In Teufels Küche

Submitted by andrea on Sun, 12/13/2020 - 12:40

Mit dem Missbrauch der Theozideefrage und der fortschreitenden Säkularisierung wurde der Glaube ins Private verwiesen, mit der Forderung an die Gläubigen, sich jeder weltlichen oder politischen Einschätzung zu enthalten.
Mit dem Verschwinden Gottes – und wenn wir ihn wie bei den Narcotics Anonymous als ‘Gott, wie ich ihn verstehe’ nehmen –ist freilich auch der Teufel verschwunden, was auch immer man darunter verstehen mag.
Mit der Aufweichung der Pole ‘Gut’ und ‘Böse’, Recht und Unrecht, wahr und falsch scheint alles verhandelbar zu werden. Damit wird ein Freiheitsbegriff geschaffen, der keine Entsprechung in der realen Welt hat. Das weckt Begehrlichkeiten, weil sich ausnahmslos jeder chronisch benachteiligt fühlt.

Die extremen Rechten sind mir sogar lieber als die extremen Linken. Jene machen immerhin keinen Hehl aus ihrer Gewaltbereitschaft, ihrem Herrenmenschentum, ihren Mitteln und Zielen.
Überflüssig, mich an den Rechten abzuarbeiten, ist deren Geisteshaltung doch allzu offensichtlich. Da weiß man gleich, woran man ist.

Der Appell an die Bequemlichkeit im Geiste. Der Appell an die niedersten Impulse. Das Insinuieren der Annahme von Machtlosigkeit, wo Handeln erforderlich wäre, als Entschuldigung in vorauseilendem Gehorsam. Abhängigkeiten schaffen, statt Selbstwirksamkeit zu fördern. Das Anbiedern an die Schwächsten mit dem Vorwand, ihnen helfen zu wollen, zeigt, wessen Geistes Kind die Linken sind, deren FÜHRER für sich beanspruchen, zu wissen, was gut für die Bedürftigen ist.
Aktivismus, oder vielmehr Aktionismus, wo langfristige Planung, Ausdauer und Geduld erforderlich wären. Gleichzeitig heimtückisch im Hintergrund agitieren, freilich in bester Absicht.

Double-Talk bzw. Double-Bind als Strategie führen zu Vewirrung. Die Verwirrten bedürfen dann der Führung, es herrschen Menschen über Menschen. Es herrschen Menschen über erlaubte und verbotene Gefühle, Sichtweisen, Überzeugungen.

Demokratie funktioniert nur, wenn die Regierenden, die Volksvertreter, das Volk respektieren, indem sie es bilden bzw. Bildung für alle zugänglich machen. Bildung ist ein wesentlicher Aspekt der Resilienz.
Auch hier babylonische Sprachverwirrung. Dass ‘Schreiben nach Gehör’ nicht funktionieren würde, sollte jedem halbwegs gebildeten Menschen klar sein. Aber nur noch ‘Kompetenzen’ zu fordern, statt Wissen, ist der Gipfel der Anmaßung. Ohne Wissen keine Kompetenzen. Und jede Gesellschaft, jedes Volk auf dieser Erde, auf den sieben Kontinenten, hat seine eigene Geschichte und damit seinen eigenen verbindlichen Wissenskanon. Erst in diesem Kontext kann man den Blick über den Tellerrand wagen, ohne zu verurteilen.
Die Parole der Besserwisser und Menschenkenner gebe ich als Losung gern zurück: Keine Macht den Doofen!

Den ganz ‘Sozialen’ sage ich, dass es das Ziel jeder sozialen Arbeit sein sollte, sich selbst überflüssig zu machen.
Diese fruchtlosen Diskussionen habe ich mit meiner Sozialarbeiterin in der Maßnahme für von Obdachlosigkeit bedrohte Menschen geführt, die mir in einwandfreier Projektion unterstellte, ich kreiste nur um meinen eigenen Nabel. Ihrer Weltanschauung wollte ich mich nicht anschließen – ich habe es nicht so mit Opportunismus –, was mich dazu veranlasste, ihr zu sagen, ich empfände sie voller innerer Widersprüche. Sie reagierte darauf mit der Aussage, sie spiegele nur meine eigenen inneren Widersprüche wider. Ein Totschlagargument. Dann berief sie sich darauf, dass sie ja ein paar Semester älter sei. Nun ja, diese zehn Jahre….
Schließlich, als sie meinen Argumenten nichts mehr entgegenzusetzen hatte, forderte sie ‘ein Recht auf Naivität’. Was gleichbedeutend ist mit ‘von nix eine Ahnung, doch zu allem eine Meinung’.
Kein Mut zu einer dezidierten Meinung, kein fester Standpunkt, kein Rückrat. Dafür Schuldzuweisungen, die Unterstellung von Arroganz. Für den, der in den intellektuellen Niederungen herumdümpelt, mag Niveau wie Arroganz aussehen. Bitte, gerne!

Weise ist nämlich, wem alle Dinge so schmecken, wie sie sind, sagt der Mystiker und Kirchenlehrer (der Heilige Bernhard). Der Volksmund will, dass sich über Geschmack trefflich streiten ließe. Mir für meinen Teil wollen die Süppchen, die sich politische Extremisten zusammen brauen, nicht schmecken.


Weil die Gegenpropaganda so vorhersehbar ist, schicke ich voraus, dass meine Art des ‘Querdenkens’, vielmehr des freien Assoziierens, voraussetzt, dass man gelernt hat, ersteinmal geradeaus zu denken. Ich habe das übrigens in der Schule gelernt: Dialektik. Von zu Hause habe ich das sicher nicht.

Der Kaiser ist nackt. Gebt dem Mann Kleidung, meinetwegen ein Ornat, oder Hermelin. Es ist doch kalt in der Hölle. Denn eher ist die Hölle zugefroren, als dass es gelungen wäre, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Der Teufel steckt im Detail, und dieses ist der Mensch.

Normal bi-polar

Submitted by andrea on Fri, 12/04/2020 - 11:13

Normal ist, was der Norm entspricht. Abweichungen dürfen gerne toleriert werden, auch ‘normal’ genannt werden. Es ergibt aber keinen Sinn, Randthemen einer Mehrheit gewaltsam aufzuzwingen, das erzeugt Widerspruch, wo er gar nicht nötig wäre. Kurioserweise behaupten Anhänger solcher Extreme, der ‘Normalo’ brauche Widerspruch.

Ich habe keine Ahnung, was ein ‘nicht-binärer’ Mensch sein soll. Ich bin weder homophob noch sonst irgendwas. Sicher gibt es Menschen, die sich geschlechtlich im falschen Körper fühlen. Wahrscheinlich so selten wie das Syndrom der Xeonomelie. Gender-Identität wird zum Modethema gepusht. Teenager laufen Gefahr, einen vorübergehenden Zustand als allgemeingültig für ihr Leben zu erachten. Ich kenne eine Transfrau und nehme sie als solche wahr. Also: Was ist ein ‘nicht-binärer’ Mensch? Heute so, morgen so? Für irgendwas sollte man sich dann schon mal entscheiden.

Dann füllt Esoterik, von Gurus propagiert, die Lücke, die die Säkularisierung hinterlässt. Anhänger solcher Schulen setzen ihre Theorien mit der akademischen Theologie gleich. Wie in der Homöopathie mit ihrer ‘Potenzierung’ wird schlichten Geistern eine Komplexität vorgetäuscht, die es nicht gibt.
Ich lese grundsätzlich keine Ratgeberliteratur. Am allerwenigsten solche von Karriereberatern, die mit ihrer Karriereberatung am Existenzminimum herumkrepeln.

In Streitgesprächen mit solchen Kandidaten wechseln diese munter den Referenzrahmen, wie es akademische Dünnbrettbohrer gerne tun und sich damit in der Beliebigkeit verstricken.
Ich habe ja momentan ein Untermietverhältnis im Rahmen der Wohnungslosenhilfe, wo es viele auch niedrigschwellige Angebote gibt, wo etwa keine Alkohol- oder Drogenabstinenz eingefordert wird. Wenn ich auf diesen Sachverhalt hinweise, heißt es von einigen in diesem System beschäftigten Personen, meine Hochschulbildung sei ein Privileg, das mir die Compliance ermögliche. Wenn ich mega frech behaupte, auch jemand mit geringer Schulbildung könne verstehen, dass die Miete gezahlt werden müsse, haut man mir das Totschĺagargument, dass Wohnen ein Grundrecht sein sollte und – natürlich – dass halt der Kapitalismus einfach scheiße ist, um die Ohren und unterstellt mir mangelnde Empathie.
Und auf eine Margarete Stokowski, die einem erklärt, dass das Problem mit der Obdachlosigkeit ‘ganz einfach’ zu beheben sei, habe ich gerade noch gewartet.

Das Go-Spiel, durch und durch binär, kommt gerne in Geniefilmen vor, unter anderem in ‘A Beautiful Mind’. Zu Beginn des Films spielen John Nash und ein Kollege. Der Kollege gewinnt, John Nash rastet aus, er habe doch perfekt gespielt! Der Kollege hatte mit Weiß begonnen. Wenn er auch perfekt gespielt hat, ergibt sich gezwungenermaßen, dass Weiß gewinnt. Ein Hoffnungsschimmer für mich, dass das Gute das letzte Wort hat. John Nash lernt mit seiner Psychose umzugehen, er verwirft die Annahme, irgendwie ‘besonders’ zu sein und unterrichtet Erstsemester.
Robin-Williams-Filme sind übrigens nur Wohlfühlkitsch. Höchstbegabt und das Fehlen jeder Impulskontrolle und ‘Du kannst nichts dafür!’ - kann mir keiner erzählen.
Selbstmord wegen eines väterlichen Wunsches nach einer ‘richtigen’ Karriere ist jetzt echt nicht so überzeugend. Künstler wird man nicht einmal unbedingt durch das Besuchen einer Kunstakademie, es gibt keine Erfolgsgarantie.
Ob sich Karl Marx, selbst der Herkunft nach aus der Bourgeoisie, berufen fühlte, das Proletariat zu befreien, weil er als Journalist und Philosoph in Preußen keinen Erfolg haben durfte, sollen andere bewerten. Immerhin, es ist ein Klassiker, dass ausgerechnet immer die Privilegierten die Benachteiligten retten wollen.
Unlängst in einer Berliner Tageszeitung das ‘Projekt’ eines ‘Künstlers’ über die afrikanischen Dealer in den Parks: Pappsilhoutten mit einem Zettelkasten dran, wo sich biografische Angaben zur Dealerperson finden. Auf den Inhalt will ich gar nicht eingehen. Jedoch: Pappsillhoutten aufstellen, ist nicht eimal Mittelstufenniveau.
Noch so ein verkannter Künstler, dieser mäßig begabte Postkartenmaler aus Braunau am Inn.

Heutzutage im TV Reportagen über Hartz-IV-Familien. Immerhin sei da Liebe, so die Reporterin. Will sie damit suggerieren, dass Familien, die ihren Kindern auch mal etwas zumuten, damit sie Impulskontrolle lernen und einen Willen zur Leistung entwickeln, so dass die Kleinen später im Leben zurecht kommen, ihren Nachwuchs nicht liebten?
Zum Schluss wird die sechzehnjährige Mutter zitiert, für sie gäbe es keinen Beruf, der sie mit Sinn erfülle, sie wolle nicht an der Kasse sitzen. Die Reporterin bestätigt die junge Frau. Ein Schlag ins Gesicht für alle Einzelhandeslkaufleute, die eine dreijährige Ausbildung absolvieren. Hier wie dort, unter dem Brennglas der Psychiatrie, gilt: Je dürftiger die Habenseite in der Leistungsbilanz, desto höher die Anspruchshaltung.

Mir fällt die Validierung im Rahmen der Psychotherapie in einer Welt, in der ein Donald Trump US-Präsident sein kann, schwer. Dem Mueller-Report begegnen russische Diplomaten mit Gaslighting, sie zählen Einmischungen auf und sagen dann: Sie glauben doch nicht, dass jemand so etwas macht?
Einen ähnlichen Trick hat mir meine Mutter verraten, als sie sich im Spaßbad an der Kasse damit durchsetzte, mich und meine Freundin, die wir völlig unterschiedlich aussahen und 15 Jahre alt waren, als 12-jährige Zwillinge zu verkaufen: Die Lüge muss nur dreist genug sein, dann glaubt keiner, dass jemand in der Art lügt.

In dem Film ‘Das Leben der Anderen’ wird in der Stasi-Hochschule gelehrt, die Staatsfeinde beteuerten ihre Unschuld durch Schreien und Toben. Wer leise sei oder gar schweige, zeige damit seine Schuld. Es ist genau umgekehrt. In all dem Geschrei um Benachteilung und Opferstatus, sind die, die richtig Dreck fressen mussten, längst verstummt.

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt und annimmt, dass der Wahnsinn Methode hat.

Hallo Sozialkönig!

Submitted by andrea on Fri, 06/05/2020 - 16:15

Hallo Sozialkönig!

Ich hätte da mal ein paar Fragen!

Warum hat das Jugendamt sehr zeitgeistig meine Mutter bei allen Misshandlungen begleitet?
Weil Frauen immer Opfer, Männer immer Täter sind?

Warum habe ich dennoch eine ganz hervorragende Schulbildung genossen, zuletzt an einer Fachakademie, deren Besuch ich aus BaföG, der kleinen Lebensversicherung meines Vaters sowie zwei Nebenjobs finanzierte?
Und da waren ein paar gehörige Watschn dabei. Als 16jährige hätte ich sicher die DKP gewählt, aus einer tatsächlichen, nicht vemeintlichen Benachteiligung heraus. Yay, Gott sei Dank gab es damals noch kein youtube, sonst hätte ich mich womöglich als Influencer versucht? Virtue signalling gibt es bei mir nicht. Statt dessen Tacheles:

Warum fällt es mir so schwer, zwei, drei Jahrzehnte später, mich aus diesem Sozialsystem wieder zu befreien? Ja, ich bin dankbar, dass ich diesen Platz im Betreuten Wohnen bekommen habe.
Aber, nein, deshalb will und werde ich mich nicht der links-grünen Agenda des Trägers anschließen.

Warum heißt es einerseits, ich sei schon allein durch meine ‘Ressourcen’ privilegiert, so dass an mich ganz anderer Maßstäbe herangetragen werden als an andere Bedürftige. Und warum heißt es sehr ideologisch andererseits: Wir sind alle gleich!

Ich habe Fachabitur und einen Hochschulabschluss. Und mir ist kein Zacken aus der Krone gebrochen, als ich im Altenheim arbeitete. Wäre mir eine glücklichere Karriere gelungen, wenn ich, wie es mein Therapeut andeutete, in Berlin statt in Bayern aufgewachsen wäre?
Ich denke eher nicht. Dann würde ich immer noch am Stammtisch von Arbeiterkind rumheulen, wie ungerecht das alles doch ist. Ich habe die besucht, also diesen Verein, erstens war ich denen mit meinem Staatsexamen nicht Akademiker genug, andererseits findet sich dort nicht ein einziger Ingenieur oder Naturwissenschaftler, nur Philosophen. Meinetwegen, sollen sie halt weiter philosophieren.

Die Bildungsexpansion war richtig und ist meines Erachtens vollendet genug. Eine vollkommene Chancengleichheit wird es nicht geben, außer wir machen alle Franziskas zu Chantals und alle Jonathans zu Kevins.

Heute fühlt sich grundsätzlich jeder benachteiligt und an allem sind die Lehrer schuld.
Außer halt bei Leuten wie mir früher, vor der Berentung, oder etwa bei meinem Bruder, der auf dem Bau arbeitet – diese Leute arbeiten halt. So wie seine Brudis Serkan, Volkan und Osman. Ist ja schön, dass kurzfristig immerhin die Einzelhandelskaufleute so viel Respekt abkriegen. Bravo!
Ein Hauptschulabschluss ist übrigens kein Makel. Ich habe selber einen.

Was ist das für eine Jugend, die in Sachen Umweltschutz an ihre Flower-Power-Großeltern anknüpft, keine eigenen Ideen hat, die resistent gegen Fakten und Sachzwänge ist und andererseits in der Coronakrise beklagt, die Jugend werde allein gelassen. Ja, was denn nun? Alles besser wissen, alles besser können, aber dann nach dem Staat schreien? Euer erstes ‘Trauma’, wie?
Eine Jugend, bei der sich Bundespräsidenten für die Solidariät in der Coronakrise bekanken müssen, um dann paternalitisch daherzukommen: Dafür tun wir jetzt auch was für’s Klima.
Verdammt, der Klimawandel ist menschengemacht und real, dagegen hilft aber kein Betroffenheitsgeheule, sondern allem voran technologische Lösungen in einem globalen Maßstab.
Und wieseo für etwas bedanken, was nicht nur schlicht und ergreifend Ordnungspolitik ist und darüberhinaus eine Selbstverständlichkeit!
Idealimus, auch mit Überschreitung der Grenzen zur Ideologie, ist ein Privileg der Jugend!
Diesen Idealimus zu instrumentalisieren ist, euphemistisch ausgedrückt, moralisch fragwürdig.

Ja, wir Deutsche sind nach 45 aufgerufen, alle Autorität in Frage zu stellen. Warum nicht?
Wenn die Frage halbwegs beantwortet ist, könnte man das Aufbegeheren ja auch wieder seien lassen, nicht? Vielleicht einfach mal ein Kompliment aus dem Ausland annehmen, Deutschland habe sein Vergangenheit gründlich genug aufgearbeitet. Ohne daraus messerscharf zu schließen, dass wir daher andere belehren dürften.
Was heute als Aufbegehren und Individualität gilt, ist auch sehr anschaulich dieses: Patienten, die sich zum wiederholten Male einer Suchtbehandlung unterziehen und meinen jeden verbindlichen Programmpunkt auf dem Therapieplan zu Tode diskutieren zu müssen, weil das ja auf sie nicht zuträfe oder sie das schon wüssten.
Harte Realität ist: Es gibt Dinge, die sind nicht verhandelbar!

Übrigens halte ich die Zurschaustellung von Gefühlen – namentlich Tränen bei einer Gedenkveranstaltung – im politischen Rahmen für mindestens grenzwertig. Ich wüsste ja nicht, was ich mit Tränen meinem Gegenüber signalisieren wollte: Ich leide mit dir! Ist das nicht eine Anmaßung?
Und an mir? Weil ich mir im Zweifel gar nicht so sicher sein darf, dass ich ganz bestimmt im Widerstand gewesen wäre?

Wir leben hierzulande in einer Wohlstandsblase und die wenigsten wissen es zu schätzen. Genauso wenig wie sie wissen wollen, welchen Schutzmächten dieser Wohlstand zu verdanken ist.

Ich bin in der Hölle groß geworden, einer Hölle im Paradies. Und ich weiß schon ganz genau, warum sich mein Ärger gegen das Helfersystem richtet. Weil dieses erstmal vom Kopf auf die Füße gestellt werden müsste, dann wäre es auch nicht so teuer! Bätschi!
Die Gleichung Wirtschaft = böse, sozial = gut geht nicht auf, nie und nimmer.

Auf die als solche beabsichtigte Suggestivfrage meiner Sozialarbeiterin – weil sich die Antwort ja verbiete – über den Umgang, den ich mit den Herrschaften vom Kotti pflegen würde (ich steige da nur aus, wenn es sich nicht vermeiden lässt), ist meine Antwort deutlich und eindeutig ausgefallen: Einsperren! Drogenhandel, also solcher Drogen, die verheerende Auswirkungen auf Körper und Geist haben: einsperren! Gewaltandrohung und Gewaltausübung: einsperren! Belästigung Unbeteiligter: einsperren! Je nach Schwere der Tat von entsprechender Dauer. Anstatt ausgerechnet in Berlin noch ein sogenanntes Anit-Diskriminierungsgesetz auf den Weg zu bringen.

Das Gleichgewicht der Kräfte verschiebt sich gerade global sehr stark. Mal abwarten, was von Deutschland, was von Europa übrig bleibt, wenn es im November dem POTUS gelingen sollte, die Mehrheit im Senat zu bekommen. Dann kann man ja immer noch Betroffenheitsbildchen auf facebook posten und darüber lamentieren, dass einem die Zukunft gestohlen wurde.

Tiananmen war ja nur gestern aktuell.

 

 

A wie anti

Submitted by andrea on Fri, 05/29/2020 - 12:08

A wie anti

Junge Menschen proben die Rebellion gerne in einer Anti-Haltung. Wann und warum hören sie – hoffentlich - auf damit? Weil sie erkennen, dass Antifa nicht reicht? Was haben sie dem entgegenzusetzen? Den Stalinismus? Wann erkennen sie, dass sie lediglich Stellvertreterkriege führen und die eigene vermeintliche Benachteiligung meinen?

Als Psychiatrieerfahrene will ich also heute die Anti-Psychiatrie unter die Lupe nehmen. Diese hat sich meines Erachtens meilentweit von ihrem ursprünglichen Anliegen entfernt.

Meine ureigene ganz persönliche Erfahrungen stellt dieses fest: Entgegen der Aussagen der Betroffenen über sich selbt, die 'eigentlich Normalen' zu sein, tummeln sich in den Akutstationen der Psychiatrie die wirklich unangenehmen Exemplare der Gattung Mensch, nicht alle, doch ein überproportional vertretender Teil. Die manchmal gar nicht unter einer extrem wirkenden Störung wie der Schizophrenie leiden, sondern vor allem oder in Verbindung unter dem, was Ärzte, die Menschen ohne Diagnose nicht durchgehen lassen wollen, als ‘Verbitterungsstörung’ oder ‘querulatorische Störung’ bezeichnen. Vielleicht ist diese Wahrnehmung dadurch verzerrt, dass oft ein oder zwei Chaoten, Querulanten, Aufwiegler reichen, um den ganzen Laden in ständige Alarmbereitschaft zu versetzen. Ich habe unterschiedliche Erfahrungen in Kliniken gemacht, wie mit solchen Umtrieben umgegangen wird - von der völligen Gleichgültigkeit und Gewährenlassen bis zu kompetentem, gesprächsintensivem Einschreiten.

Nein, nicht irre, wir behandeln nicht die Falschen. Es werden die Richtigen behandelt, aber falsch. Nämlich mit viel zu viel Nachsicht. Eine ‘schwere Kindheit’ rechtfertig nicht, sich unsozial zu verhalten. Sie erklärt es vielleicht, aber rechtfertigt es nicht. Behandlung muss also auch mit Konfrontation einhergehen.

Der Film ‘Systemsprenger’, wirklich großes Kino, ganz ohne Ironie. Hat der Film eine Absicht? Ich weiß es nicht. Jedoch dürfte sich meine Lesart erheblich von der in der Sache Unbedarften unterscheiden. Es ist darin nämlich nicht alles ‘ganz, ganz schlimm’, die Sozialarbeiter und Therapeuten reißen sich ein Bein aus. Freilch ist es wenig sinnvoll, die aufgrund des Gewalttraumas entstandene dissoziative Aggression, wie sie in dem brutalen Beispiel auf der Eisbahn gezeigt wird, zu verurteilen. Sie sollte aber anders als im Film dargestellt, und wie es leider wirklich stattfindet, später angesprochen und aufgearbeitet werden. Wie es sich für die Szene anbieten würde, wo Benni der Schulkameradin den Kopf auf die Tischplatte schlägt. Das muss sanktioniert werden, so dass sich da freilich die Therapie nicht nach dem anfühlt, was landläufig unter Therapie verstanden wird, sondern eher nach Konditionierung. Es ist ein sehr modisches Erziehungsverständnis, das ganz ohne Strafen auskommen will, um der 'Autonomie' des Kindes gerecht zu werden. Mag sein, dass Erziehung nur über Ignorien und positiver Verstärkung in solchen Familien funktioniert, die eine lange Tradition darin haben, wo also die Eltern tatsächlich Vorbild sind, quasi ein Erich Kästner als Papa. Wobei ich nichts über dessen Privatleben weiß, vielleicht verhält es sich ja wie bei Thomas Mann? Und wie viele haben schon das Glück? Ich halte solche Maßstäbe für nicht auf den Bevölkerungsdurchschnitt übertragbar. Das ist ja kein Aufruf nach Gewalt gegen Kinder. Heute allerdings scheint es schon die Grundrechte der Kleinen zu beschneiden, sobald man ein Fernsehverbot oder Hausaurrest auspricht. 

Am meisten stört mich die inflationäre Verwendung psychiatrischer Begriffe. Nein, Empathie heißt nicht Gefühlsduselei. Empathie setzt sich einerseits aus dem Mitempfinden über die Spiegelneurone, andererseits aus der Perspektivübernahme zusammen. Letztere ist eine rein kognitive Leistung. Empathie kann das Denken nicht ersetzen, da beides zusammengehört.

Nein, wir sind nicht alle ‘irgendwo traumatisiert’. Die Traumakategorien sind klar definiert, werden grob unterschieden in Monotrauma, kollektive Traumata, solche durch Höhere Gewalt entstandene und in menschengemacht, und anhaltende chronische Traumatisierung. Die eingangs erwähnte Haltung, jeder hätte schon Traumatisierung erfahren, führt nur zu dem
bereits allzuweit verbreiteten ‘Wer lauter heult, hat Recht’. Es füht gar zu an Wahnvorstellungen grenzenden Forderungen wie der, in einem literarischen Colloquium etablierten Klassikern eine ‘Triggerwarnung’ voranzustellen.

Nein, wir sind nicht eigentlich und nicht im Grunde, einfach gar nicht, alle irgendwo hochbegabt und hochsensibel. Letzeres meint sowieso meistens nur Wehleidigkeit und gerade nicht die feinen Antennen für das Gegenüber.Auch das Geplärre um das falsche Lernen, die mangelnde Chancengleichheit und den kopflosen Reformwahn im Bildungswesen ändert nichts an der Gaußschen Normalverteilung. Auch für einen tatsächlich Hochbegabten fällt der Erfolg nicht vom Himmel. Auch für ihn geht dem Erfolg Anstrenung und Hingabe voraus.
Freilich darf man die Frage stellen, welche Umstände Kindern und Jugendlichen die allen Menschen angeborene Neugier austreiben. Das darf jedoch nicht dazu führen, die Ausgangslage einer vermeintlichen Gerechtigkeit halber für alle nach unten zu nivellieren.

Aus all diesen falschen Annahmen heraus, zieht die Anti-Psychiatriebewegung ihre Legitimation. Diese Bewegung ist noch nicht einmal offen für den Austausch im Rahmen eines Trialogs. Sie hat halt Recht, so einfach ist das. Und schadet damit Patienten mit einer guten Compliance.

Dass auch die Medizin dem Zeitgeist unterworfen ist, steht auf einem ganz anderen Blatt. So hat es mich nicht weiter verwundert, als unlängst bekannt wurde, dass das Milgram-Experiment eben doch manipuliert war, die Probanden in der Rolle der Wärte zu besonderer Brutalität aufgerufen worden waren. Die These, dass jeder unter entsprechenden Umständen zum Killer heranreifen könnte, kann ich nicht unterstützen. Hier wird Kausalität mit Korrelation verwechselt.
Genausowenig wie ich es unterstütze, Psychopharmake wie Zuckerpillen zu verschreiben. Der Flut an ADSH-Diagnosen, oder äquivalent der plötzlichen Zunahme von Nahrungsmittelunverträglichkeiten, wird man nicht mit Pillen beikommen können, sondern eher mit einem vernünftigen Verständnis über die Bandbreite menschlichen Erlebens und Handelns, das meistens eher irrational und gefühlsgesteuert ist.
Und freilich ist die Pharmaindustrie vom Profit getrieben, das ist aber überall so. Auch die in Fachpublikationen schon länger diskutierte, häufig fehlende Wirkung von Anti-Depressiva ist keine Verschwörung, sondern zeigt im öffentlichen Diskurs deutliche Parallelen zur aktuellen Debatte um den Erkenntnisgewinn der Virologen und anderer Wissenschaftler in der Corona-Pandemie.

Wie umgehen mit für Andere gefährliche Erkrankte? Strenger, einfach strenger, denn die Freiheit des Einzelnen hört da auf, wo sie die Freiheit des anderen nimmt. Oder gar das Leben. Der Attentäter von Hanau war nicht ‘einfach Rassist’, sondern wahnerkrankt und vorher bereits auffällig gewesen. Weniger auffällig, vielleicht war dies tatsächlich nicht vorauszuahnen, war der Mörder von Fritz von Weizsäcker, ebenfalls mindestens von einem wahnhaften Rechtsempfinden getrieben.
Woran man gut erkennen kann, dass die Grenze zwischen Verschwörungstheorien und Wahngedanken fließend ist. Typischerweise kann man beidem nicht mit Argumenten beikommen, woraus sich konsequenterweise ergeben muss, dass es gerade kontraproduktiv ist, solchen Gestalten mit noch mehr Verständnis entgegenzukommen, sie damit zu legitimieren. Wieso eigentlich wird ein solches Verweigern von Verständnis nur auf Nazis angewandt?

Klar, dass sich deart Betroffene selbst eher als Streiter für die Gerechtigkeit, gar als die Reinkarnation des Franz von Assisi, der ja auch Stimmen hörte, sehen. Gerade in der Ablehnung von Kategorien wie ‘gut’ und ‘böse’ zeigt sich die Gefahr einer Rechtsprechung, die richtig nicht mehr von falsch unterscheiden kann. So dass wir es jetzt auch noch mit einer Anti-Verfassungsrichterin zu tun bekommen.

Evolutionäre Gedanken

Submitted by andrea on Tue, 05/26/2020 - 11:17

Evolutionäre Gedanken
über den Sinn des Lebens, das Universum und den ganzen Rest.

Alles unterliegt einer Evolution, die Technologie, wie sie von Stanislaw Lem ausführlich in seiner ‘summa technologiae’ beschrieben wurde, über die Wirtschaft, von der ich meine, dass hier Hans-Magnus Enzensberger einen vernünftigen Überblick geschaffen hat, bis zur Religion: Gott ist kein kreationistischer, sondern eine bewegende Urkraft.

Die Technologie: Als Johannes Gutenberg den Buchdruck erfand, war die Sorge groß, wenn jeder sich einfielen ließe zu lesen oder gar zu schreiben, würde das Volk verdummt. Zum Teil traf diese Sorge zu, erreichten doch gerade die ersten Groschenromane eine hohe Auflagenstärke. Der Vergleich zu den heutigen sozialen Medien liegt nahe. Es ist nicht die Technologie, die gefährlich ist, sondern, wie immer, die Menschen, die sie nutzen.
Für mich persönlich funktionieren die neuen Medien gut, denn ich entscheide, welchen Gruppen ich folge, welche Foren ich nutze, was ich selbst publiziere. Freilich – ich bin ja kein US-Amerikaner – befürworte ich eine Kontrolle, die die Flut an Fake News, Hasspostings und Trollen zumindest erschwert.

Die Wirtschaft: Von der Sesshaftwerdung mit dem Ackerbau über die kommunistische Verirrung bis heute beschreibt die Entwicklung ein anthropologische Konstante, die sich bereits in der Genesis niedergeschlagen hat: Der Mensch muss arbeiten. Dies schließt keineswegs aus, dass im modernen Sozialstaat Bedüftigen geholfen werden kann und soll. Als Evolution begriffen, beschönigt es auch nicht die hässlichen Auswüchse des Kapitalismus, die logische Fortsetzung der Sesshaftwerdung, also des Besitzes, konkreter: der Verselbständigung des Tauschmittels Geld. Um gleich dem linken Demagogen, der sich als Humorist ausgibt den Wind aus den Segeln zu nehmen: Nein, ich meine nicht das Zinsprinzip. Als Evolution begriffen schließt sie schon gar nicht aus, dass sich die weitere Entwicklung weg von der Ausbeutung der Arbeitskraft und dem Raubbau am Planeten bewegen wird, bis tatsächlich eine neue Wirtschaftsordnung entsteht.
Sie zeigt so jedoch in aller Deutlichkeit auf, warum der Kommunismus scheitern musste. Weil, auch wenn Marx mit vielen Progonosen Recht gehabt haben mag, der Mensch die Evolution nicht per Gesetzgebung beschleunigen kann. Weil der Mensch über einen angeborenen Antrieb, eine Motivation, zu lernen und zu leisten, ja leisten, verfügt, der sich nicht in eine Kolchose zwängen lässt, schon gar nicht von nicht demokratisch legitimierten Führern. Außerdem hat in der kommunistischen Ideologie die Arbeit nochmal einen höheren Stellenwert, Arbeit musste sein, egal wie sinnlos, überflüssig und unproduktiv. Arbeit war ein Zeichen der Zugehörigkeit und Zustimmung zum autoritären System. Hauptsache Vollbeschäftigung. In nahezu perfekter Absurdität zeigt sich diese Ideologie in einer Lichtgestalt der Nachfolgepartei der SED, die mit der Ablehnung des Leistungsgedankens die vermeintlich oder auch tatsächlich Benachteiligten umwirbt, diejenigen die in der real existierenden DDR ein Fall für den Jugendwerkhof oder schlimmeres gewesen wären, und selbst mit einem Burn-Out kokettiert.

Die Religion: Die einzig richtige Religion gibt es nicht, da auch die religiösen Vorstellungen, Erzählungen und Theologien der Evolution unterworfen sind, vom Animismus über den Polytheismus zum Monotheismus. Bereits das alt-testamentarische ‘Auge-um-Auge’ des viel kritisierten mosaischen Rachegotts beschreibt einen Paradigmenwechsel von der Sippenhaft hin zu ‘angemessener’ Vergeltung.
Wer wäre ich, wollte ich über Religionen in anderen Winkeln der Welt urteilen? War es mir bisher nicht vergönnt, in kosmopolitscher Absicht, die Welt zu bereisen, will ich doch einen Blick hinein wagen, über mein Fesnter zur Welt, die Literatur. In dem Roman ‘Das Gleichgewicht der Welt’ von Rohinton Mistry, wird die Geschichte zweier Pariah in ihrem Überlebenskampf beschrieben, vor dem Hintergrund des Ausnahmezustandes und der Bevölkerungspolitik unter Indira Gandhi. Es geht um das Aufbrechen des starren Kastensystems per Dekret und nicht zuletzt Gewalt.
Das allein ist schon so hoch komplex, dass ich mich nicht in die Details des hinduistischen Glaubens vertiefen muss, schon gar nicht, ein Urteil darüber fällen.

Dies führt jedoch zur nächsten Gretchenfrage: Ist der Mensch von Natur aus gut? Geht es auch ohne Gewalt? Wie kommt ‘das Böse’ in die Welt?

Hier gebe ich mal den evolutionären Humanisten recht, die an Beispielen, wie dem des ‘Kriegs der Schimpansen’ die Dynamik von In- und Out-Groups recht anschaulich beschreiben.
Da hören die Gemeinsamkeiten aber auch schon wieder auf. Die Aufforderung, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, in der Art, wie sie von zeitgenössischen Intellektuellen geäußert wird, empfinde ich als Anmaßung, gerade weil sie unser evolutionäres Erbe kleinredet und gleichzeitig Bildung und Befindlichkeiten bzw. Wunschdenken durcheinander wirft.
Der Mensch ist in erster Linie weder gut noch böse, sondern dumm bzw. bequem und scheut unangenehme Wahrheiten.

Kann also der Gewalt mit bedingungslosem Pazifismus begegnet werden?

Eine Imaginationsübung: Der POTUS hat es endgültig versemmelt, China ist aufstrebende Weltmacht und Europa muss sich mit Russland arrangieren. Und dann schicken wir Claudia Roth in die Krisen-, Friedens- oder Abrüstungsverhandlungen mit Putin?
Ich sehe da ein riesiges Intelligenzgefälle, wie auch im Vergleich zwischen dem versierten Geheimdienstler und dem irrlichternden Wahnsinnigen im Weißen Haus. Leider, oder vielleicht Gott sei Dank, auch einen himmelweiten Unterschied im Charisma.

Sorgen um meine Verfassungstreue muss sich niemand machen, im Spektrum der politischen Mitte ist reichlich Spielraum, da schließe ich großzügig die Grünen, die ein oder zwei kluge Köpfe haben, sowie explizit die FDP mit ein. Vielleicht gelingt es irgendwann, die Episode Westerwelle-Möllemann zu verzeihen. Wenn man den Grünen und ihrer in den Ursprüngen bemerkenswerten Einstellung zur Pädophilie verzeihen kann, sollte das doch möglich sein? Die Liberalen taugen nur Ideologen mit unterkompexem Weltbild und aus dem gleichen Grund sehr jungen Menschen als Feindbild. Denn, nein, auch die FDP hat sich nicht eine Rolle Rückwärts ins Programmheft geschrieben. Es gehört schon eine Menge bösen Willens dazu, die Liberalen so gründlich missverstehen, eben, zu wollen. Der politische Schlagabtausch lebt von der plakativen Zuspitzung. So geschehen, wird  eine solche nur und ausschleßlich der FDP vorgeworfen, da wird dann jedes Wort auf die Goldwaage gelegt. Genug der Ehrenrettung für die Freiheitlichen. Ich muss mir unbedingt mal den unerträglich faden, schulmeisterlichen und (selbst-)gefälligen Humor, wenn man es so nennen will, von Formaten wie der heute show vorknöpfen. Meine Einstellung zur Linken habe ich angedeutet und dürfte sich von selbst erklären. Die AfD halte ich bei dieser Betrachtung nicht für erwähnenswert.

Warum bin ich in dieser komplexen Welt ausgerechnet Christ? Ich bin getauft. So einfach ist das. Und ich folge der Empfehlug des Dalai Lama, sich in erster Linie in der Religion, in die man hinein geboren wurde, auszukennen, anstatt sich anderen Religionen anzuschließen, gar irgendwelchen Moden folgend nach Gutsherrenart in ihnen zu wildern.
Weil ich ferner lieber eine lebensbejahende Schöpferkraft annehme als dem Menschen die Entscheidung über Leben und Tod, über lebenswertes und unwertes Leben zu überlassen. Über die Frage, ob ich meinem eigenen Leben ein Ende setzen darf und mir dabei assistieren lassen darf, ließe ich mit mir streiten. Es gibt Krankheiten, die ein Weiterleben oder eher Vegetieren unzumutbar erscheinen lassen.

Auch die katholische Kirche kann sich der Evolution nicht entziehen. Warum kann ein unfehlbarer Papst, der sicher unterstützenswerte authentisch reformwillige Franziskus, nicht Knalltüten wie einen Kurienkardinal Müller oder einen ‘Gegenpapst’ Benedikt zur Ordnung bzw. zum Gehorsam rufen?
Letzter höchst ketzerische Gedanke, der mir sicher die ewige Verdammnis einbringt:

Ob Jesus – nicht so sehr aufgrund hellseherischer Fähigketen oder Allwissenheit als Gottessohn, sondern vielmehr aufgrund seiner Menschenkenntnis – einen sehr skurrilen Humor zeigte, als er ausgerechnet den rückratlosen Zeloten Petrus zum Fundament seiner Kirche erklärte?

Zeit für einen Paradigmenwechsel!

 

Jenseits von Gut und Böse

Submitted by andrea on Mon, 05/25/2020 - 18:23

Ich habe mich ja – Umwege erhöhen die Ortskenntnis – intensiv mit den Atheisten rund um die Giordano-Bruno-Stiftung beschäftigt. Dass es das Böse nicht gäbe, habe ich immer abgelehnt, dabei ist es völlig egal, ob der Begriff religiös konnotiert ist oder nicht. Jeder weiß, was gemeint ist. Sollte man zumindest meinen.

Das Böse kommt ja nicht nur im Gewand religiöser Fundamentalisten daher. Oder in rechtsradikalem Gedankengut. Auch nicht ausschließlich im Denken der extremen Linken - ‘Natürlich darf geschossen werden! -, der Zweck heiligt eben nicht die Mittel, eine seltsame Vorstellung von Frieden.

Das Böse kommt auch ganz attraktiv und harmlos daher, in der Beliebigkeit, in der Anmaßung, selbst davon frei zu sein und ein Patentrezept für das Gute zu haben. Das Böse kommt vor allem fordernd daher, Forderungen, die man selbst nicht lebt. So Trends wie die ‘gewaltfreie Kommunikation’, ich habe das ausprobiert. Gehen Anhängern dieser Mode die Argumente aus, ist es ganz schnell vorbei mit der gewaltfreien Kommunikation. Es folgt unweigerlich der Vorwurf, ich wolle mich darauf nicht einlassen. Wenn ich auf die Widersprüchlichkeit dieser Maßregelung hinweise, folgt blanker Hass.

Ich hab’s ja sehr – Lost in Translation – mit der Sprachverwirrung. Oft muss prophylaktisch ‘kontrollierten Dialog’ betreiben. Das ist wiederum eine Technik aus der Psychotherapie, nämlich das Gegenüber wiederholen lassen, in eigenen Worten, was ich gesagt habe. Dann erkläre ich es nochmal mit anderen Worten. So lange, bis es passt. Oder um es mit Schulz von Thun zu sagen, bis das richtige Ohr die Botschaft hört.

Dass ich da bin, wo ich jetzt bin, war ein langer mühseliger Weg. Der leicht dazu verleiten könnte, mir das abzusprechen, was ich definitiv erlebt habe, einfach weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Traumaopfer bezeichnen sich gerne als ‘Überlebende’. Ja, meinetwegen. Ich bezweifle allerdings, dass das aussagekräftiger als das Wort ‘Opfer’ ist, Ich frage mich, ob man mit solchen Verrenkungen Jugendkulturen, die sich gerne scherzhaft selbst oder freilich auch Andere mobbend mit ‘Du Opfer!’ bezeichnen, mehr Bedeutung verleiht als sie verdienen. Außerdem sagt das Wort nichts über die Lebensqualität aus, also ob es gelingt, vom schieren Überlegen wieder in ein Leben zu finden. Im juristischen Sinn bin ich mit meiner Biographie einfach das Opfer. Nicht Mittäter, nicht Pate, Mitwisser oder sonst was.

Ich bin getauft, das werde ich nicht los, und evangelisch sozialisiert. Ich bin nach wie vor offiziell konfessionslos.

Bei den Atheisten rund um die Giordano-Bruno-Stiftung herrscht die Meinung vor, gerade die Protestanten seien besonders starrsinnig und wenig gesprächsbereit.

Ich halte das für eine Fehlwahrnehmung. Als Beispiel will ich den Pfarrer, bei dem konfirmiert wurden, anführen. Ganz alte Schule: Die zehn Gebote, das Glaubensbekenntnis, das Vater Unser sowie Psalm 23 mit lutherischer Auslegung auswendig lernen und freilich auch diskutieren, eben richtig Schule.
Dann kam eine neue Pfarrerin in die Gemeinde, die die andere Konfirmandengruppe leitete und da sich darunter ein geistig behindertes Mädchen befand, wurden dort nur Kerzen gebastelt und so ein Zeug. Klar, kann und soll man auch geistig behinderte Menschen konfirmieren, warum nicht? Aber den Konfirmandenunterricht komplett darauf ausrichten? Eher nicht, oder?

Während ich es andererseits erlebt habe, dass etwa die Tochter meines erstens Freundes in Berlin, der aus der katholischen Kirche ausgetreten war, seiner Oma nachgab, die darauf bestand, dass das Kind getauft würde. Aufgrund der Distanz München-Berlin konnte das Kind nicht am Kommunionsunterricht teilnehmen, nahm aber – und das ist ja an sich auch nicht verkehrt – dennoch an der Erstkommunion teil.

Zurück zu den Atheisten und deren Wahrnehmung des Starrsinns bei der evangelischen Kirche.
Im öffentlichen Diskurs um Weltanschauungsfragen verteidigen die Protestanten konsequent ihre Theologie, während die Katholiken so ein bisschen rumzueiern scheinen, um besonders verständnisvoll auf die Gegner jedweden religiösen Lebens einzugehen. Andererseits werfen die Atheisten ausgerechnet den Protestanten vor, besonders weichgespült zu sein. Soll das verstehen, wer will.

Ich lese ja immer noch den Newsletter des Humanistischen Pressediensts, man muss ja auch bei der Feindpresse auf dem aktuellen Stand bleiben. Und da muss ich manchmal einfach nur lachen. Unlängst haben sie festgestellt, dass das Neue Testament mit dem Alten etwas zu tun habe. Freilich war gemeint, dass sich so manche Zeitgenossen, wie es dem im jüdischen Glauben aufgewachsenen Norman Mailer mit seinem ‘Jesusevangelium’ vorgeworfen wurde, als die Ankunft, bei den Christen die Wiederkehr, des Messias verstünden. Alles nicht ganz neu.

Jedenfalls, bei der Feststellung, dass das AT mit dem NT etwas zu tun haben könnte, dachte ich:
Sapperlot! Vielen Dank für diesen Fund!

Empört euch!

Submitted by andrea on Sun, 05/24/2020 - 05:58

Empört euch!

Lieber nicht zu schnell.

Endlich liegt eine umfassende Karl-Kraus-Biografie vor, ich bin gespannt und muss warten, bis sie in der Bibliothek verfügbar und nicht gerade vergriffen ist.

Ich habe die herrlichen Aphorismen der Berta Pappenheim in meine frelich sehr unvollständige Zitate-Suchmaschine eingepflegt, die letzte vom Prototyp dieser Website übrig gebliebene technische Spielerei. Wer Berta Pappenheim noch nicht kennt, sollte unbedingt die dazu erschienene Biographie und Doktorarbeit von Ellen Janssen lesen. Wird leider nicht mehr aufgelegt, also bitte in Bibliotheken und Antiquariaten stöbern!

Berta Pappenheim ist manchem Zeitgenossen eher unter dem Pseudonym Anna O. bekannt, also die Dame, auf deren Rücken sich Sigmund Freud seinen Ruf erarbeitet hatte.
Eigentlich wollte ich mit der Lektüre über das Leben der Berta Pappenheim nur meine Vorurteile über den Säulenheiligen der Psychoanalyse bekräftigen. Das, immerhin, ist mir gelungen. Auch unter Berücksichtung, dass auch dieser Mensch ein Kind sind seiner Zeit war, mag ich Sigmund Freud immer noch nicht. Daher Karl Kraus, der den Wiener Zirkus um Sexualneurosen gründlich durchschaut hat. Karl Kraus ist eine Zumutung. Karl Kraus tut weh.

Berta Pappenheim war eine kluge und vor allem handelnde Feministin erster Stunde, mehr als das: Sie war Lebensretterin, Lehrerin und Gouvernante. Und damit bin ich bei meinem Thema: Der Empörung und dem Feminismus bzw. was heute im westlichen Dunstkreis darunter verstanden wird. Und der Identitätspolitik.

Nein, Ladies, Frauen sind nicht per definitionem oder per Vorhandensein eines Uterus die besseren Menschen. Es ist ja wohl eine Binse, dass die Aufseherinnen in Ravensbrück, nicht notgedrungen irgendeinen Job machten. Es waren gut dotierte Posten mit Renommee, die Damen Überzeugungstäterinnen. Dazu vielleicht Oskar Maria Grafs ‘Anton Sittinger’. Sehr sympathisch diese Malwine.

Dass man mir meine Kinderlosigkeit vorwerfen wird, ist so vorhersehbar wie das Amen in der Kirche. Ich werde damit leben müssen. Auch damit, dass ich mit solchen Anwürfen schon öfter konfrontiert wurde, bis zuverlässig das Argument kam, immerhin hätte man künftige Rentenbeitragszahler in die Welt gesetzt. Na dann Prost, Mahzeit!

Ich bin mir ziemlich sicher, dass der überwiegende Teil der Mütter, ihre Kinder innig lieben und sie verantwortlich erziehen. Dass Kinder Führung brauchen, nun ja, in gewissen Kreisen immer noch Anlass zu Kontroversen.

Den größten Hype um die Mutterschaft betreibt ja nicht einmal die katholische Kirche mit der Marienverehrung. Nein, den größten Mutterkult betrieben eben die Nazis, weil sie Gebärmaschinen für ihr Kanonenfutter brauchten.

Im Übrigen werden immer noch und gerade die lieben Kleinen verklärt und verkitscht. Kinder sind keine kleinen Erwachsenen, ich befürworte also sehr eine kindgerechte Erziehung. Aber irgendwie ‘rein’ und ‘unschuldig’ sind sie eben auch nicht. Es wird wohl schon jeder beobachtet haben, dass Kinder, so bald sie zehn Worte sprechen können, auch, wenn ihnen was nicht passt, ‘Aua’ schreien, auch wenn da gar kein Aua ist. Sie lügen also, unternehmen erste Gehversuche in der Kunst der emotionalen Erpressung . Das Lügen ist dem Menschen in die Wiege gelegt. Und in gewissen Situationen notwendig, wenn es beispielsweise um den Austausch von Höflichkeiten geht.
Ich fürchte, die verkürzte Form, ein 'Gebot' wie aus dem Struwelpeter – Du sollst nicht lügen – des ‘Du sollst nicht falsches Zeugnis reden wider deinen Nächsten’ - sind zwei völlig verschieden Paar Stiefel.

Söhne haben immer auch Mütter. Männer, die sich als Feministen gerieren, gewinnen bei mir höchstens die Miss Verständniswahl.

Mit all dem habe ich keineswegs gesagt, dass sich Frau und Mann nicht die Familienarbeit aufteilen sollen und können. Aufgrund meiner ganz persönlichen Biographie würde ich mich – als Europäerin mit meinen Erste-Welt-Problemen – eher für Väterrechte einsetzen. Denn da herrscht Schieflage.

Dass die Jungs in der Schule zu kurz kommen, diese These unterstützt etwa auch Luise Reddemann, eine führende Expertin in der Traumaforschung, übrigens psychoanalytischer Schule.

Identitätspolitik, ein neues, sehr zeitgeistiges Projekt. Was ist überhaupt Identität in unserer hoch individualisierten Welt? Einen grünen oder roten Fjällraven Kanken auf dem Rücken zu tragen? Auto oder Fahrrad zu fahren? Fleisch zu essen oder einen vegetarischen oder veganen Lebensstil zu pflegen? Mir scheint jedenfalls, dies wirklich ein subjektiver Eindruck, dass sich Männer damit leichter tun, Kumpels zu haben, die in solchen Äußerlichkeiten anders ticken, jedenfalls nicht missionierend oder belehrend auf Andere einwirken zu wollen. Es mag meinem eigenen Geschlecht geschuldet sein, dass ich mit diesem härter ins Gericht gehe. Verzeihung! Nein, nicht Verzeihung, da müsst ihr durch, meine Damen!

Soll ich überhaupt auf diese hysterische #metoo-Debatte eingehen? Immer wenn ich mit meinem besten Freund chatte und etwas bei mir ähnlich verläuft, schreibe ich kurz: #metoo Smiley.
Hier habe ich nun wirklich Erfahrung, ich bin das Opfer frühkindlicher anhaltender sexueller Gewalt. Aber was sich da unter dem Hashtag versammelt, ist einfach nur lächerlich, Drama Queens.
Ich bin keine Befürworterin von Schuluniformen, Kleidung ist ein Ausdrucksmittel. Und ich würde da keine Vorschriften machen. Die Jungen und Mädchen müssen ihre eigenen Erfahrungen machen. Und die Mädchen werden vielleicht die Erfahrung machen – gerade in der Pubertät -, dass sie angestarrt werden, wenn sie sich allzu freizügig kleiden, gar die primären Geschlechtsmerkmale betonen. Ich glaube nicht, dass pubertierende Jungs im Großen und Ganzen zu Übergriffigkeiten neigen, aber das bei diesen auch die Hormone verrückt spielen und sie deshalb allzu offensichtlich starren, düfte, nein müsste, verständlich sein.
Nichts davon rechtfertigt sexuelle Übergriffe, in welcher Form auch immer. Das merke ich nur an, weil ich weiß, dass ich da aktiv und bewusst missverstanden werden werde.

Also, empört euch, ihr Weltverbesserer!

Über ‘kulturelle Aneignung’ etwa. Das halte ich entsprechend kurz, weil ich so gut wie nie gereist bin. Kurz: Ich kann mir vorstellen, dass Menschen auf dem afrikanischen Kontinent, auch was die Identität betrifft, ganz andere Sorgen haben als die, ob ein europäische Twen Rastazöpfe trägt. Sich über so etwas zu empören, zementiert doch die euro-zentrische Weltsicht , die diese Protagonisten, die eigentlich immer nur mit sich selbst beschäftigt sind, vorgeben zu bekämpfen – wollen sie doch den Menschen in den afrikanischen Ländern auch noch vorschreiben, worüber sie sich zu empören haben.

Überhaupt, diese ganze Empörerei ist ein Luxusgut, das man sich gut und gerne sparen könnte. Würde das Leben leichter machen.

In diesem ganzen Lärm und Geschrei gilt nur noch: Wer lauter heult, hat Recht.

Dank Alice Miller, bei der es mich überhaupt nicht überrascht hat, als heraus kam, wie sie mit ihrem eigenen Sohn umgegangen ist, sind wir alle hochbegabte Underachiever, die eigentlich (sic!) wahnsinnig erfolgreich wären, wäre nur die Welt eine andere.
Das Gegenteil des Experten ist selten der Universalgelehrte, eher der Universalidiot. Der vorläufige Höhepunkt dieser Geisteshaltung ist ein Phänomen Donald Trump. Und das ist brandgefährlich. Ich jedenfalls möchte keinen ‘Hegemon’ oder eine Weltpolizei Russland und/oder China.

Vielen Dank, wenn Sie bis hier durchgehalten haben. Jetzt dürfen Sie sich empören.