man mir, "etwa als Küchenhilfe in einem Altenheim. Wir finden da schon was für Sie!"
Küchenhilfe! Da konnte ich mich auch direkt in den Altenheimen der Stadt bewerben. An der Fachoberschule hatte ich einen Schwesternhelferinnenschein gemacht. Schließlich bekam ich eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch in einem Seniorenwohnsitz. Meine Ausbildung zur Schwesternhelferin lag über fünf Jahre zurück. Eigentlich hätten sie mich nicht nehmen dürfen. Das wusste ich nicht. Die Pflegedienstleitung wusste das offenbar auch nicht. Ich wurde genommen. Ich bekam eine Teilzeitstelle, 7,00 € pro Stunde.
Ich fing auf einer Pflegestation an, wo eine ausgebildete Krankenschwester die Leitung inne hatte. Sie war liebevoll, gründlich und gutmütig. Eine Führungskraft war sie nicht. Das heimliche Kommando führte Frau Nudelsieb, eine circa 180 kg schwere Person mit Nabelbruch, die daher nicht schwer heben konnte. Ideale Voraussetzungen für den Job des Altenpflegers. Sie scheuchte die Schwesternhelferinnen, die überwiegend aus Osteuropa stammten und fleißig waren, vor sich her und zwang uns, auch ihre Patienten mit zu versorgen.
Frau Nudelsieb war der Meinung, ich wäre zu langsam. Wütend begleitete sie mich zu einer bettlägerigen Heimbewohnerin, die nur noch Haut und Knochen war. Sie packte die alte Frau an Schultern und Hüfte und riss sie schwungvoll auf die Seite, so dass die stumme Greisin laut aufstöhnte. "So macht man das", fuhr mich die dicke Nudelsieb an, "du darfst nicht so zimperlich sein!"

Ich arbeitete den Oktober, den November und im Dezember hatte ich noch mündliche Prüfungen. Alle gingen davon aus, dass ich eine der wenigen sein würde, die auch die Dolmetschprüfung bestehen würde. Ich dolmetschte simultan wie eine Eins.
Mein Prüfungstermin war um 11:30 Uhr; ich konnte ausschlafen. An besagtem Tag wachte ich mit Kopfschmerzen auf. Mir drehte sich der Magen um. Prüfungsangst kannte ich nicht. Was war da los? Schwerfällig, wie benebelt, zog ich mich an und verließ meine Wohnung. Im Hausflur fand ich Arbeiter vor, die in der Früh damit begonnen hatten, den Teppich rauszureißen. Sie verlegten gerade einen neuen. Giftige Dämpfe stiegen auf und waren im meine Wohnung gedrungen.
Mir war schlecht. Ich wartete vor dem Prüfungszimmer, in dem ich zunächst konsekutivdolmetschen sollte. Die Direktorin kam erwartungsvoll auf mich zu: "Bald geht es los. Wie geht es Ihnen?"
"Schlecht", antwortete ich, "mir ist schlecht".
"Ach, Sie schaffen das schon", rief sie entzückt und verließ mich.
Ich trat zur Prüfung an. Ich war noch nie krank gewesen. Ich drückte mich doch nicht. Meine Mutter hatte mich auch noch mit 38° Fieber zur Schule geschickt...
Freilich brachte ich nichts zustande und fiel durch. Da waren alle einigermaßen entsetzt. Mir war das wurscht. Immerhin war ich bereits "Übersetzerin", was mir allerdings auch nicht weiter half.

Am nächsten Tag hatte ich wieder Dienst im Altenheim. Ich erfuhr von einer Kollegin, dass eine der dementen Heimbewohnerinnen in der Nacht aus ihrem Bett gestürzt war. Die unsichere Nachtschwester hatte sie zurück ins Bett gepackt. Es kam kein Arzt, um den Oberschenkelhalsbruch festzustellen. Nach zwei Tagen starb die Frau im Fieber.
Ich hatte einen besonderen Liebling – eine Dame, die geistig noch fit war, aber nach einem Schlaganfall im Rollstuhl saß. Wenn ich etwas Zeit hatte, hörte ich ihr zu. Sie hatte aufs Mädchenlyzeum gehen wollen, um Lehrerin zu werden. Doch ihre Eltern - Arbeiter - ließen dies nicht zu. Sie machte eine Ausbildung zur Bürokauffrau. Als sie in Rente gegangen war, erfüllte sie sich ihren Lebenstraum und unterrichtete in einer Kirchengemeinde türkische Kinder in Deutsch.
Ich fragte die Stationsleitung, warum die alte Frau nie Besuch von der Kirche bekam. "Da kommt regelmäßig jemand", versicherte mir die Oberschwester, "nur immer gerade dann, wenn du keinen Dienst hast".

Ich war fit für den Job. Seit meiner Angsterkrankung trieb ich regelmäßig Sport. Ich wog 63 kg bei 1,78 m Körpergröße. Wenn ich Frühschicht hatte, fuhr ich am Nachmittag mit dem Rad zum Weiher, der oben auf einem Berg mit 16 prozentiger Steigung auf dem Weg lag. Wenn ich Spätdienst hatte, wurde ich mit den ersten Sonnenstrahlen wach und fuhr in der Früh dort hin. Im Frühjahr ging ich schwimmen. So war das Leben schön. Ich verdiente 700,00 € netto im Monat, aber ich brauchte nicht mehr. Ich ging nie aus, ich genoss meine einsamen Stunden am Weiher.

Eines Tages bekamen wir einen Neuzugang auf die Station. Die Frau war 88 Jahre alt, halbblind und war in ihrer Wohnung gestürzt. Verletzt hatte sie sich nicht. Doch ihre Kinder bestanden darauf, dass sie nun ins Altenheim müsse. Am Anfang herrschte die Order, dass wir die geistig rege Dame belügen sollten: "Ja, ja, sie dürfe bald wieder nach Hause".
Lange ließ sich die Dame das nicht gefallen. Die Wochen vergingen und ihr dämmerte, dass sie diese Einrichtung, in der sie den ganzen Tag auf ihrem Bett saß und ohne Begleitung nicht einmal in den Garten durfte, nie wieder verlassen würde. Sie heulte und weinte und fluchte. Sie erhob ihren Stock gegen Frau Nudelsieb und die dicke, grobe Olga. An meiner Schulter weinte sie sich aus. Doch ich konnte ihr nicht helfen.
Wir hatten eine Heimbewohnerin, die an Alzheimer litt, und deren Kinder regelmäßig kamen und pingelig darauf bestanden, dass die Mutter ordentlich frisiert sei. Meine Kollegin hatte sich krank gemeldet, so waren wir zu zweit für 30 Patienten zuständig. Und die Alzheimer-Patientin musste gebadet und frisiert werden! Bereits total verschwitzt wollte ich mich um das Bad dieser Frau kümmern, als Frau Nudelsieb vom Kuchen im Schwesternzimmer aufstand und verkündete: "Du bist so fleißig. Nun mach mal Pause. Ich kümmere mich um die Frau!"
Sehr überrascht, sah ich, dass ich durch meinen unermüdlichen Einsatz das Wohlwollen von dem rumänischen Drachen gewonnen hatte.
Lag es daran, dass ich meinte, nun sei genug? Hatte ich quasi eine Mission erfüllt? Jedenfalls, ich kündigte und entschied, dieses Drecksloch von einer Kleinstadt zu verlassen und nach Berlin zu gehen. Eine HiWi-Stelle konnte ich überall finden.

Ich nahm meinen Resturlaub und fuhr jedes Wochenende mit der Mitfahrzentrale nach Berlin, um ein Zimmer in einer WG zu finden. Am letzten Wochenende, bevor mein gekündigter Mietvertrag in der Heimat auslief, hatte ich Glück. Es sagten gleich alle drei WGs, die ich besucht hatte, zu. Die erste WG wäre eine Zweier-WG mit einem Theaterschauspieler gewesen. Doch der junge Künstler, der mich interviewte, einen schwarzen Rollkragenpullover und eine Nickelbrille trug, hatte einen Pin-Up-Kalender in der Küche hängen und testete meine Reaktionen auf seine abfälligen Bemerkungen über Frauen im Allgemeinen. Die zweite WG wäre eine turbulente Fünfer-WG im Friedrichshain gewesen. Schließlich sagte ich einem jungen Mann in Kreuzberg zu. Mit diesem würde ich eine 100 qm große Belletage-Wohnung teilen, mein Zimmer lag zur Straße hin, hatte drei Meter hohe Wände und Stuck an der Decke. Mein zukünftiger Mitbewohner versprach mir, bis zu meinem Einzug nächste Woche würde er das Zimmer entrümpelt und gestrichen haben. Er hatte eine dreijährige Tochter, die den Ausschlag gegeben hatte. Ich liebte Kinder.

Von meinen Freunden feierte ich Abschied auf der Burgruine. Wir saßen auf der Mauer und guckten in den Vollmond. "Ich glaube", behauptete ich, "ich werde euch nicht mal vermissen!" "Mal abwarten!", antworteten die Freunde lachend.
Drei Spezl halfen mir beim Umzug. Meine wenigen Habseligkeiten packten wir in einen gemieteten Transporter und fuhren nach Berlin. In Berlin angekommen, erlitt ich einen Schock. Das Zimmer war weder entrümpelt noch gestrichen. Wir übernachteten alle vier im Wohnzimmer. Die kommenden Tage brachte ich damit zu, das Mobiliar des Zimmers auf den Sperrmüll zu schaffen. Immerhin half mir mein Mitbewohner, zwei Eimer Farbe zu kaufen. Ich trug seine Tochter, er die Eimer. Gestrichen habe ich das Zimmer alleine.

Ich musste noch einmal nach Bayern fahren, um die Wohnung zu übergeben. Auf der Rückfahrt nach Berlin lernte ich meinen zukünftigen Freund kennen, der mich mit der Mitfahrzentrale mitnahm. Er war 26 Jahre alt, trug ein Fischerhemd, langes Haar und einen Vollbart. "Bist du Sozialpädagoge?" spekulierte ich schelmisch. "Nein", lachte mein Fahrer, "Informatikstudent". Wir unterhielten uns angeregt und stellten dabei fest, dass wir beide gerne kifften. Er wollte mich direkt bis nach Hause fahren, doch ich war ängstlich und bestand darauf, dass er mich an der U6 absetzte. Er gab mir seine Telefonnummer und wollte mich gerne wiedersehen.

In Berlin ging ich erst mal zum JobCenter und beantragte Hartz IV. "Was wollen Sie hier in Berlin?", schnauzte mich die Sachbearbeiterin an, "Bayern hat doch viel mehr Geld als wir. Sollen die Sie doch durchfüttern! Von Ihrer Sorte haben wir genug!"
Mein Mitbewohner ließ ebenfalls gleich durchblicken, dass er nichts von Transferleistungsempfängern hielt. Also kümmerte ich mich gleich um die Arbeitssuche. Zunächst bewarb ich mich in der Altenpflege, doch ich bekam nur Stellen für die mobile Altenpflege angeboten. Auto fahren traute ich mir in Berlin nicht zu.

Dann hatte ich einen Vorstellungstermin für die Position einer Abendsekretärin. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fuhr ich durch den strömenden Regen nach Charlottenburg. Die Personalchefin nahm meinen Lebenslauf in die Hand und sagte entsetzt: "Aber Sie haben ja gar keine Berufserfahrung. Hätte ich das gewusst, hätte ich Sie nicht eingeladen. Das tut mir leid!"
"Ich hoffe Sie haben es nicht weit!" beendete die Dame das Gespräch.
Erbost sagte ich: "Doch ich habe es weit. Und es regnet in Strömen! Vielen Dank auch!"
Schließlich fand ich einen Job bei einem privaten Briefzusteller, wo ich mein eigenes Fahrrad mitbringen musste. Es gab 0,15 € pro zugestelltem Brief. So kam ich im Monat auf etwa 80,00 € Zuverdienst.
Mein Mitbewohner war damit nicht zufrieden. Einen Hartz IV-Empfänger wollte er auf Dauer nicht in der Wohnung haben!

Ich war einsam in Berlin und rief den netten Jungen von der Mitfahrzentrale an. Er freute sich und lud mich ein. Wir rauchten ein paar Joints in seiner Wohnung und er ließ sich küssen.
Eines Tages, als ich mal wieder den Nachmittag bei ihm verbrachte, las er mir aus der "Zweiten Hand" vor: Englischsprachiger Mitarbeiter gesucht. Arbeitsbeginn: sofort. Bitte rufen Sie an!
"Das kann doch nichts sein", gab ich zu bedenken, "eine Anzeige in der "Zweiten Hand"?"
"Versuch es doch wenigstens mal", ermunterte er mich.

Ich rief dort an und eine ältere Männerstimme sagte, nachdem ich meinen Werdegang erklärt hatte, begeistert: "Kommen Sie doch gleich vorbei!" "Ja, noch heute!"
So machte ich mich auf den Weg. Ich trug Männerjeans und eine verbeulte Strickjacke und überlegte, ob ich vorher noch zu Hause vorbei gehen sollte, um mich umzuziehen. Ich entschied mich dagegen. Das würde doch eh nichts werden!
Am Ende des Tages war ich scheinselbständige Fremdsprachensekretärin. Der Chef wolle, so erklärte mir der Büroleiter, niemanden anstellen, da er sich vor der Gründung eines Betriebsrates fürchtete. Ich sollte 1.200,00 € auf die Hand bekommen und schon am nächsten Montag anfangen.
Glücklich und aufgeregt fuhr ich zurück in den Wedding, zu meinem Freund. Musste ich Steuern entrichten? Musste ich mich beim Finanzamt melden? Was musste ich tun? Ich wusste es nicht und mir war mulmig zumute. Aber ich hatte einen Job, das war die Hauptsache!