Ich bezog also meine 25 Quadratmeter im Frauenhaus in Kreuzberg. Die Unterbringung war so gestaltet, dass es im Erdgeschoß einen Aktivitätenraum gab und die Büros der Sozialpädagoginnen. In den vier darüber liegenden Stockwerken befanden sich je drei schnuckelige, kleine Wohnungen mit Kochnische und Bad. Die Wohnungen waren abschließbar. Jede der Bewohnerinnen hatte ihren eigenen Raum.
Mittwochs lieferte die Berliner Tafel mehrere Körbe mit Gemüse, Obst und Brot. Ob ich kochen könnte, wurde ich gefragt. "Freilich", sagte ich und schnappte mir sofort ein paar Tomaten, Zucchini und Paprika. Bei Aldi kaufte ich noch ein paar Schinkenwürfel und kochte mir eine feine Minestrone. Meine Betreuerin war ganz begeistert: "Weißt du, viele Frauen, die zu uns kommen, sind nicht mal in der Lage, sich ein Spiegelei zu braten."

Lustige Bewohnerinnen gab es da schon. Da war eine 23jährige, die die Grundrechenarten nicht beherrschte und das Alphabet auch nur mühsam aufsagen konnte. Da war eine, die immer einen rosafarbenen Sweater und Glitzerschminke trug, bereits vier Kinder hatte, die alle irgendwo untergebracht waren und schon wieder schwanger war. "Es ist einfach toll, schwanger zu sein", erklärte sie mir, "Da wird einem in der U-Bahn immer ein Sitzplatz angeboten." Wie diese Hartz-IV-Empfängerin zu Geld kam, weiß ich nicht, aber eines Tages präsentierte sie uns die Narbe an ihrem Bauch, wo sie sich das Fett hatte absaugen lassen. Da gab es eine 180 kg schwere Frau, die immer mit einem Quizbuch von Günther Jauch unter dem Arm herumlief und erklärte, dass sie damit ihr Abitur nachholen wollte. Sie hatte nicht mal einen Hauptschulabschluss. Irgendwann rollte sie ganz aufgeregt in den Aufenthaltsraum und flehte uns an: "Bitte, ihr müsst meinem Freund, den ich im Internet kennen gelernt habe, sagen, dass ich an Krebs gestorben bin!"
"Warum das denn?", wollten wir wissen.
"Naja, ich habe ihm geschrieben, dass ich 1,80 m groß bin und 60 kg wiege. Jetzt will er mich besuchen kommen!"
Dienstags war Bastelstunde mit einer Sozialpädagogin und am Mittwoch Kochen mit einer weiteren. Besonders das gemeinsame Kochen mochte ich sehr. Ich lernte sogar noch ein paar Gerichte, die ich noch nie zubereitet hatte. Einfache, kostengünstige Gerichte, wie etwa Senfeier.

Nach wenigen Tagen schon konfrontierte ich meine Betreuerin mit dem Wunsch, mich bewerben zu wollen. Ob ich den Computer benutzen dürfte?
"Ich halte das für keine gute Idee", meinte die Betreuerin, "du hast gerade erst eine massive Psychose hinter dir. Du solltest dich ausruhen. Gehe ein bisschen in den Garten und lege dich in die Sonne!"
Ich wollte mich aber nicht in die Sonne legen. Ich war unruhig. Ich wollte partout kein Sozialfall wie meine Mutter werden. Warum sollte ich nicht arbeiten?

Also ging ich bald täglich in ein Internetcafé um die Ecke und schrieb Online-Bewerbungen an Zeitarbeitsfirmen. Endlich hatte ich ein Vorstellungsgespräch. Für ein großes multi-nationales Unternehmen sollte ich eine Datenbank mit Verträgen füttern, die für eine Auswertung für den Steuerprüfer gebraucht wurden. Der Anfahrtsweg war lang, weil das Unternehmen seinen Sitz am Rande von Berlin hatte, aber das machte mir nichts aus. Ich hatte eine nette Kollegin, die auch über die Zeitarbeit an diese Stelle gekommen war. Sie war Studentin und musste einen Teil ihrer Lebenshaltungskosten selbst bestreiten. Nach wenigen Wochen schon war das Projekt beendet. Man war zufrieden mit mir und mein Vorgesetzter vor Ort schlug vor, mich weiter zu beschäftigen.

Ich könnte im Rahmen der Zeitarbeit, den externen Wirtschaftsprüfern als Assistentin zur Seite stehen. Ich nahm dankend an und freute mich. Doch schon der erste Tag war eine Katastrophe. Da waren diese geschniegelten und gelackten Anzug- und Krawattenträger von der Wirtschaftsprüfung und der In-House-Projektleiter, den ich unterstützen sollte. Der feige Projektleiter gab mir keine Arbeitsanweisungen und sprach nur einmal mit mir: "Morgen musst du im Anzug kommen. Die Wirtschaftsprüfer sind da empfindlich. Mich haben sie auch gleich zur Sau gemacht, weil ich am ersten Tag keine Krawatte trug."
Ich hatte Stoffhosen und eine Bluse an. Woher, zum Teufel, sollte ich mit einem Nettogehalt von 750,00 € einen oder gar mehrere Anzüge hernehmen? Also kam ich am nächsten Tag wieder in einer ordentlichen Stoffhose und einer Bluse. Ich wurde prompt hinausgeworfen.
Ich war deprimiert. Tapfer ging ich weiter in das Internetcafé und schrieb Bewerbungen, leider mit nur mäßigem Erfolg. Ich hatte ein paar Vorstellungsgespräche, aber daraus wurde nichts, obwohl ich jetzt meine Krankheit verschwieg. Ich hatte keine relevante Berufserfahrung. Meine Betreuerin meinte: "Ich hab’s kommen sehen“.

So saß ich zu Hause und mochte nicht mehr raus gehen. Ich hatte mir von meinem Freund meinen Computer bringen lassen und schrieb meine Psychoseerfahrung auf. Eine ausfüllende Beschäftigung war das auch nicht. Irgendwann war ich so verzweifelt, dass ich zwei unterschiedliche Apotheken aufsuchte und jeweils um das stärkste frei verfügbare Schlafmittel bat. Am Nachmittag sollte ich noch mein wöchentliches Gespräch mit meiner Betreuerin haben. Das würde ich noch durchziehen und dann in meiner Wohnung die zwei Packungen Schlaftabletten einnehmen. Ich würde mir ein Geschirrtuch in den Mund stopfen und dieses mit Klebeband befestigen, so dass ich, sollte ich mich übergeben müssen, wenigstens an meinem Erbrochenen erstickte. Als die Betreuerin klingelte, war ich schweigsam und mürrisch. "Dir geht es heute nicht so gut, oder?", fragte sie.
Wir gingen in den Görlitzer Park und ließen uns auf einer Wiese nieder. Da rückte ich mit der Sprache heraus: "Ich habe mir Schlaftabletten gekauft. Ich mag nicht mehr!"
Wieder im Frauenhaus musste ich der Betreuerin die Tablettenpackungen aushändigen. Dann verfrachtete sich mich in ihr Auto und fuhr mich in das Krankenhaus. Dort wurde mir eine postpsychotische Depression diagnostiziert. Zu dem Neuroleptikum, das ich eh schon nehmen musste, wurde ich noch mit einem Anti-Depressivum und Lithium vollgestopft. Ich wurde weitestgehend in Ruhe gelassen und flüchtete mich in den Schlaf. Nach drei Wochen sagte ich, ich hätte genug und wollte entlassen werden. Die Ärzte fanden das nicht gut und überredeten mich, wenigstens in die Tagesklinik zu gehen. So fuhr ich denn jeden Morgen mit dem Bus vom Frauenhaus in die Tagesklinik, wo ich mich auch nur auf einem Sessel zusammen rollte und schlief.
Es wurden eine Reihe Tests mit mir gemacht. Nach einem solchen Test zitierte mich die Stationsärztin in ihr Sprechzimmer, sah mich ganz erstaunt an und verkündete: "Sie sind überdurchschnittlich intelligent!"
"Aha", sagte ich, drehte mich um und ging. Meine Mutter war ein Sozialfall, der kleine Bruder hatte nicht einmal einen Schulabschluss, es hatte nie jemanden auch nur einen Scheißdreck interessiert, was aus mir würde. Dennoch hatte ich Fachabitur gemacht und studiert. Ich weiß bis heute nicht, wie hoch mein IQ ist.

Nach sieben weiteren Wochen reichte es mir und ich entließ mich selbst aus der Tagesklinik. Hatte ja doch keinen Zweck. Immerhin sahen meine Betreuerin und ihre Kolleginnen ein, dass ich im Gegensatz zu so vielen anderen aus ihrem Erfahrungshorizont wirklich arbeiten wollte. Also schlugen sie mir vor, an einer Weiterbildung für psychisch Kranke teilzunehmen. Ich ließ mich darauf ein.
Ich sollte den PC-Führerschein machen. Mit mir im Kurs war eine Jurastudentin, die kurz vor ihrem Examen aufgrund ihrer Depression abgebrochen hatte. Nun wollte sie sich komplett umorientieren. Die war es auch, die sich bald über mich beschwerte: "Die kommt später und geht früher. So kann ich nicht arbeiten!"
Der Chefpsychologe bat mich um ein Gespräch und erklärte mir, dass sich die anderen durch mein Verhalten beleidigt fühlten. Mir war das wurscht. Ich nahm an der nächsten Prüfung teil und bestand - in der Hälfte der veranschlagten Zeit.  Nun musste ich noch zum Abschlussgespräch bei dem zerknitterten Chefpsychologen antreten. Er sagte: "Sie sind ja unheimlich schnell uns leistungsfähig. Ich würde sagen, Sie taugen tatsächlich für einen Behindertenwerkstatt!"
Just zu dieser Zeit rief mich der Büroleiter von F & M Trials  an. Er hatte sich selbständig gemacht als Freelance-CRA für eine große CRO. Er hatte sich ein Büro gemietete und wollte außerdem ein Büro für Bewerbungstraining aufbauen. Ob ich seine Sekretärin sein wollte?
"Wie sind denn die Bedingungen?" fragte ich.
"Naja, ich kann dir nicht viel zahlen. Maximal 1.000,00 brutto."
Ich beriet mich mit meiner Betreuerin. Sie riet mir unbedingt dazu: "Eine tolle Chance!"
Ich nahm das Angebot an. Nun fuhr ich jeden Morgen eineinhalb Stunden nach Erkner, arbeitete meine 40 Stunden und hatte unterm Strich 700,00 € netto. Aber es war eine Chance.

Im Frauenhaus konnte man maximal ein Jahr bleiben, also suchte ich mir eine schnuckelige Zwei-Raum-Wohnung in Neukölln. Ich hatte den Fehler gemacht, mein Geld zusammen zu halten. Von meiner steuerfreien Arbeit bei F & M Trials hatte ich noch 2.000,00 € Erspartes auf dem Konto. Da sagte der Träger, ich müsste meine Außenbetreuung selbst finanzieren, bis das Geld aufgebraucht wäre. Also verzichtete ich dankend auf Betreutes Wohnen, durfte aber noch zur Koch- oder Bastelstunde ins Frauenhaus kommen.

Im Büro in Erkner beantwortete ich Queries und schrieb anhand von Unterlagen von Hesse/Schrader die Fragebögen für das Bewerbungsmanagement. Die letzere Arbeit war irgendwann erledigt und klinische Queries zu beantworten, gab - zeitlich gesehen - auch nicht allzu viel her. Ich begann, mich zu langweilen. Da ich aber meine acht Stunden pro Tag absitzen musste, studierte ich zahlreiche Artikel in der Wikipedia. Schließlich begann ich zu verschlafen. Drei Mal in Folge traf ich später als 09:00 Uhr ein. Mein Chef erteilte mir eine schriftliche Abmahnung. Da packte ich meine Tasche, gab den Schlüssel ab und kündigte. Erst ging ich auf das JobCenter und beantragte - mal wieder - Hartz IV. Dann kaufte ich mir eine Flasche Jägermeister und vier Beck's und ließ mich volllaufen.

Ich trank sowieso sehr gerne Bier und auch der Bratwurststand am Ostkreuz war immer einen Zwischenstopp wert gewesen. Zum Geburtstag hatte mir mein Chef einen 20-Euro-Gutschein für ein Bekleidungsgeschäft geschenkt. Inzwischen passte mir Kleidergröße 48. Kleidung bekam ich außerdem über die Kleiderspende im Frauenhaus. Doch eines Tages kletterte ich tatsächlich einmal auf eine Waage - 100 kg! Ich erlegte mir eine strenge Diät auf. Im Oktober hatte ich immerhin schon wieder 80 kg.
Beck's und Jägermeister - so ging das eine Woche lang, dann besann ich mich eines Besseren: Hatte ich nicht jetzt immerhin ein Jahr Berufserfahrung gesammelt, die ich in meinem Lebenslauf verkaufen konnte. Hatte ich nicht die Bücher von Hesse/Schrader studiert und wusste nun worauf es ankam?

Ich setzte mich hin und schrieb Initiativbewerbungen. Bei zahlreichen CROs bewarb ich mich um eine Stelle als CRA - Clinical Research Associate. Auch als Freelancer.
Schon bald ereilte mich ein Rückruf: "Ja, wir haben Interesse. Kommen Sie doch mal vorbei!"
Ich war weniger aufgeregt als gedacht. Ich hatte so meine Erfahrungen. Wenn es nichts würde, dann würde es halt nichts! Dennoch lief ich zu H & M und kaufte mir für 70,00 € einen Anzug.
Mein Interviewer war Österreicher und ich fand sofort eine Wellenlänge: "Da kennen Sie ja bestimmt Josef Hader! Ich komme ursprünglich aus Bayern und freilich haben wir auch den ORF empfangen. Ich liebe Josef Hader. Der beste deutschsprachige Kabarettist aller Zeiten!"
Ich war gar nicht aufgeregt, weil ich nichts zu verlieren hatte, und legte eine super 'Performance' hin.
Der Österreicher befragte mich über CRFs, die Deklaration von Helsinki und GCP. Ich kam ins Stocken. Was gehörte in einen Trial Master File? Ich nannte ein paar Dokumente, aber bei weitem nicht genug.

Fröhlich zog ich wieder von dannen. War immerhin ein nettes Gespräch gewesen. Ich hängte meinen Anzug wieder in den Schrank und gönnte mir erst mal drei, vier Bier.
Eine Woche später klingelte mein Telefon. Es war der Österreicher: "Also, wir glauben, dass ihre fachliche Qualifikation für eine Position des CRAs nicht ausreicht. Aber wir suchen händeringend einen Office Manager. Hätten Sie Interesse?"
Freilich hatte ich Interesse! Ich hatte keine Ahnung, was ein Office Manager war, aber das würde ich ja früh genug erfahren. Ich sagte zu. Gleich am nächsten Montag sollte mein erster Arbeitstag sein - als Office Manger, was immer das war! Ich würde schon zurecht kommen!
Bei der Gehaltsverhandlung im Vorstellungsgespräch hatte ich souverän gesagt, ich verlangte 35.000,000 € Jahresgehalt. Es blieb bei dem für die CRA-Stelle vorgeschlagenen Gehalt.
Ich bin noch heute Office Manger - und zwar mit Leib und Seele -, jetzt im fünften Jahr.

Mein neues Leben hatte 2008 begonnen.