Das Büro von F & M Trials war, wie meine Wohnung, in Kreuzberg. Ich konnte es gut mit dem Roller erreichen. Vor meinem ersten Arbeitstag war ich wahnsinnig aufgeregt. Was würde mich erwarten? Wie würde ich mich schlagen? Um 09:00 Uhr an einem Montag Morgen traf ich ein und wurde herzlich Willkommen geheißen. Mein Vorgänger im Sekretariat war noch da. Er war studierter Jurist und hatte endlich in der spanischen Botschaft einen angemessen Job erhalten. Er sollte mich noch einarbeiten.
"Also," fragte ich neugierig aufgeregt, "was ist zu tun?"
"Nichts", lachte er, "lehn dich mal zurück!"
Auch der Büroleiter, ein ehemaliger Genosse Oberstleutnant der NVA machte Späße: "Nur keine Hektik. Gehen wir erst mal Kaffee trinken."
Also gingen wir mit einer Tasse Kaffee in den Raucherraum. Der Büroleiter rauchte eine Moods, ich meine Selbstgedrehten. Der Spanier war Nichtraucher. Dann stieß noch die Datenmanagerin hinzu, eine polnische Mathematikerin. Bei F & M Trials handelte es sich um einen Dienstleister in der Klinischen Forschung, eine sogenannte CRO - Contract Research Organisation. Für Sponsoren aus der Pharmawelt führten wir klinische Studien in Osteuropa durch. Bis auf den Büroleiter und die Buchhalterin waren alle Mitarbeiter, die auch scheinselbständig beschäftigt waren, Osteuropäer - aus Polen, aus Tschechien, aus der Ukraine.
Der Geschäftsführer selbst war Ukrainer. Im Raucherraum erzählte mir der Büroleiter: "Der Chef ist ein Arschloch. Der hat seine Doktorarbeit gekauft. Seine Eltern sind mit Spielsalons - Automatencasinos - reich geworden und haben ihrem Sprössling die Bildung gekauft. Echt, der Typ ist so dämlich! Wirst du schon noch sehen. Vormittags schläft er aus, aber heute Nachmittag wird er ins Büro kommen. Mach dich auf was gefasst!"
Wir verbummelten den ganzen Vormittag. Es schien auch ansonsten niemand etwas zu tun zu haben, außer der Buchhalterin. Gegen 14:00 Uhr erschien der Chef. Ein großer, leicht übergewichtiger Mann mit einer wilden, ungezähmten Lockenpracht. "Herzlich Willkommen!", begrüßte er mich und verschwand im Konferenzzimmer. Kaum war die Tür hinter ihm zugefallen, lief die Datenmanagerin wild mit den Armen fuchtelnd durch die Büroräume und schrie: "Krieg!"
Irgendwann war dieser erste Arbeitstag vorbei. Ich ging nach Hause und dachte mir weiter nichts dabei. Das würde doch sicher besser werden? Also, ich würde doch bald etwas zu tun bekommen?

Es wurde nicht besser. Der junge Spanier war gegangen und ich saß hinter meinem Bildschirm und spielte Solitär. Der Büroleiter erzählte wilde Geschichten aus seiner Armeezeit und die Datenmanagerin flirtete mit dem Genossen. Oft war der Büroleiter unterwegs, weil der Chef zahlreiche Villen in den besten Gegenden Berlins besaß. Diese wurden unter anderem an Botschaftspersonal vermietet. Wir waren außerdem eine Immobilienfirma. In Punkto Klinische Forschung war nichts zu tun, außer dass mich eines Tages die Datenmanagerin ansprach: "Wir haben hier Patientenprüfbogen, sogenannte CRF, aus Russland erhalten. Auf denen fehlen die Unterschriften der Prüfärzte. Unterschreib die doch mal bitte!"
Sie reichte mir einen Stapel Case Report Forms und zeigte mir, wie ich einen gekonnten, nicht leserlichen Kringel darunter setzte. Also unterschrieb ich annähernd 200 CRF im Namen von irgendwelchen Ärzten.

Zu Hause war es besser. Da war mein Lichtblick - die kleine Tochter meines Mitbewohners. Er teilte sich das Sorgerecht mit der Mutter, die auch mal eine WG-Mitbewohnerin gewesen war. Ich hatte eine CD mit Klarinettenmusik von Mozart. Die fand das Kleinkind ganz spitze. Also tanzten wir in meinem großen Zimmer - dem Tanzsaal - zur Musik von Mozart. Tanzen bedeutete bei der Dreijährigen, dass wir wie wild im Kreis umherliefen und hopsten. Das Mädchen, das am Anfang schüchtern gewesen war, mochte mich sehr. Auch mein Mitbewohner war inzwischen zufrieden, dass ich eine Arbeit hatte. Die Mutter des Mädchens war kalt wie eine Hundeschnauze. Wenn sie die Kleine abholte, kommandierte sie nur herum. Sie war Schneiderin und hatte einen neuen Freund, der ihr dabei helfen wollte, Designerin zu werden.

Auf Arbeit wartete der nächste Hammer. Wir saßen nur so rum und tranken Kaffee und rauchten, da kam der Büroleiter und meinte, wir bräuchten eine Referenz von Bayer, für die wir mal eine Studie durchgeführt hätten. Ich sollte einen Briefkopf von Bayer auf ein leeres Blatt Papier kopieren und dann eine Referenz schreiben. Ich tat es. Der Büroleiter, 56 Jahre alt, machte mir ständig Avancen. Ganz hinreißend und appetitlich fände er mich, meinte er. Ich ging nach Hause und erzählte meinem Mitbewohner von den Vorkommnissen.
"Du wirst doch nicht etwa hinschmeißen wollen? Manchmal muss man auch etwas durchhalten!"

Die Tochter hatte ein kleines Stofftier, eine kleine grau-getigerte Katze. Ich malte mit Wasserfarben ein Bild, in dem 'Mau' am Küchentisch saß und nachdachte. Dazu schrieb ich ein Märchen, in dem sich die kleine Mau auf Wanderschaft begab und schließlich ihrem Freund, dem Kater Moritz, eine Nachtnelke vom Mond mitbrachte. Bevor ich am nächsten Tag auf Arbeit ging, ließ ich das Bild auf dem Wohnzimmertisch liegen. Wieder zu Hause kündigte ich dem Kind an, dass ich ihr jetzt eine Geschichte erzählen würde. Doch Papa saß im Sofa und guckte einerseits gespannt, andererseits herablassend. Ich konnte nicht. Mir steckte ein Kloß im Hals und die Geschichte bin ich heute noch schuldig.

Schließlich tauchte der Bauwagen vor meinem Fenster auf. Meine Fenster gingen zur Straße hin und seit wenigen Tagen stand auf dem Parkplatz davor ein Bauwagen. Da wusste ich es: Ich war bei der Russenmafia gelandet und die beobachteten mich jetzt!
Mein Freund aus dem Wedding rief mich regelmäßig an. Ich sagte: "Ich möchte nicht mehr, dass du mich anrufst. Ich mache Schluss. Du gehörst auch zur Russenmafia. Ich habe dich durchschaut!"
"Russenmafia!", rief mein Freund am anderen Ende der Leitung, "Wie kommst du den darauf?"
"Dein Autokennzeichen", erklärte ich genervt. Als ob er das  nicht selbst besser wüsste.
"Was ist mit meinem Kennzeichen?"

"FS - B. Das ist der Nachfolger vom KGB. Du willst mich doch verarschen!"
"Mein Gott, nein! Das Auto ist auf meine Oma angemeldet. Die wohnt im Landkreis Freising. B steht für Berlin!"
"Das kannst du deiner Oma erzählen", sagte ich und legte auf.

"Wieso lassen Sie mich beobachten?" fragte ich endlich den Büroleiter
"Beobachten? Was meinst du?" fragte er zurück.
"Na, der Bauwagen. Der kommt doch von Ihnen!"
"Welcher Bauwagen? Ich weiß von nichts!"
Ich sah ein, dass es hoffnungslos war. Ich war gefangen. Kündigen konnte ich ja nicht so einfach; da war immer noch der Mitbewohner, der darauf bestand, dass ich arbeitete. Jetzt gab es kein Halten mehr. Der Büroleiter und die Datenmanagerin machten sich über mich lustig. Aber sie hatten auch Mitleid. Ich wusste gar nicht mehr, wo mir der Kopf stand und war den Tränen nahe, da sagten sie, ich solle mal mit in die Küche kommen. Ich nahm zwischen beiden Platz. Und sie unterhielten sich. Über dies und das. Über ganz banale Dinge. Und ich konnte nicht mehr denken. Guckte nur vom einen zur anderen und nahm das Gespräch wie Gemurmel auf. Ich fühlte mich wie ein Säugling am Küchentisch seiner Eltern.

Ich schlief auch nicht mehr. Das Schlafen hatte ich eingestellt. Ich surfte bis in die Morgenstunden im Netz und hörte Musik. Ich kiffte wie ein Weltmeister. Mein Dope holte ich in der Hasenheide. Die Connection zu meinem Weddinger Freund war ja unterbrochen.
Eines Nachts googelte ich nach Simpsons-Wallpapers für meinen Desktop. Ich gab "Simpsons" in die Google-Bilder-Suche ein und am Bildschirm tat sich eine Seite auf. Nur waren darauf keine Comics abgebildet, sondern rituelle Gegenstände: Särge, Urnen und umgedrehte Kruzifixe. Ich erschrak. Mein Computer war also auch angezapft worden. Doch was wollten die mir damit sagen? Und wer? Der Geheimdienst? Die Russenmafia?

Ich hielt es nicht mehr aus. Ich war in einer kriminellen Organisation gelandet und jetzt stritten der FSB und der Verfassungsschutz um meine Gunst. Ich kündigte. Ich ging noch einmal ins Büro, gab meinen Schlüssel ab und sagte: "Ich kündige!" Dann verschwand ich auf Nimmerwiedersehen.
Ich ging sofort zum JobCenter. Ich war 25 Jahre alt geworden und wurde jetzt von einer anderen Stelle betreut. Dazu wurde ich gebeten, ein anderes Gebäude aufzusuchen. Ich bewegte mich wie durch einen Nebel durch die Straßen und fand schließlich das Haus. In dem Zimmer, in dem ich vorstellig werden sollte, saß eine Dame, die sah aus wie die Zwillingsschwester einer Dozentin aus der Fachakademie. Die Dame guckte mich an wie ein Auto. Ich schaffte es, alle Anträge vollständig abzugeben und bezog nun wieder Hartz IV.
Mein Mitbewohner war gar nicht begeistert. Seine Miete kriegte er zwar trotzdem, aber er fand das nicht gut.
"Die sind kriminell", beharrte ich, "dort gehe ich nicht mehr hin!"

Ich hatte etwas Geld für die Steuer zurückgelegt, die, wie ich nachträglich erfuhr, nicht zu entrichten brauchte, weil ich unter 12.000,00 € brutto im Jahr verdient hatte. Ich wusste, ich musste der Sache auf den Grund gehen. Also löste ich eine Fahrkarte in meine bayerische Heimat. Es war Winter geworden, doch im Zug war es warm. Ich war acht Stunden lang unterwegs. Ich ging direkt in meine Kirchengemeinde. Mein Pfarrer, der mich konfirmiert hatte, musste doch etwas wissen!
Es war schon Abend, doch im Gemeindehaus war noch Betrieb. Ich wartete vor dem Gemeindesaal und lauschte wie der gealterte Pfarrer über palästinensische Politik zu Zeiten Jesu referierte. Irgendwann war die Bibelstunde beendet. Mehrere Leute verließen den Saal. Darunter meine ehemalige Tagesmutter. Es gab ein großes Hallo: "Was machst du denn hier? Wie geht es dir?"
Vor allem des Pfarrers Frau freute sich, mich zu sehen. Doch ihr Mann schob sie beiseite: "Geh nach Hause, Frau!"

"Ich bin aus Berlin gekommen. Ich habe einige Fragen. Wann können wir sprechen?"
Der Pfarrer sagte, dass er am nächsten Morgen Zeit für mich hätte.
"Ich habe keinen Platz zum Schlafen", erklärte ich, "Ich werde die Nacht wohl auf dem Bahnhof verbringen".
"So ein Schmarrn", rief meine liebe Tagesmutter, "Wir haben ein Gästezimmer!"
Wir saßen noch ein bisschen in der Wohnstube zusammen, dann ging ich auf mein Zimmer. An der Decke hing eine sechseckige Lampe, wovon drei Ecken weiß, die anderen drei Ecken rot waren. Die Dreifaltigkeit!, dachte ich. Und hatte Angst. Irgendwann schlief ich ein.
Am nächsten Morgen fuhr ich mit dem Bus in die Kirche. Der Pfarrer erwartete mich in seinem Arbeitszimmer: "Also, was ist los?"
"Was wissen Sie über meine Mutter. Hat sie etwas Kriminelles gemacht. Da war ein Moslem, der hat versucht, mich zum Islam zu bekehren. Ich glaube, meine Mutter hat damit zu tun."
"Ich weiß", erwiderte der Pfarrer bereits sichtlich genervt, "dass es bei euch zu Hause nicht einfach war. Du scheinst mir nicht sehr gefestigt in deinem Glauben zu sein".
"Ich möchte nur wissen, ob irgendwas an meiner Mutter merkwürdig war".
"Ich bin Theologe und kein Psychologe. Ich kann dir nicht helfen."
Also ging ich. Stapfte durch den Schnee zum Bahnhof und setzte mich in den nächsten ICE nach Berlin.

Wieder in Berlin, grub ich mich in meinem Zimmer ein. Der Tochter meines Mitbewohners sagte ich, ich müsste arbeiten. Ich konnte jetzt partout niemanden ertragen. Nicht einmal die Kleine. War ja schließlich auch nicht dazu verpflichtet, oder?
Da klopfte es in der Heizung. Ein lauter Rumms. Ich sah mich veranlasst, meinen Gedanken zu überprüfen. War ich dem Mädchen gegenüber doch in der Pflicht? Einfach, weil ich eine Beziehung etabliert hatte. Rumms! Du liegst schon wieder falsch, dachte ich mir. Was wollen die denn von mir. Und warum können die Gedanken lesen. Gibt es in dem Bauwagen vor dem Fenster irgendwelches Gerät, dass Gedankenlesen ermöglicht?
Vor den Fenstern meines Zimmers lag ein Sportplatz. Ich berichtete meinem Mitbewohner: "Auf der Aschenbahn treiben sich komische Gestalten herum".
"Das ist eine Tartanbahn", korrigierte mich mein Mitbewohner.
Während ich aus dem Fenster sah, veranstalteten mehrere Personen ein Wettrennen. Eine Partei war weiß-blau gekleidet, eine andere rot-weiß und eine weitere grün-gelb. Da die Bundestagswahlen bevor standen, wusste ich, dass mir die Geheimdienste mal wieder ein Schnippchen schlagen wollten, mir etwas mitteilen wollten. Weiß-blau lag vorne, grün-gelb war total abgeschlagen. Wäre ja auch noch schöner: Eine Koalition aus FDP und den Grünen! Die Bayern verfolgten mich noch immer, weil ich aufgrund der Bilder im Internet vermutete, dass meine Mutter mich verkauft hatte und das pornographische Material bei meinem Vater deponiert hatte - nachdem sie ihn umgebracht hatte.
Meine Gedanken rasten. Ich ging im Zimmer auf und ab. Als ich wieder ans Fenster trat, waren die Läufer verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt.

Noch diese Nacht trat ich online in die SPD ein. Ich brauchte Schutz vor der CSU, die mich verfolgte. Das war der richtige Schritt. Ich fühlte mich erleichtert. Ich musste eine Entscheidung treffen und die bedeutete, dass ich mich ganz klar bekannte. Dann hatte ich Schutz. Diese Nacht schlief ich sogar ein bisschen. Am nächsten Morgen klingelte das Telefon. Es war der Bezirkssprecher der örtlichen Jusos: "Herzlich Willkommen. Schön, dass du zu uns gestoßen bist!"
"Ha?", antworte ich überrascht, "Ich will eigentlich mit niemandem etwas zu tun haben!"
"Du musst dich ja auch nicht engagieren. Ich wollte dich nur persönlich Willkommen heißen. Ich schicke dir noch heute dein Parteibuch zu!"
"Ja, ist gut", sagte ich und beendete das Gespräch.
Ich suchte ein bisschen im Internet, fand das passende Formular und trat sofort wieder aus der Partei aus. Das Magazin "Vorwärts" erhielt ich noch ein halbes Jahr lang....

Es war der zweite April 2005. Wie gebannt hing ich vor dem Fernseher. Wer würde Nachfolger von Johannes Paul II werden? Davon hing mein Leben ab. Hoffentlich nicht dieser Ratzinger! Dann war auch noch Gerhard Schröder im Fernsehen. Sein Gesicht zerlief zu einer Fratze. Direkt an mich gewandt, sagte er: "Du bist auch bald dran!" Der Fernseher sprach mit mir! Die im Bauwagen hatten den Fernseher so manipuliert, dass er mit mir sprach! Was sollte ich davon halten? Ich beschloss, es einfach zu ignorieren und stur weiter zu leben. Wenn sie mich nicht einfach töteten, dann konnte ich auch weiterleben, ohne dass ich mich von denen verrückt machen lassen würde!

Ich surfte weiter im Netz. Wenn die Stimme aus dem Bauwagen kam, tippte ich meine Antworten in ein Word-Dokument. Mein Computer war ja infiziert. Freilich gab ich der Stimme immer Paroli: "Ihr könnt mich mal!" Ich fragte mich nur, warum sie mich nicht einfach umbrachten, wie einst meinen Vater. Was hatten sie mit mir vor? Dieser Psychoterror war so schlimm, dass mir der Sinn entglitt. Wenn Russenmafia und Verfassungsschutz um mich buhlten, wie sollte, wie konnte ich mich denn verhalten? Deren Aktionen waren so sinnfrei, dass mir eines Nachts am Computer eine weitere Idee kam: Ich war auserwählt. Auserwählt, die Erde zu vernichten. Ich war ein Gottheit. Ich würde zu meinem Mitbewohner ins Schlafzimmer gehen müssen und ihn zum Geschlechtsverkehr zwingen müssen. In dem Moment, in dem das Kind empfangen wäre, würde die Welt untergehen und ich würde im Inneren einer Pyramide wieder aufwachen. Ich würde den künftigen Pharao aufziehen und die Zivilisation begänne von Neuem. Eine fixe Idee. Die Idee schien mir so absurd, dass ich mir lieber noch mal einen Joint rollte und diesen genoss. Danach war ich etwas ruhiger und verwarf den Gedanken.

Die Tage gingen dahin. Ich hatte keine Arbeit. Und keine Kraft, mich zu bewerben. Es hatte ja doch keinen Sinn. Der Frühling nahte. Das, immerhin, war gut. Eine Nacht Ende April stand ich an meinem Fenster und beobachtete den Himmel. Schleierwolken zogen vorüber. Die Sonne war untergegangen und ging wieder auf. Ich erlebte den Sonnenaufgang. Ich war die ganze Nacht am Fenster gestanden und war endlich durch Nachdenken auf des Rätsels Lösung gekommen. Daher war der Sonnenaufgang wie eine Bestätigung meiner Ergebnisse. Es war ja nicht weiter verwunderlich. Warum war ich da nicht eher drauf gekommen? Die Nazis beherrschten die Welt! Heimlich und verborgen wie in Robert Harris' "Vaterland"! Und deshalb war ich eine Gefahr! Weil ich im Begriff gewesen war, das zu durchschauen! Würden Sie mich jetzt sofort töten, oder würden sie versuchen, mich in den Wahnsinn zu treiben?

Ich verkroch mich nur noch in meinem Zimmer. Vielleicht hörte ich manchmal zu laut Musik. Ich hatte mich von der Tochter meines Mitbewohners zurück gezogen. Schließlich zitierte mich dieser ins Wohnzimmer: "Ich muss mit dir sprechen."
"Ja, bitte?"
"Ich kündige dir das Zimmer. Du hast einen Monat Zeit, dir etwas Neues zu suchen. Ich habe ein Kind; das musst du verstehen."
"Ist in Ordnung", sagte ich und ging in mein Zimmer.
Ich überlegte. Was war jetzt zu tun? Ich musste eine neue Wohnung finden. Auf keinen Fall mehr WG. Eine Ein-Raum-Wohnung. Ich begann, den Wohnungsmarkt zu studieren und rief auch sofort ein paar Vermieter an. Schon am übernächsten Tag hatte ich einen Besichtigungstermin am Ostrand von Berlin. Ich fuhr mit den Öffentlichen an die Haltestelle, die ich gegoogelt hatte, und lief und lief. Da war eine lange Straße, gesäumt von Schrebergärten. Doch weit und breit keine Wohngebäude. Ich lief mir die Füße wund und war schon zu spät dran. Die Nummer des Vermieters hatte ich nicht mit, also konnte ich auch nicht anrufen. Nachdem ich ohnehin schon 20 Minuten zu spät zum vereinbarten Termin gewesen wäre, gab ich auf. Ich lief die ganze Strecke zurück und stieg in die S-Bahn. Es hatte alles keinen Sinn. Sogar meine Versuche, eine neue Wohnung zu finden, wurden sabotiert. Ich war obdachlos. Wieder zu Hause - noch hatte ich ein Zu-Hause -, beschloss ich nach Erkner zu fahren. Dort wohnte der Büroleiter, der so verliebt in mich gewesen war. Vielleicht würde der mir helfen. Ich ging zum U-Bahnhof, um eine Station der S3 zu erreichten. Auf dem Weg zur U-Bahn fiel mein Blick auf den Knopf einer Ampel, den man drücken musste, damit die Ampel früher oder später mal grün wurde. Das war nicht irgendein Knopf. Das war der Knopf, mit dem ich die Welt auslöschen würde. Würde ich diesen Knopf drücken, gingen sämtliche Atomwaffen der Erde hoch. Ich selbst würde mit drauf gehen. Ich überlegte mir noch, ob ich drücken sollte. Sollte ich das wirklich tun? Aber es war meine Bestimmung! Ich drückte Knopf. Es passierte erst mal nichts. Ich überquerte die Straße und ging zur Haltestelle. Hatte ich mich schon wieder geirrt? Vielleicht besser so. Das dachte auch ein fremder Mann, der sich, als ich auf dem U-Bahnhof auf einer Bank saß, über mich beugte, so dass ich seinen Atem auf der Kopfhaut spüren konnte und flüsterte: "Gut, dass du nicht so eine Macht hast!" Starr vor Schreck bannte ich meinen Blick auf die Werbung über den Gleisen. Dann drehte ich mich doch um. Der Mann war verschwunden.
 Endlich in der S3 nach Erkner lachten die anderen Fahrgäste über mich: "Guck dir mal die Alte an! Haha! Denkt, der Typ würde ihr helfen! Dir hilft niemand, Kleines!"
Am Ostkreuz stieg ich verwirrt wieder aus. Das hatte also auch keinen Sinn. Auf einmal kam ein Mann Mitte 30 auf mich zu: "Kann ich dir helfen? Dir geht's wohl nicht gut?"
"Nicht so gut", sagte ich, erneut verwirrt.
"Komm", sagte der pockennarbige Mann, "ich kaufe dir erst mal einen Kaffee!"
Wir gingen zu einem der Verkaufsbuden und ich bekam den versprochenen Kaffee. Dann sagte der Mann: "Komm, ich zeig dir was". Er führte mich vom Bahnhofsgelände auf ein verwahrlostes Gelände, wo mitten auf der Wiese ein ausrangierter Sessel stand. "Setz dich", sagte er.
Ich setzte mich. Der Mann zog mir die Hose aus. Ich wehrte mich nicht. Ich heulte. So weit war es also gekommen. Jetzt war ich offiziell Prostituierte. Ich heulte an der Schulter des Mannes und wollte nicht damit aufhören. Mein Glück, vielleicht. Mit mir war nichts anzufangen. Er gab mir zwei Fünf-Euro-Scheine und ging. Ich hatte zehn Euro verdient. Ich war ratlos. Mein Portemonnaie und auch die Schlüssel hatte ich zu Hause gelassen. Schließlich war ich jetzt obdachlos. Aber ich hatte auf ehrliche Weise zehn Euro verdient. Ich ging einen Kaffee trinken. Mir fiel nichts besseres ein, also fuhr ich nach Hause. Ich klingelte. Mein Mitbewohner öffnete. "Sorry", sagte ich, "ich habe meinen Schlüssel vergessen." Ich ging in mein Zimmer und schlief.

Mitte Mai waren die Nächte noch kühl, wusste ich was zu tun war. Ich war obdachlos. Obdachlose hausten auf der Straße. Also musste ich auch lernen, auf der Straße zu leben. Wiederum ließ ich Geldbeutel und Schlüssel zu Hause und fuhr in den Tiergarten. Sicher wohnten Obdachlose im Tiergarten. Ich streunte durch den Tiergarten und es wurde Abend. Die Nacht würde ich nicht überleben. Es war alles so furchtbar. Aber was sollte ich tun? Und da, mal wieder, ein Einfall!
Spontan fiel mir Hermann Hesses Glasperlenspiel ein. Der Magister Ludi wollte doch am Ende des Buches ein Wettschwimmen mit seinem jungen Schüler machen und starb an Herzversagen. Das war's! Ich würde in einen Teich springen und einen Herzinfarkt erleiden. Dann wäre endlich alles vorbei.
Ich fand sogar einen Teich, oder vielmehr, einen kleinen Tümpel. An dessen Rand befand sich ein Steg.  kletterte auf das Geländer. Dort stand ich nun. Ich hatte das dumpfe Gefühl, dass mich jemand beobachtete. Ich drehte mich um. Und, tatsächlich, dort stand einer, blondgelockt und ganz in weiß. Die Arme über der Brust verschränkt, signalisierte er mir: 'Na, und? Springst du?'
Ich sprang.
Dummerweise starb ich nicht. Dafür war es wohl Mitte Mai einfach nicht mehr kalt genug. Klitschnass bis auf die Knochen, mit meiner ganzen Oberbekleidung und den Turnschuhen, kletterte ich aus dem Tümpel. Ich war nicht gestorben.
Ich irrte nun klitschnass durch den Tiergarten. Irgendwann, es war schon dunkel, war ich müde und setzte mich auf eine Bank. Es kam eine Gruppe Geschäftsmänner vorbei. Sie ignorierten mich. Es wurde langsam wirklich kalt, doch ich war nicht sicher, ob ich den Tiergarten verlassen dürfte. Immerhin war ich obdachlos und auch für Subjekte wie mich gab es Regeln. Niemand würde mich in der Stadt haben wollen. Ich durfte den Tiergarten nicht verlassen.
Es wurde so bitterkalt, dass ich mich doch immerhin an den Rand des Tiergartens traute. Dort war eine Telefonzelle. Ich hockte mich darin hin und versuchte, mich aufzuwärmen. Ich war immer noch nass. Es half nichts, ich wurde nicht wärmer. Ich musste laufen. Also ging ich die Tiergartenstraße entlang, bis ich vor der Indischen Botschaft zum Stehen kam. Das war es also! Ich war im ewigen Kreislauf der Wiedergeburten gefangen und musste für meine Sünden büßen! Bestimmt hatte ich in vergangenen Leben so viel Schlimmes angerichtet, dass ich jetzt so leiden musste.
Ich dachte an den Dalai Lama, der gesagt hatte, dass man sich innerhalb seiner Zivilisation zurecht finden müsse und nicht irgendwelche Philosophien aus fernen Weltgegenden adoptieren müsse. Ich begann zu beten: "Liebe Gott! Wenn es dich wirklich gibt, sage mir, ob ich diesen verdammten Tiergarten verlassen darf?"
Kaum zu glauben, aber der Himmel tat sich auf. Über dem Firmament war auf einmal ein Scheinen, welches ich als Bestätigung empfand. Ich ging auf das Ende der Tiergartenstraße zu, wo sie die Ebertstraße kreuzte. Ich konnte schon das Brandenburger Tor sehen. Ich war mir noch nicht so recht sicher, ob ich den Tiergarten wirklich verlassen dürfte, da fuhr gerade ein Polizeiauto vorbei. Ich erschrak, doch sie ignorierten mich. Also ging ich zur nächsten U-Bahn-Station, um mich aufzuwärmen.
Schließlich entschied ich mich, es noch einmal mit dem vergessenen Schlüssel bei meinem Mitbewohner zu versuchen. Als Zwischenlösung. Aber es war erst fünf Uhr früh. Ich fuhr ein bisschen mit der U-Bahn durch die Stadt, bis ich gegen sieben in die U7 stieg, um nach Hause zu fahren. Es kamen Konstanzer Straße, da war der U-Bahnhof rot. Konstanz war der Geburtsort meines Vaters, der eine rote Socke gewesen war. Es kam der Bayerische Platz, der war weiß-blau, na klar. Es kam die Eisenacher Straße, die war grün. Klar, dass Luther ein Grüner gewesen wäre. Es hatte alles eine Bedeutung - Naziarchitektur. An der Yorckstraße setzte sich mir gegenüber ein bartstoppeliger Türke hin und meinte augenzwinkernd: "Na, lange Nacht gehabt?" und zeigte auf meinen Schritt. Meine Hose war dort immer noch nass.
Gegen halb acht traute ich mich, zu klingeln und mein Mitbewohner ließ mich ein. Ich rief meinen Freund im Wedding an.

Er sagte, ich dürfte vorbeikommen. Da überspülte mich eine Welle der Dankbarkeit. Diesmal nach ich Personalausweis und Schlüssel mit. Als er mir die Tür aufmachte, erschrak ich gleich nach dem Eintreten. Er hatte seine Wohnung verändert. Bett und Sofa waren verschoben und gleich rechts neben der Tür zum Wohnraum war ein Bild aufgehängt. Das Bild war komplett schwarz mit einem schwarzen Rahmen. "Das ist meine Seele", dachte ich bestürzt. Mein Ex hatte mich erkannt, was ich wirklich für eine war.
Er beruhigte mich, indem er erklärte, dass er die Wohnung nach meinem Schluss-Machen umgeräumt hätte. Wir rauchten erst mal zusammen einen Joint. Dann legten wir uns hin. Ich fragte mich, wann die Männer kämen. Sicher wollte er mich verkaufen und an mir Geld verdienen. Ich war unruhig und konnte nicht liegen. Dann lieber gleich dem Feind ins Gesicht sehen!
Ich rannte nackt auf die Terrasse. Weil ich davon ausging, dass mein Freund die Weddinger Ghetto-Jugend herbei bestellt hätte, um sich an mir zu vergehen. Mein Freund holte mich von der Terrasse zurück. Sanft sprach er auf mich ein wie auf ein krankes Ross. Es half nichts. Mein Blick fiel wieder auf das schwarze Bild und ich wusste, dass ich in der Vorhölle gelandet war. Hinter der Badezimmertür loderte das Fegefeuer. Ich brauchte nur einzutreten, um mich endlich meinem Schicksal zu ergeben. Ich öffnete die Badtür einen Spalt breit und sah - weiße Fließen.
Schließlich sagte mein Freund: "Komm, wir gehen spazieren!"
Also gingen wir spazieren. Mein Freund telefonierte ständig mit seinem Handy. Ich nahm an, dass er seine Freunde benachrichtige, dass er mich hatte. Erst musste er noch zu seiner Bank. Ich ging mit in den Schalterraum. Auf dem Boden war ein Oval gezeichnet. "Wie die Ringbahn", dachte ich, "diesen Kreis darf ich auch nicht mehr verlassen. Residenzpflicht für Obdachlose!"
Mein Freund führte mich auf einen U-Bahnhof. Da war eine Bank. "Die kalte Treppe", dachte ich und begann meine Stiefel auszuziehen. Gleich würden die Ghetto-Kids kommen, um mich auf der kalten Treppe von hinten zu nehmen. Mein Freund redete mir zu: "Komm, zieh deine Stiefel wieder an. Es ist nichts!"
Ich wusste nicht warum, doch mein Freund betrat mit mir ein Krankenhaus. Dort wurden wir abgewiesen. Mein Freund telefonierte schon wieder und ich versuchte wegzulaufen, halbherzig freilich. Er unterbrach kurz sein Gespräch und rief mir zu: "Bleib hier! Ich komme gleich!"
Ich überlegte mir, dass es keinen Sinn hätte, wegzulaufen; ich müsste mich ohnehin früher oder später meinem Schicksal ergeben. Also blieb ich.
Wir mussten noch einmal U-Bahn fahren, aber dann waren wir in der Notaufnahme der Charité. Mein Freund meldete uns an und wir mussten in einem Warteraum warten. Ich wollte alles so schnell wie möglich hinter mich bringen, also begann ich nach einer dreiviertel Stunde zu poltern: "Wo sind wir hier eigentlich? Kommen wir vielleicht mal endlich dran?"
Endlich wurden wir in ein Sprechzimmer vorgelassen. Ich musste mich auf eine Bahre legen und eine junge Medizinerin im weißen Kittel befragte mich: "Hatten sie eine schwere Kindheit?"
"Nein", sagte ich, in der Überzeugung, alles nur noch schlimmer zu machen. Sollten sie mich doch gleich, ohne Umstände, töten!
Die junge Ärztin kramte in ihrem Kittel und holte reichlich Zettel hervor. Und da wusste ich: Ich war in der Zeit gereist. Das war die Tochter meines Mitbewohners als Erwachsene. Durch meine Einmischungen war sie verwirrt worden. Daher all die Zettel!
Die Ärztin sagte, wir könnten mitkommen. Es dauerte nur einen Augenblick. Mein Freund begleitete mich nach draußen. Es regnete in Strömen. Vor der Tür stand ein Krankenwagen. Ich kletterte hinein und setzte mich auf einen Sitz. Jetzt würde ich in den Untergang abtransportiert werden. Mein Freund und ein dazu geeilter Pfleger überredeten mich, wieder auszusteigen. Wir warteten. Die junge Ärztin kam wieder und mit Regenschirmen bewaffnet überquerten wir ein Gelände zu einem Gebäude aus Backstein. Ich wurde auf Station 3 abgeliefert. Mein Freund sagte Gute Nacht und überließ mich der Nachtschwester.
Die Nachtschwester führte mich zu einem Bett in einem Vier-Bett-Zimmer und sagte, dort könnte ich schlafen. Ich bekam Pillen zum Einschlafen. Ich lag die ganze Nacht lang wach und wartete auf die Vergewaltiger. Ich war in einem modernen KZ gelandet.
 Am nächsten Morgen war noch immer kein Vergewaltiger gekommen. Ich kann mich an die nächste Woche gar nicht erinnern. Ich bekam jede Menge Pillen und durfte ansonsten schlafen.
Eines Tages meinte die Stationsschwester: "Heute gehen Sie mal mit zur Psychoedukation!"
"Was ist das?" fragte ich vorsichtig.
"Da wird Ihnen erklärt, was es mit Ihrer Krankheit auf sich hat".
Ich hatte also eine Krankheit. Irgendwie leuchtete mir das ein. Es war ein böser Spuk gewesen. Es waren keine Vergewaltiger gekommen. Ich war in einem Krankenhaus. Und auf der Station war es ruhig und weiß. Außer das Bild über meinem Bett, das beunruhigte mich. Über jedem Bett hing ein Bild, das mal von einem Vorgängerpatienten gemalt worden war. Meine Zimmernachbarin hatte eine Nachbildung von Salvador Dalís "Zeit". Ich hatte nur wildes Gekritzel mit einem kleinen, geschlossenen Kreis in der Mitte. War das ich?
Ich ging zur Psychoedukation. Als das Wort "Schizophrenie" fiel, stand ich auf und verließ den Raum.
Ich ging zurück in mein Zimmer, wo die andere Zimmergenossin auf ihrem Cello übte. Ich legte mich aufs Bett und bemühte mich, ganz aufmerksam zuzuhören. Und tatsächlich, meine Aufmerksamkeit schien etwas zu bringen - sie spielte besser.
"Weißt du", erzählte sie mir nach ihrer Übungsstunde, "Ich dachte erst, als du nachts eingeliefert wurdest, du seist eine höher Tochter. So, mit deinen Stiefeln und dem Röckchen...!"
Ich lachte: "Nein, ich habe nur guten Geschmack."
Mein Freund besuchte mich regelmäßig. Einmal brachte er mir ein Marmeladenglas mit Erde mit.
"Darin sind Samen", erklärte er, "da wird eine Sonnenblume wachsen".
Es vergingen einige Wochen und die ersten Triebe zeigten sich. Die ewig zynische Mitpatientin mit dem Cello meinte: "Das wird keine Sonnenblume; das wird irgendetwas anderes!"
Es wurde ein Kürbis und der machte mich froh.
Der Stationsarzt hatte mich gefragt, ob es in Ordnung sei, wenn er meine Mutter verständigte.
Überfordert von einer solchen Entscheidung sagte ich: "Ja, okay".
Also kam meine Mutter angereist. Ich begrüßte meine Mutter an der offenen Stationstür. Da stand sie. Die arme weit ausgebreitete, als wollte sie sagen: "Endlich verstehst du mich!"
Ich reichte ihr die Hand. Sie nahm sie nicht und stutzte. Gut, dann eben nicht, dachte ich mir, und drehte mich um. Zögernd folgte meine Mutter mir. Wir nahmen in zwei Sesseln auf dem Flur Platz.
"Was ist mir dir?" fragte meine Mutter fordernd.
Ich legte gleich los: "Du hast deinen Job gekündigt, als mein Vater gestorben ist. Dabei warst du 20 Jahre von ihm geschieden!"
Meine Mutter rechtfertigte sich: "Meine Kollegen haben auch gesagt, das ist völlig verständlich!"
Während des Gesprächs bleckte sie immer wieder die Zähne und fuhr die Zunge heraus. Sie leckte sich die Lippen. Ich imitierte sie. Sie sah es nicht.
Der Stationsarzt kam hinzu. Ich sagte: "Ich möchte diese Frau nie wieder sehen!"
Er fragte: "Ist es Ihnen recht, wenn ich mit Ihrer Mutter kurz alleine spreche?"
"Meinetwegen", sagte ich.
Ohne mich zu verabschieden, ritt meine Mutter danach vom Hof. Der Stationsarzt sagte zu mir: "Wollen Sie Ihre Mutter nicht wiedersehen. Sie ist extra nach Berlin gekommen. Sie könnten morgen etwas schönes zusammen unternehmen."
Schließlich gab ich klein bei. Am nächsten Morgen rief meine Mutter auf dem Stationstelefon an: "Ich möchte da nicht mehr hinkommen. Können wir uns irgendwo in der Stadt treffen?"
"Entweder du holst mich ab oder es gibt gar nichts", antwortete ich.
Die Mutter holte mich ab. Ich führte sie zum Hackeschen Markt, wo wir Kaffee tranken. Wir hatten uns nichts zu sagen. Als der Kellner kam und fragte: "Zusammen oder getrennt?" reagierte meine Mutter nicht. Also sagte ich: "Getrennt, bitte".
Auf dem S-Bahnhof ließ ich sie stehen: "Du weißt ja, wie du nach Hause kommst."
In der Klinik fragten sie mich, wie es weiter gehen sollte. Ich sagte: "Ich muss eine Wohnung finden. Ich habe momentan keine".
Mein Freund hatte meinen wenigen Krempel bei meinem Mitbewohner abgeholt und bei sich im Keller verstaut. Freilich hatte er mir angeboten, dass ich bei ihm wohnen könnte, doch das war mir zu viel. Ich musste eine Wohnung suchen. Ich begann Wohnungsanzeigen zu studieren und hatte sogar Ausgang, da ich auf einer offenen Station war, doch ich kam nicht zurecht und fand keine Wohnung.
Nach bereits einigen Wochen in der Klinik - ich hatte nach den Therapien Ausgang - fuhr ich in die Stadt, um mich ein wenig abzulenken. Ich machte eine Brückenfahrt mit dem Boot. Dabei kamen wir auch am Kanzleramt vorbei und der Kommentator erklärte: "Das wird von den Berlinern liebevoll "die Waschmaschine" genannt".
Für mich war das keine Waschmaschine, für mich war das das zweite Orakel aus Michael Endes 'Die unendliche Geschichte' - der Spiegel. Das brachte mich auf die Idee, dass ich selbst in der unendlichen Geschichte gefangen sei. Ich weiß nicht wieso, aber das brachte mich weiter auf die Idee, dass ich nach Tempelhof zum Gasometer fahren müsste, um mich von dort hinunter in den Tod zu stürzen.
Ich stieg an der S-Bahn-Station Tempelhof aus und fand den Gasometer nicht. Ich fand ihn einfach nicht. Ich war schon müde. Also beschloss ich nach Kreuzberg zu fahren und den Büroleiter meiner früheren Arbeitsstelle aufzusuchen. Ich klingelte bei F & M Trials und der Büroleiter sagte mir, ich sollte in der Kneipe nebenan auf ihn warten.
Das war eine indische Kneipe mit jeder Menge Ornamente an der Wand. Ich verlor mich darin. Und wusste, der Büroleiter würde mir auch nicht weiter helfen. Wir waren um 18:00 Uhr verabredet. Um 17:59 Uhr verließ ich die Kneipe und machte mich zu Fuß auf den Weg, Richtung Norden.
Unterwegs traf ich auf eine Polizeistreife. "Die Polizei!", dachte ich, "ich muss meinen Frieden mit ihr finden!"
Ich sprach eine Polizistin an: "Ich bin aus der Klapsmühle entlaufen. Jetzt bin ich müde. Können Sie mich dort hin bringen?"
Polizistin antwortete ohne mit der Wimper zu zucken: "Ich habe hier noch zu tun. Setzen Sie sich mal in den Wagen!"
Ich war so müde. Dort auf dem Autositz war es gemütlich. Doch gleich kamen wieder Gedanken: "Das bringt doch nichts. Du machst dich nur lächerlich!".
Ich stieg aus und stahl mich ungesehen davon. Das mit dem Gasometer hatte nicht geklappt. Was sollte ich tun? Zurück nach Hause. Zu Hause war momentan die Klinik. Also legte ich den Weg von dort in die Charité zu Fuß zurück. Als ich ankam, war das Abendessen schon vorbei und ich total erschöpft. Ich erzählte der Stationsschwester von meinem Ausflug. Am nächsten Morgen war die Stationstür verschlossen. "Nanu", frage ich den gerade vorbei eilenden Stationsarzt, "Was ist hier schon wieder los?"
"Das ist wegen Ihnen", entgegnete er freundlich.
Ich war verdutzt und hatte erst mal keinen Ausgang mehr.

Schließlich musste ich zum Sozialpsychiatrischen Dienst. Der freundliche Herr vom sozialpsychiatrischen Dienst forderte mich auf: "Erzählen Sie etwas über Ihre Kindheit"
"Nicht schon wieder", empörte ich mich, "Ich bin es leid. Ich mag nicht mehr!"
"Aber nur so können wir Ihnen helfen", insistierte der Mann.
Also erzählte ich.
Schließlich wurde mir eine Sozialarbeiterin zur Seite gestellt. Die sollte mich in ein Frauenhaus für obdachlose Frauen in Kreuzberg begleiten. Sie sagte, sie fände mich toll. Ich mochte sie und fand sie sehr kompetent. Am Ende stellte sich heraus, sie war 'nur' Praktikantin.
Jedenfalls, wir fuhren in das Frauenhaus, wo ich mich vorstellen sollte. Die Dame im Frauenhaus war sehr freundlich. Sie fragte allerhand Daten ab. Ob ich geschieden sei, ob ich Kinder hätte, ob ich verschuldet sie. Ich musste alles verneinen. Doch ich wurde zugelassen.
Auf dem Rückweg meinte die Sozialarbeiterin verschwörerisch zu mir: "Mensch, ich glaubte schon, die nehmen Sie nicht, weil Sie nicht genug Probleme haben!"
Sie hatten mich genommen. Am nächsten Donnerstag sollte ich in das Frauenhaus ziehen.